Bild: Privat

Strom aus Kohle ist dreckig und katastrophal für das Klima. Die Kohleverstromung ist eine überholte Technik aus dem vorletzen Jahrhundert. Das finden nicht nur Klimaaktivisten, sondern auch die Bundesregierung. 

Das letzte Kohlekraftwerk soll irgendwann zwischen 2030 und 2040 vom Netz. Derzeit aber hängen noch Zehntausende Jobs von der Kohleindustrie ab. 

Auch junge Menschen arbeiten in diesem Sektor. Wenn die Kohleförderung in Rente geht, haben sie noch die Hälfte ihres Berufslebens vor sich. Wie beeinflusst der Ausstieg ihr Leben?

Patrick ist 29 und arbeitet im Tagebau Inden in Nordrhein-Westfalen. 

Seit 2008 ist er bei RWE beschäftigt, zunächst bildete ihn der Betrieb als Elektroniker für Betriebstechnik aus, mittlerweile hat er sich zum staatlich geprüften Techniker weitergebildet.

"Um 6 Uhr ist Arbeitsbeginn, dann stehe ich umgezogen in Arbeitskleidung und mit rotem Helm in der Werkstatt. Bergleute tragen gelbe, Industriemechaniker blaue Helme. Dann informieren uns unsere Vorgesetzten über die anstehende Arbeit.

Eben habe ich noch knöcheltief in der Kohle gestanden. Der Tagebau wandert und dementsprechend beschäftigen uns permanent Umbauten der Bänder, auf denen die Kohle befördert wird. 

Der Zusammenhalt im Bergbau ist einfach überragend – jeder kennt jeden, auch privat. Wir feiern viele Feste zusammen, auch mit Vorgesetzen. Aus Kollegen werden Freunde. 

Viele wissen gar nicht, was wir im Tagebau genau leisten – im Freundes- oder Bekanntenkreis oder in den sozialen Medien. Ich versuche meine Sicht darzustellen, damit jeder sich seine eigene Meinung über den Kohleausstieg bilden kann."

Mitarbeiter in der Braunkohleindustrie

In einer im Juli erschienen Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamtes heißt es, dass Ende 2015 etwa 20.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Braunkohleindustrie beschäftigt waren. Da derzeit laut Untersuchung mehr als 50 Prozent der Beschäftigten älter als 50 sind, gehen die Autoren davon aus, dass der Strukturwandel weitgehend ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgen kann. "Grund hierfür ist, dass bis zum Jahr 2030 ohnehin fast zwei Drittel der aktuell im Braunkohlebergbau Beschäftigten in den Ruhestand gehen."

Eine ähnliche Untersuchung im Auftrag der Grünen kommt zu dem Schluss, dass sich betroffene Unternehmen bereits breiter aufstellen – zum Beispiel Ingenieursdienstleistungen anbieten. Nach dem Ende der Kohleförderung sollen auch noch viele Arbeitsplätze erhalten bleiben, die für die Sanierung und Renaturierung der Tagebaue benötigt werden.

"Mich hat die Technik schon immer fasziniert, vor allem in dieser Größenordnung. Unsere Elektromotoren sind so groß wie Kleinwagen. Aus dem Tagebau Hambach kennen vielleicht einige die Bilder, in denen Autos in die Schaufel der Bagger passen. Schon mein Vater hat in der Steinkohle- und in der Braunkohleförderung gearbeitet. In der Grundschule besichtigt man als Schulklasse den Tagebau, lernt, woher die Kohle kommt und wie ein Bergwerk funktioniert. Das hat mich gefesselt – bis heute."

(Bild: Roland Weihrauch dpa/lnw)

"Es ist eine sehr verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe, die wir da haben. Wir sichern die Energieversorgung in unserer Region und darüber hinaus. Wir nehmen das im Team alle so wahr und sind voll dabei.

