Bild: dpa/Monika Skolimowska

Manchmal, wenn ich durch die Straßen des Afrikanischen Viertels im Berliner Wedding spaziere, wird mir  schlecht. Ich gehe auf der Togo-Straße, kreuze die Kameruner- und Sansibarstraße und denke daran, zu welchem Zweck diese Straßen ihre Namen bekamen. 

Vor hundert Jahren sollten schwarze Menschen hier in Berlin zur Belustigung ausgestellt werden. Menschen, die aussehen wie ich. Menschen, die aussehen wie mein Vater. 

Tierparkbesitzer Carl Hagenbeck plante hier vor dem Ersten Weltkrieg einen überdimensionalen Zoo, in dem Tiere sowie Menschen aus den Kolonien ausgestellt werden. Deutsche sollten sich am "Exotischen" ergötzen. 

Es ging darum, Sensationslust zu befriedigen. Und darum, symbolisch die Überlegenheit weißer Menschen zu beweisen. Denn getarnt durch wissenschaftlichem Habitus wurde hier suggeriert: Schwarze Personen sind keine Menschen zweiter Klasse, sondern gleichgestellt mit Tieren. Wilde, die gezähmt werden können und müssen. 

Das Projekt "Afrikanisches Viertel" scheiterte zwar, in Berlin fand aber bereits 1896 die erste Kolonialausstellung statt, bei der auch Menschen aus den Kolonien gezeigt wurden. 

Die Historikern Anne Dreesbach geht von etwa 400 "Völkerschauen" aus, die von der Reichsgründung bis in die 1930er Jahre stattfanden. In diesen "Ausstellungen", die unter Namen, wie "Gorilla-N*****" oder "Kongo-N*****-Truppe" liefen, konnten die Besucher sich von einem "Ausstellungsraum" zum nächsten bewegen, um dort, in nachgebauten Dörfern, Familien bei ihrem Alltag zu beobachten. 

Die "Wilden" mussten hierbei oftmals unbekannte Rituale in Szene setzen, um eine vermeintliche Authentizität zu suggerieren. Dabei war alles von Veranstaltern bis ins kleinste Detail geplant, um die Stereotype, die Deutsche schon aus Erzählungen und Berichten kannten, zu verfestigen. 

Das afrikanische Viertel ist eines der vielen Überbleibsel, die im Berliner Stadtbild an die deutsche Kolonialzeit erinnern. Aber nur wengie wissen um seine Bedeutung. Wie auch? Die meisten Deutschen haben keine Ahnung von ihrer eigenen Kolonialgeschichte. Der Nationalsozialismus steht in Schulen jährlich auf dem Lehrplan. Was Deutschland in seinen Kolonien in Afrika, in Asien und dem Pazifik zu verantworten hat, erfahren Schüler kaum.

Die Folgen davon spüre ich bis heute. 

Der Umgang weißer Deutscher mit Themen der Kolonialzeit ist oft unbedarft, viele sind sich der Herkunft von Stereotypen und Begriffen kaum bewusst – und nutzen sie einfach weiter. 

Das N-Wort

Es gibt nicht viele Begriffe, die in der Diskussion um politisch korrekte Sprache mehr polarisieren als das N-Wort: "Das ist doch keine Beleidigung", "Schwarz zu sagen ist ja wohl eher rassistisch", "Ich werde weiterhin N-kuss sagen". Das sind nur ein paar der Sätze, die bei diesen Debatten vor allem von weißen Menschen gerne in den Raum geworfen werden: in Talkshows, Zeitungsartikeln und im Alltag. 

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Dass das Wort eng an die deutsche Kolonialgeschichte gebunden ist, wird bewusst ignoriert oder ist unbekannt. Wer die Werke ehemaliger Kolonialisten liest, wird schnell merken, dass das N-Wort nie eine wertungsfreie Bezeichnung für schwarze Menschen war. Oder war der Kolonialist Carl Peters, nach dem eine der Straßen im Wedding ursprünglich benannt war, nur deskriptiv, als er behauptete, der N***** sei "der geborene Sklave, dem ein Despot nötig ist wie dem Opiumraucher die Pfeife [...] Er ist verlogen, diebisch, falsch und hinterhältig"?

Das N-Wort sollte schwarze Menschen schon immer zu Untermenschen degradieren und sie strikt trennen von der sogenannten Herrenrasse. Schwarze Menschen haben das Wort auch schon immer verurteilt (IDS). Es wollte nur keiner hören.  Sie wurden nicht durch eine neue Kultur der politischen Korrektheit dazu verleitet, wie es so oft heißt. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland veröffentlicht dazu seit Jahren regelmäßig Statements. Wer darauf pocht, dieses Wort weiterhin zu benutzen, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er oder sie sei rassistisch. Es gibt keine Rechtfertigung. 

"Darf ich mal anfassen?"

Der Autor und Schauspieler Theodor Wonja Michael, 1925 geboren, hat als Kind selbst in Völkerschauen mitgemacht. In seinem Buch "Deutsch sein und schwarz dazu" beschreibt er die Geschichte seiner Familie – und das Trauma, das diese Ausstellungen hinterlassen haben. Der Deutschen Welle erzählte er, er erinnere sich noch daran, wie wildfremde Menschen ihm mit den Fingern durch seine gekräuselten Haare gefahren seien: "Sie rochen an mir, ob ich echt sei, sprachen in gebrochenem Deutsch und in Zeichensprache mit mir."

Wer Afro trägt, weiß, dass die Frage "Darf ich mal anfassen?" von Fremden noch heute alltäglich ist. Wenn die Antwort "nein" lautet, ist das Verständnis dafür oft begrenzt. 

Dabei steckt in dieser Haltung – wenn auch sicher nicht immer bewusst – die Annahme, dass der Mensch mit Afro kein Individuum ist, das sich Nähe und Distanz wirklich aussuchen darf. Mit einer solchen Attitüde begegnet eigentlich kaum ein weißer Erwachsener anderen weißen Erwachsenen - sondern Kindern. Und Tieren.

"Exotische Ladys"

Schwarze Frauen wurden in der Kolonialzeit stark sexualisiert, beschreibt die Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst im Deutschlandfunk: "Die schwarze Frau war sehr stark Symbol von übermäßiger Sexualität, als Verführerin wurde sie dargestellt, vor allen Dingen auch als Verführerin des weißen Mannes, der in die Kolonien ging."

Dieses Bild prägt das Denken vieler bis heute: "Ich wollte schon immer Mal was mit 'ner Schwarzen haben" ist ein Satz, den schwarze Frauen vor allem von weißen Männern regelmäßig zu hören bekommen. Oft schon als Einstieg ins Gespräch. Als seien wir ein sexuelles Experiment, das jeder im Leben einmal ausprobiert haben muss, und keine Individuen. Oder auch das vermeintliche Kompliment: "Schwarze Frauen sind so schön kurvig". Eine Generalisierung, die schwarze Frauen nicht nur auf ihre Körper reduziert, sondern auch unter Druck setzt, da Überraschung, nicht jede von uns einen Hintern wie Beyoncé hat.

Aufklärung! Jetzt!

Berlin ist mein Zuhause. Trotzdem werde ich in meiner Stadt und von den Menschen um mich herum regelmäßig daran erinnert, dass für mich kein Platz in der Mitte der Gesellschaft vorgesehen war – sondern ganz unten. 

Das wird sich auch nicht ändern, solange Deutschland sich nicht mit seiner Kolonialgeschichte befasst und sich seiner Bringschuld gegenüber den ehemaligen Kolonien bewusst wird: solange der Genozid an den Herero und den Nama keinen Platz im kollektiven Gedächtnis dieses Landes findet; solange die Entstehung von Rassenlehre und die Völkerschauen kein Thema sind und solange despotische Kolonialisten nicht aufs Schärfste geächtet werden, kann man nicht davon ausgehen, dass Menschen ihre Vorurteile als solche erkennen und hinterfragen. 

Und so lange wird mir manchmal schlecht werden, wenn ich durch die Straßen im Berliner Wedding spaziere. Ich werde wütend sein, wenn Fremde durch Afros wuscheln, deprimiert, wenn sogenannte Intellektuelle das N-Wort verteidigen und genervt, wenn ich mal wieder als sexuelles Objekt angesprochen werde, nicht als Person. 


Gerechtigkeit

High und woke? Was Drogenkonsum die Welt wirklich kostet - und warum wir nie darüber reden
Wen unterstützen wir eigentlich, wenn wir kiffen oder koksen?

Tom*, 27, ist Unternehmensberater in Berlin. Er lebt vegetarisch, für seine Gesundheit, er fliegt so wenig wie möglich, für die Umwelt, und wenn er wochenends im Berghain feiert, dann nimmt er Drogen. Für den Genuss.

Er begann vor drei Jahren, mit Ecstasy und Speed, "Einstiegsdrogen", sagt Tom. Dann kamen Kokain, MDMA, Ketamin, K.o.-Tropfen. In seiner Hochphase, vor einem Jahr, war er jedes Wochenende im Berghain. Jeden Sonntag auf Drogen, sein Rekord: drei Monate am Stück. "Das war hart", sagt er. "Echt geil, aber hart."

Seit Tom nicht mehr Student, sondern berufstätig ist, konsumiert er seltener, etwa alle sechs Wochen. Er spricht offen und ohne Scham über seinen Konsum, nur ein einziges Mal kommt er ins Stocken: bei der Frage, woher sein Stoff eigentlich stammt – und wer von seinem Konsum profitiert.