Bild: Getty Images / Thomas Lohnes

Wir sind kölsche Mädchen.
Haben Spitzenhöschen an.
Wir lassen uns nicht dran fummeln. 
Wir lassen keinen ran. 

Lautstark sang ich diese Zeilen eines kölschen Karnevalsklassikers bereits mit 4 Jahren am Rande eines Karnevalsumzugs in meiner Heimatstadt Köln. Natürlich hatte ich damals noch keine Ahnung, was mit Fummeln und Ranlassen gemeint war. Zum Karneval, so lernte ich später, gehört das aber irgendwie dazu. Bis heute fahre ich nach Hause, wenn es auf den Straßen in Köln wieder losgeht.

An Weiberfastnacht, dem ersten offiziellen Karnevalsfeiertag in Köln, geht es der Tradition nach darum, dass Frauen für einen Tag die Macht übernehmen und traditionelle Geschlechterrollen vertauscht werden. Frauen schneiden Männern die Krawatten ab, eine symbolische Kastration, und stürmen die Rathäuser ihrer Stadt, um dort für einen Tag zu "regieren".

Am Tag nach Weiberfastnacht sind die alten Geschlechterklischees dann aber wieder da: Auf offener Straße wird – meistens von Seiten der Männer – skrupellos geflirtet, gegrapscht und geknutscht. Noch extremer, als es auf gewöhnlichen Partys im Rheinland der Fall ist. Wenn alle in Kostümen stecken, lässt sich kaum jemand erkennen, und manche nutzen die Anonymität immer wieder aus, geben zum Beispiel ungefragt Küsse auf die Wange. 

Ist doch Tradition, oder? Das kann sein.

Aber ist dieses Verhalten nicht eigentlich übergriffig, sexistisch? Wo ist die Grenze? Und ist es richtig, dass wir damit weiter machen – nur, weil es eben schon immer so ist? Das haben wir zwei Karnevalisten aus Köln und eine Soziologin gefragt.

Paula* ist 25 und sagt, dass sie an Karneval sehr gern flirtet. Doch dabei erlebt sie in den Menschenmassen auch immer wieder Übergriffe: Aus einem harmlosen Flirt wird dann plötzlich eine unangenehme Situation: "Bei vielen Typen ist es so: Wenn man ihnen ein Bützje, also einen Kuss auf die Wange geben will, drehen sie ihren Kopf schnell so, dass sich beide Lippen kurz berühren", sagt sie. "Das geht gar nicht!"

"Genau das ist es, was Sexismus ausmacht", sagt Yvonne Niekrenz, Soziologin. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit dem rheinischen Karneval. "Sexismus hat nicht zwangsläufig direkt etwas mit sexueller Gewalt zu tun."

Benjamin* ist 22 und liebt den Karneval, kehrt jedes Jahr von seinem Studienort zurück, um zu feiern. "Flirten und mehr gehört für mich dazu", sagt er. Doch deswegen empfinde er sich selbst nicht als Sexist – nur, weil er mehr Frauen anflirte als an einem normalen Abend in der Bar. "An Karneval sind halt alle ein bisschen lockerer drauf. Da traut man sich vielleicht auch mal mehr."

Klar, an großen Volksfesten wie Karneval, an denen viele Menschen aufeinandertreffen und gemeinsam feiern, ist unsere Hemmschwelle niedriger. Karneval bedeutet auch immer: Rausch. "Das führt dazu, dass wir unsere Bedürfnisse weniger unterdrücken und sie stattdessen eher ausleben", sagt Yvonne Niekrenz.

Doch der eigene Kontrollverlust sei keine Rechtfertigung für übergriffiges Verhalten. "Bedrängung und Belästigung sind an Karneval genauso respektlos und falsch wie an allen anderen Tagen des Jahres. Wer sich aber den allgemeinen Rauschzustand bewusst macht, kann vielleicht umso klarer Grenzen aufzeigen", sagt Niekrenz.

Doch Benjamin findet genau solche Grenzen beim Feiern problematisch: "Wenn mir eine Frau gefällt, bitte ich sie nicht um Erlaubnis, wenn ich sie antanze", sagt er. "Es ist es wichtig, dass man die Grenzen des anderen akzeptiert. Aber die sind halt manchmal auch nicht direkt eindeutig." Er verlasse sich auf sein Bauchgefühl und das habe bisher immer geklappt – denkt er zumindest. 

Ist es genau diese Einstellung, die dazu führt, dass Belästigung entsteht? Der eine glaubt, es würde schon passen – und der andere sagt nicht klar, was ihn stört?

Paulas Erfahrungen zeigen, dass es manchmal kaum möglich ist, jemandem zu signalisieren, dass er zu weit geht: "An meinem ersten Karneval allein in Köln kniff mir beim Tanzen einfach jemand in den Arsch", erzählt sie. "Ich bekam das erst gar nicht richtig mit und konnte auch nicht einordnen, von wem das kam."

Um solche Situationen zu vermeiden, empfiehlt Niekrenz, die Karnevalszeit auch dazu zu nutzen, die Perspektive zu wechseln: “Wenn man mit seiner Kostümierung in das andere Geschlecht schlüpft, lebt man dabei auch Geschlechter Stereotype aus.”

Wer diese Stereotype bewusst hinterfragt, merkt schnell, worauf er Männer oder Frauen reduziert. Laut Niekrenz sei genau das ein wichtiger Schritt, um das eigene sexistische Verhalten zu erkennen. Und in Zukunft zu verhindern.


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