Bild: Unsplash
Wen unterstützen wir eigentlich, wenn wir kiffen oder koksen?

Tom*, 27, ist Unternehmensberater in Berlin. Er lebt vegetarisch, für seine Gesundheit, er fliegt so wenig wie möglich, für die Umwelt, und wenn er wochenends im Berghain feiert, dann nimmt er Drogen. Für den Genuss.

Er begann vor drei Jahren, mit Ecstasy und Speed, "Einstiegsdrogen", sagt Tom. Dann kamen Kokain, MDMA, Ketamin, K.o.-Tropfen. In seiner Hochphase, vor einem Jahr, war er jedes Wochenende im Berghain. Jeden Sonntag auf Drogen, sein Rekord: drei Monate am Stück. "Das war hart", sagt er. "Echt geil, aber hart."

Seit Tom nicht mehr Student, sondern berufstätig ist, konsumiert er seltener, etwa alle sechs Wochen. Er spricht offen und ohne Scham über seinen Konsum, nur ein einziges Mal kommt er ins Stocken: bei der Frage, woher sein Stoff eigentlich stammt – und wer von seinem Konsum profitiert.

Tom bezieht seine Drogen von einem befreundeten Dealer. Lange warten muss er nicht. "In Berlin kommst du in 60 Minuten an jede Droge der Welt, aber wartest Ewigkeiten auf einen Termin beim Bürgeramt", sagt er.

Ihm sei vor allem die Qualität des Stoffes wichtig, so Tom. Woher sein Dealer ihn bezieht, und wer dabei letztlich abkassiert: zweitrangig.

"Das Drogengeschäft spielt sich auf mehreren Ebenen ab", sagt Christian Hoppe, Gruppenleiter der Abteilung Rauschgiftkriminalität des Bundeskriminalamts (BKA). 

"Auf der Klein-, der Zwischen- und der Großhandelsebene."

Die Endkonsumenten kommen in der Regel mit der Kleinhandelsebene in Kontakt; etwa Tom mit seinem befreundeten Dealer. Hier ist die kriminelle Energie vergleichsweise gering, ihre Gewinne verwenden die Kleinhändler vor allem für den eigenen Lebensunterhalt. 

Problematisch wird es auf der Zwischen- und Großhandelsebene. Hoppe: "Vielen Konsumenten ist nicht klar, dass sie eine erhebliche kriminelle Maschinerie unterstützen."

  • Kokain etwa stammt fast ausschließlich aus Südamerika. Kartelle aus Kolumbien, Mexiko und die italienische Mafia dominieren den Welthandel. (n-tv
  • Heroin und andere Opiate werden größtenteils in Afghanistan hergestellt. Der Hauptprofiteur: die Taliban. (BBC)
  • Der Handel mit Cannabis ist teilweise sehr örtlich und regional strukturiert, doch die Mehrheit des Stoffes wird aus Nordafrika importiert, vor allem aus Marokko. (Uno) Dort beherrschen mächtige Familienclans das Geschäft.
  • Bei synthetischen Drogen ist die Lage ähnlich, auch dort gibt es neben globalen auch regionale Strukturen. Klar ist: Der weltweit größte Exporteur von synthetischen Drogen ist China. Von dort beziehen die meisten Labore, vor allem in den Niederlanden gibt es viele, ihre Ausgangsstoffe – oder direkt die fertigen Endprodukte. Auf dem deutschen Markt beteiligen sich unter anderem die kalabrische N’Drangheta-Mafia und chinesische Triaden am Handel. (NY Times )

Doch die Gewalt, mit der das Drogengeschäft einher geht, wird von vielen als reine Popkultur wahrgenommen. 

In Serien wie "Narcos" oder "Breaking Bad", in Rapsongs von Capital Bra und Co. werden Produktion, Handel und Konsum ausgiebig behandelt, teils verklärt und romantisiert. 

Drogenkonsum als Popkultur in "How to sell drugs online (fast)"

(Bild: Netflix)

Womöglich ist auch das ein Grund, weshalb laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) jeder dritte junge Erwachsene Erfahrungen mit illegalen Drogen hat (34,8 Prozent) . Die meisten haben Cannabis konsumiert, immerhin sieben Prozent auch andere Mittel. Die Tendenzen sind bei fast allen Drogen steigend. (BzgA)

Gleichzeitig liegt ein nachhaltiger, ökologischer, fairer Lifestyle gerade bei jungen Menschen im Trend. Bio-Gemüse, Fairtrade-Kleidung, Yoga-Kurs – und nach Feierabend koksen, kiffen, Ecstasy.

Tom sagt, er sei zwiegespalten. "Natürlich steht der Konsum komplett konträr zu meinem Vegetarismus und meinen sonstigen Einstellungen." Andererseits seien Drogen für ihn eben ein unverzichtbarer Teil seines Hobbys: Ausgehen. Sie erweitern sein Bewusstsein, erleichtern ihm das "socializen", geben ihm ein gutes Gefühl. Ob er sich deshalb je wie ein Straftäter fühlte? "Nein. Niemals."