Von meinem Vater weiß ich, dass Menschen, die früher im Tagebau gearbeitet haben, beneidet wurden. Man hat ihnen auf die Schulter geklopft, heute muss man sich ständig rechtfertigen und verteidigen – gegenüber Bekannten, Freunden und auch Teilen aus der Familie.

Selbst wenn ich woanders einen Job finden könnte, ich arbeite auch aus politischer Überzeugung bei RWE. Ich bin der Meinung, wir werden noch die nächsten Jahrzehnte gebraucht."

Herausforderung für RWE

Aufgrund des Booms der erneuerbaren Energien gerieten Energiekonzerne wie RWE und Eon in den vergangenen Jahren massiv unter Druck. Kraftwerke verloren an Wert, Gewinne fielen geringer aus, die Verluste gingen an die Existenz. Die Unternehmen stellen nun ihr Geschäftsmodell um – auf Dienstleistungen und Ökostrom. (Handelsblatt)

RWE ist der Energiekonzern, der die meisten Emissionen verursacht – als Betreiber von Kohlekraftwerken und Förderer von Braunkohle. Klimaschützer kämpften im vergangenen Jahr gegen die Rodung des Hambacher Forsts zugunsten der Braunkohleförderung. Dem BUND gelang es mit einer Klage, die Zerstörung des Waldes zu stoppen, seitdem stehen die Bagger still. RWE gehen Millionen verloren.

"Was ich unbedingt klarstellen möchte: Keiner von meinen Kollegen und mir leugnet den menschengemachten Klimawandel. Uns ist allen bewusst, dass wir die Erde, auf der wir leben, schützen müssen. Aber gerade in den ersten Jahrzehnten der Energiewende kann man nicht auf die Kohleförderung verzichten. 

Wenn Familien und Freunde fragen, warum ich immer noch für RWE arbeite, erkläre ich: Wir sind in Deutschland eine Industrienation. Um das zu bleiben, brauchen wir bezahlbaren Strom, der niemals ausgeht – mit regenerativen Energien klappt das nicht. Der Energiemix zeigt: Braunkohle hat immer noch einen erheblichen Anteil. Auch der Atomstrom ist wichtig, doch der fällt auf jeden Fall bald weg." 

Energiemix in Deutschland 2018

Der Energiemix zeigt, welche Energiequellen genutzt werden, um Strom zu erzeugen. Dreckige Braun- und Steinkohle machen immer noch ein Drittel aus.

Bruttostromerzeugung in Milliarden-Kilowattstunden:

Braunkohle 146,0

Kernenergie 76,1 (Die letzten Kernkraftwerke werden 2022 abgeschaltet)

Erdgas 83,00

Steinkohle 83,0

Mineralöl 5,2

Sonstige 26,9

ERNEUERBARE ENERGIEN machen einen Anteil von 33,4 Prozent unter allen Energieträgern aus.

Windkraft 113,3

Biomasse 45,57

Photovoltaik 46,3

Wasserkraft 16,9

Quelle: AG Energiebilanz

"Es mangelt schlicht an moderner Technologie: Uns fehlen Massenspeicher, um den Strom dauerhaft und in großen Mengen zu speichern, genauso wie neue Tausende Kilometer lange Stromtrassen, um die Energie zu transportieren. 

Bis diese Umstellungen nicht geschafft sind, kommen wir nicht an Braunkohle vorbei. Wir können nicht sofort aussteigen, so einfach ist das nun mal nicht. Dafür stehen zu viele Arbeitsplätze auf dem Spiel. Und wenn wir großen energieintensiven Konzernen keinen Strom mehr liefern können, sind es um ein Vielfaches mehr. Es kommt oft das Argument: Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs. Das halt ich für Angstmacherei." 

Alternativen zu Kohlekraftwerken

Auch wenn Braunkohle immer noch ein wichtiger Energieträger ist, gibt es die Möglichkeit, noch mehr saubereren Strom aus dem Ausland zu importieren. Klimaschützer halten auch Gaskraftwerke für die bessere Alternative. Sie erzeugen im Vergleich zu Braunkohle mindestens 70 Prozent weniger CO2 pro Kilowattstunde. (Deutsche Welle)

"Der Klimawandel ist ein globales und kein nationales Problem. In Deutschland können wir eine Vorreiterrolle einnehmen, aber wir müssen auch zeigen, dass eine Umstellung auf erneuerbare Energien bezahlbar und zuverlässig funktioniert. Nur so steigen auch andere Länder um. 

Meiner Meinung nach wird das Thema viel zu emotional und ideologisch diskutiert. Im Sommer haben wir im Team tagtäglich über die Ereignisse im Hambacher Forst diskutiert. Die Kollegen dort hatten wirklich Angst um ihr Leben. Was die Demonstranten dort getan haben – Polizisten mit Kot bewerfen, mit Steinen und Molotowcocktails werfen – das hat für mich nichts mehr mit Umweltschutz zu tun. Solche Aktionen machen den guten Gedanken des Natur- und Klimaschutzes zunichte."

Proteste im Hambacher Forst

Der Hambacher Forst ist der zentrale Ort, an dem Kohlegegner für eine saubere Energie kämpfen. Vor allem friedlich. So kamen Anfang Oktober mehrere Zehntausend Demonstranten unter dem Motto #Hambibleibt zusammen, um gegen die mittlerweile ausgesetzte Rodung zu protestieren (WDR). 

Im September hatte es mehrere Zwischenfälle gegeben, als Polizisten den Wald räumten. Der Journalist und Student Steffen Meyn starb, als er die Räumarbeiten der Baubehörden und der Polizei dokumentierte. Er stürzte von einer Hängebrücke zwischen den Baumhäusern und erlag später seinen Verletzungen (bento).

Vereinzelt kam es zu Krawallen. Wie die Polizei mitteilte, hätten Akivisten während der Räumung Eimer mit Fäkalien auf die Beamten ausgeleert (NRZ). Es ging dabei um 150 Aktivisten, die sich gegen die Räumung stemmten, nicht alle von ihnen warfen Kot. Später an Weihnachten hatten Unbekannte das RWE-Camp angegriffen. Sie warfen mit Steinen und Molotowcocktails, ein RWE-Mitarbeiter wurde am Kopf verletzt (bento). 

"Schon bei der Einstellung war uns allen klar, dass die Braunkohleverstromung endlich ist. Der Tagebau Inden wird in den Jahren nach 2030 ausgekohlt sein und kommt somit zum Stehen. Klar machen wir uns Sorgen um unsere Existenz, wie es danach weitergeht.

Es ist belastend, vor allem wenn man über eine Familiengründung nachdenkt. Ich bin 29 Jahre alt, meine Freundin ist jetzt bald mit dem Studium fertig. Für mich wäre die optimale Lösung, irgendwann bei RWE im Bereich regenerative Energien zu arbeiten. Aber soweit ist es noch nicht."

Eine Kohlekommission beschäftigt sich derzeit damit, bis wann die letzten Kraftwerke definitiv vom Stromnetz gehen – und wie Regionen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter danach weitermachen. Eigentlich wollte die Kommission ihren Abschlussbericht schon Ende vergangenen Jahres vorlegen, jetzt soll es Anfang Februar soweit sein. Dabei geht es auch um Milliardenhilfen für Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.  


Future

Und was machst du so? Der Job-Podcast von bento startet

Diese jungen Leute wollen heute anders arbeiten als ihre Eltern: Wir fragen im Vorstellungsgespräch nicht mehr nach dem Dienstwagen, sondern nach der 4-Tage-Woche. Wir sind bereit, uns zu verausgaben – sofern der Job uns erfüllt. 

In unserem neuen Job-Podcast sprechen Nadin Rabaa und Carolina Torres abwechselnd mit jungen Menschen über ihre Arbeit: Was treibt sie an? Was bedeutet Karriere und Work-Life-Balance für sie?  

Hier könnt ihr den Trailer hören: