1700 Beamte hatte die Kölner Polizei in der Silvesternacht am Hauptbahnhof im Einsatz, am Ende verlief der Jahreswechsel dort weitgehend friedlich. Dennoch wird die Rolle der Behörde nun erneut diskutiert: Für Kritiker ist die Kontrolle von Hunderten Nordafrikanern Racial Profiling. "Das war das Dilemma der Polizei: Sie hätte nicht nichts machen können", sagt der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr.

Man müsse die Geschehnisse im Kontext des Vorjahres sehen, sagt Behr im Interview. Es sei Teil der Polizeiarbeit, mit Profilen zu arbeiten. Dazu gehöre auch, sich die Täterprofile aus der Silvesternacht 2015 anzuschauen. "Das Schlimmste, was der Polizei hätte passieren können, wäre gewesen, dass sie diese Personengruppe gar nicht zur Kenntnis nimmt, sich im Hintergrund hält und dann zu spät agiert."

Herr Behr, für die einen waren die Kontrollen in der Silvesternacht rassistisch motiviert, für andere normale Polizeiarbeit. Wie bewerten Sie die Ereignisse?

Rafael Behr: "Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich aus meiner Sicht nicht um einen klassischen Fall von Racial Profiling. Aber ich halte es für eine Grenzsituation. Aus dem Blickwinkel der Vorjahresereignisse kann ich das Vorgehen der Polizei durchaus verstehen.

Entscheidend ist, auf welcher Grundlage die Menschen kontrolliert wurden. Wenn sie ausschließlich aufgrund von äußeren Merkmalen wie zum Beispiel ihrer Hautfarbe überprüft wurden, wäre das ein Fall von Racial Profiling. Profiling, das aufgrund von Tatsachen, Theoriewissen und polizeilichen Erkenntnissen erfolgt, ist aber nicht verboten, sondern fester Bestandteil der Polizeiarbeit."

So wurde das Thema "Nafri" auf Twitter diskutiert:
Andere können oder wollen beim Begriff "Nafri" keine Ausgrenzung erkennen:
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Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies sagt, es sei nicht um das Aussehen, sondern das Verhalten der jungen Männer gegangen.

Behr: "Das Problem ist, dass wir bislang nicht viel über die konkreten Erkenntnisse der Polizei wissen. Zwei Punkte sind deswegen zu klären: Was steht hinter der "aggressiven Grundstimmung", die angeblich geherrscht hat, und welche Fahndungserkenntnisse hatte die Polizei vor den Kontrollen? Die Polizei hat das bislang nur sehr verklausuliert erklärt, doch genau davon hängt ab, ob es sich um Racial Profiling oder normales Profiling gehandelt hat."

Die Polizei hat ihr Vorgehen bislang nur sehr verklausuliert erklärt
Welche Rolle spielt Profiling im Polizeialltag?

Behr: "Profiling geschieht immer. Das macht manchmal mehr Sinn, manchmal weniger. Folgen Polizisten bei der Erstellung von Profilen nur Stereotypen oder ihren eigenen Erfahrungen, ist das ermittlungstechnisch zum Beispiel weniger sinnvoll. Anders ist es, wenn die Profile auf Ermittlungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Das gilt allerdings vor allem für den Alltag.

Im Fall der Silvesternacht in Köln haben wir es mit Kollektivzuschreibungen zu tun, das können Sie mit Einsätzen bei Fußballspielen vergleichen: Wie definieren Sie Fußballfans, und wie erkennen Sie darunter diejenigen, die aggressiv sind? Dafür braucht es Fachleute bei der Polizei, beim Fußball sind das szenekundige Beamte."

Was kann die Polizei im Hinblick auf andere Großereignisse aus Köln lernen?

Behr: Ich würde mir wünschen, dass die Diskussion auf beiden Seiten weniger emotional geführt wird - in der Kritik und der Affirmation der Polizei. Das Wort "Nafri" nun als Beleg für Racial Profiling zu nehmen, halte ich für naiv, genauso wie den Einsatz nur als gelungen darzustellen. Wir brauchen eine nüchternere Betrachtung – sonst finden wir kein Augenmaß mehr bei der Beurteilung und Diskussion von Polizeieinsätzen."

Dieses Interview ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

Diese Frauen aus Saudi-Arabien tanzen – und kämpfen mit dem Tabubruch für mehr Rechte

Eine Gruppe junge Frauen vergnügt sich beim Autoscooter, spielt Basketball, albert tanzend im Park herum, brettert auf Rollern durch die Landschaft. Auf einem Roller steht "Cool Baby" und der Blick der Fahrerin verrät, dass das mehr als nur ein Aufkleber ist.

Viel mehr sieht man auch nicht von ihr – denn die Frau trägt Nikab, den islamischen Gesichtsschleier, der bis auf die Augen das Gesicht verhüllt. Und auch in allen anderen Szenen sind die Frauen verhüllt. Schnell wird klar:

Die ausgelassenen Bilder sind keine Selbstverständlichkeit – sondern Tabubrüche.

Denn sie alle spielen in Saudi-Arabien.