Professor Dr. Henning Schmidt-Semisch, Kriminologe und Soziologe an der Universität Bremen, weiß, warum viele Konsumenten wie Tom empfinden. "Drogenerwerb und -besitz sind opferlose Delikte", sagt er. "Der Kauf erfolgt einvernehmlich, niemand kommt dabei zu Schaden."

Das Problem an dieser Auffassung ist, dass sie sich nur auf die Kleinhandelsebene beschränkt. 

Denkt man in größeren Zusammenhängen, so wirken Drogendelikte kaum "opferlos". Im Gegenteil, Hoppe spricht von einer "zunehmenden Gewaltbereitschaft auf der Großhandelsebene."

In Mexiko wurden im vergangenen Jahr 33.369 Morde registriert, ein Rekordhoch in der jüngeren Geschichte. Seit der Auslieferung und Verurteilung des Drogenbarons "El Chapo" toben dort blutige Machtkämpfe, unter denen die gesamte Gesellschaft leidet. (Insight Crime)

In den Niederlanden sprechen Polizei und Medien immer wieder von einem "Narcos-Staat", die Behörden sind im Kampf gegen Drogenkriminalität heillos überfordert. In den vergangenen Wochen sorgte der Mord an einem Anwalt für heftige Debatten: Er hatte den Kronzeugen vertreten, der gegen einen marokkanisch-niederländischen Haschisch- und Kokainhändler aussagen will. (The Guardian)

Und in Deutschland? Laut Lagebericht des Bundeskriminalamtes von 2018 handelt mehr als ein Drittel aller hier tätigen kriminellen Vereinigungen mit Betäubungsmitteln: italienische Mafia-Clans, Rockerbanden, osteuropäische Gruppierungen. Die Erlöse, so Hoppe, werden reinvestiert. In Immobilien, in Waffen, ins Rotlichtmilieu. 

Der BKA-Gruppenleiter nennt Drogenhandel deshalb „häufig Ursprung, Grundlage und Beförderer anderer Kriminalitätsformen“. Von Eigentums- und Raubdelikten über Korruption bis hin zu Gewaltstraftaten und Tötungsdelikten. „Das – und damit den Einfluss auf die öffentliche Sicherheit – darf man nicht unterschätzen.“

Natürlich gibt es auch ab und zu den netten Weed-Produzenten von nebenan, den mit der Hinterhof-Plantage. Natürlich gibt es einigermaßen harmlose Ecstasy-Labore im Ein-Mann-Betrieb. Mit Blick auf den gesamten Markt sind das allerdings eher Ausnahmen, nicht die Regel. Wer also nicht mit Sicherheit weiß, woher sein Stoff stammt, der muss rein nach Wahrscheinlichkeit damit rechnen, am anderen Ende der Handelskette Schwerverbrecher zu finanzieren.

Was also tun?

Professor Dr. Schmidt-Semisch sieht in dieser Problematik nicht die Konsumenten in der Pflicht. Er sagt: "Niemand kauft Drogen, um kriminell zu sein oder Verbrecher zu unterstützen. Es gibt schlicht keine andere Möglichkeit."

Die Illegalität des Geschäfts ist ein Problem für die Konsumenten, vor allem aber für die Staaten, in denen viele Drogen hergestellt werden. Anders als in den größten Absatzmärkten, (West-)Europa und den USA, fehlen dort oft die Mittel und Möglichkeiten zur Strafverfolgung.

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Stattdessen ist das Geschäft mit Drogen in Ländern wie Mexiko, Kolumbien, Albanien, Myanmar ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, sind Drogenbarone für viele Menschen Arbeitgeber – und Politiker entweder hilflos oder korrumpiert. In Afghanistan etwa macht der Anbau von Mohn, dem Grundstoff für Opium, zwei Drittel der landwirtschaftlichen Erträge aus. Die soziale, finanzielle und politische Rückständigkeit solcher Staaten ist nicht zuletzt eine Folge der Drogenkriminalität. (Afghanistan Analysts

Wer trotzdem Drogen konsumieren will, muss sich also fast zwangsläufig solchen Strukturen zuwenden. Denn während man beim Lebensmittelkauf zwischen Bio und Discounter, beim Shopping zwischen Fairtrade und "Made in Bangladesh" wählen kann, bleibt für Drogenkonsumenten nur die Wahl zwischen Illegalität und Verzicht. 

Und Letzteren kann sich Tom nur schwer vorstellen. Seinen Konsum weiter zu reduzieren, das sei sicher denkbar, aber ein, zwei Mal im Jahr auf Drogen feiern - darauf wolle er nicht verzichten. Lieber denkt Tom laut über eine Entkriminalisierung nach – und schaltet, wenn er das nächste Mal ins Berghain geht, die Gedanken aus.

"Im Endeffekt“, sagt er, "ignorieren wir das alle.“

Und da sind Drogen dann anderen Konsumgütern doch wieder sehr ähnlich. 

*Name von der Redaktion geändert


Future

Hallo Job, tschüss Gott: Der Berufseinstieg als Grund für den Kirchenaustritt
Und wie die Kirche versucht, junge Menschen doch von der Institution zu überzeugen.

Als Gero*, 24, ins Amtsgericht Mitte in Berlin kommt, muss er sich erst einmal orientieren. Dutzend Schilder weisen in verschiedene Richtungen. Dann entdeckt er die Hinweistafel, nach der er gesucht hat: Kirchenaustritte.

Der Brand-Manager klopft an die Tür des Amtszimmers, unterschreibt einen Zettel und verlässt es zehn Minuten später, so erinnert er sich. Jetzt hat er es schriftlich: Gero ist jetzt kein Mitglied der evangelischen Kirche mehr.

Gero hat sich nicht wegen der Missbrauchsskandale von der Institution verabschiedet, nicht wegen seiner Homosexualität, auch nicht, weil er grundsätzlich nichts vom Glauben hält. Es liegt am Geld, genauer: an der Kirchensteuer.

Zwei Wochen nach Geros Austritt beginnt sein erster Job, er bekommt jetzt ein festes Gehalt. Von seinem Lohn würde ihm der Kirchenbeitrag als Teil der Einkommenssteuer abgezogen. Neun Prozent davon wären das zurzeit. Doch Gero möchte dieses Geld lieber für sich behalten.

In Deutschland verlassen bis zum 31. Lebensjahr rund 20 Prozent der getauften Frauen und 30 Prozent der getauften Männer die Kirche. Die Wahrscheinlichkeit für den Kirchenaustritt ist im Alter zwischen Mitte und Ende 20 am höchsten. Ab Mitte 30 nehmen die Zahlen kontinuierlich ab. Das zeigt eine 2019 veröffentlichte Studie des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg.

Die Autoren vermuten, dass Kirchenaustritte junger Menschen im Zusammenhang mit dem Berufseinstieg stehen. Mit Mitte 20 steigt die Austrittswahrscheinlichkeit auf einmal deutlich an. Genau in diesem Alter starten auch viele mit ihrem ersten Job. Die Studie hat allerdings nicht explizit untersucht, aus welchen Gründen junge Menschen die Kirche verlassen haben.

Für seinen Austritt musste Gero im Bürgerbüro keinen Grund angeben. Genaue Statistiken der Ämter und Glaubensgemeinschaften fehlen deshalb. Die Webseite kirchenaustritt.de erfragt jährlich die Hauptaustrittsgründe. Im Jahr 2018 nahmen an der Umfrage fast 57.000 Menschen teil. Die Kirchensteuer war mit 44,2 Prozent Anteil der größte Faktor. Gefolgt von 34,4 Prozent der Befragten, die mit der Institution Kirche beziehungsweise einzelnen Amtsträgern unzufrieden waren.

Jugendliche und junge Erwachsene sind oftmals passive Kirchenmitglieder. Nur zu ihrer Konfirmation oder Firmung engagieren sie sich in ihren Gemeinden. Müssen sie dann zum Berufseinstieg auf einmal Geld für ihre Mitgliedschaft bezahlen, verlassen viele die Glaubensgemeinschaft – die Zahlen legen diese Vermutung nah.

"Müsste ich keine Steuer zahlen, wäre ich wahrscheinlich nicht ausgetreten", sagt Gero. "Ich habe zwar schon öfter über meine Kirchenzugehörigkeit nachgedacht, aber der Moment, in dem man dann wirklich austritt, kommt erst, wenn es um das selbst verdiente Geld geht."

Hubertus Kerscher, 26, hat seine Priesterausbildung bei der katholischen Kirche durchlaufen. Jetzt ist er Kaplan in der bayerischen Kleinstadt Pocking nahe der Grenze zu Österreich. In ein paar Jahren wird er selbst als Pfarrer eine Gemeinde betreuen. "Wenn man überhaupt nicht glaubt, verstehe ich, dass man aus der Kirche austritt", sagt er.

Wer eine Bindung zum Glauben habe, bleibe der Gemeinschaft treu – mit oder ohne Kirchensteuer, so Kerscher. Fehle diese Zugehörigkeit allerdings, könnte der Berufseinstieg durchaus ausschlaggebend für den Austritt aus der Kirche sein.

"Die Kirchensteuer ist bei vielen auf der Liste der Dinge, über die man nachdenkt, wenn man das erste Mal richtig Geld verdient", sagt Hubertus. Aber er ist sich sicher, dass es vielen nicht allein um die Ersparnis geht: