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Erklärungen liefern die Argumente schwedischer Klimaleugner – und die Kognitionspsychologie

Dass die Vorkämpferinnen für den Klimaschutz Greta und Luisa heißen, und nicht Gunnar und Ludwig, ist kein Wunder: Die Klimabewegung wird zu einem großen Teil von Mädchen und Frauen getragen, laut einer internationalen Befragung sind bis zu 70 Prozent der Protestierenden bei "Fridays for Future" weiblich. (MDR

Und auch die Folgen des Klimawandels bekommen Frauen besonders stark zu spüren: Laut der Uno-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet sterben sie bereits jetzt eher bei Dürren und Überschwemmungen, etwa aufgrund von schlechterem Zugang zu Informationen. (Heinrich-Böll-Stiftung)

Die Menschen, gegen deren Politik die Gretas und Luisas ankämpfen, sind hingegen in den meisten Fällen Männer. Männer, die Autokonzerne leiten, die in den Regierungen sitzen – und Männer, die den menschengemachten Klimawandel leugnen.

Diese Beobachtung machte Marshall Shepherd, Meteorolgieprofessor an der University of Georgia, im Sommer 2018. Er erhielt fast nur von Männern Mails mit Verschwörungstheorien zum Klimawandel. Also fragte er Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft, ob sie ähnliche Erfahrungen gemacht hätten. Und tatsächlich: Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen berichteten von fast ausschließlich männlichen Kommentatoren, die wissenschaftliche Erkenntnisse anzweifelten – mit zwei Ausnahmen: Lediglich bei der "Chemtrails"-Verschwörungstheorie und in der Anti-Impf-Bewegung gebe es einen signifikanten Frauenanteil. (Forbes)

Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2011 bestätigt die Erfahrungen der Wissenschaftler: Demnach würden Männer eher den Klimawandel leugnen als Frauen. Vorherige Forschung habe zudem ergeben, dass Frauen sich eher um die Auswirkungen der Klimakrise sorgten als Männer, schreiben die Autoren. Eine spätere norwegische Studie kam zu einem ähnlichen Ergebnis.

Aber warum zweifeln Männer stärker am Klimawandel als Frauen?

Einen Erklärungsansatz liefert eine Studie aus Schweden. Im Land von Flugscham und Greta Thunberg ist man Vorreiter in Sachen Klimaschutz: Bereits 1991 wurde eine CO2-Steuer eingeführt, bis 2045 will das Land klimaneutral sein. Heute sind die Pro-Kopf-Emissionen weniger als halb so hoch wie in Deutschland und die zweitniedrigsten innerhalb der Europäischen Union. (Umweltbundesamt)

Allerdings gab es auch in Schweden Widerstand: Im Jahr 2008 formierte sich eine kleine Gruppe einflussreicher Personen, die den menschengemachten Klimawandel leugnete oder zumindest infrage stellte. Bei den Mitgliedern dieser "Stockholm Initiative" handelte es sich fast ausschließlich um Männer über 50, die entweder aus dem akademischen Umfeld oder der Wirtschaft kamen, schreiben die Forscher Jonas Anshelm und Martin Hultman. Die beiden Wissenschaftler untersuchten in ihrer Studie die Argumente der Gruppe – und die Gründe, weshalb sie sich so vehement dem wissenschaftlichen Konsens des menschengemachten Klimawandels widersetzten.

Einige der Thesen der Gruppe klangen dabei genau wie die Slogans der deutschen Klimaleugner heute: Sie bezeichneten Klimaforscher und Advokatinnen für Klimaschutz als quasi-religiöse Fundamentalisten, die eine "grüne Fatwa" aussprechen wollten, so die schwedischen Forscher. Gleichzeitig warnten sie vor einer Umkehr in den Sozialismus und bezichtigten etwa den damaligen konservativen Premierminister, Teil einer autoritären Bewegung zu sein. 

Veränderungen in Industrieberufen bedeuten besonders große Veränderungen für Männer.

Die "Stockholm Initiative" ging davon aus, dass ernstzunehmender Klimaschutz auch eine massive Veränderung der – männlich geprägten – Industriegesellschaft bedeutete. "Für sie ist die Natur da, um sie zu auszunutzen, ohne Rücksicht auf Emissionen", erklärt Martin Hultman. "Männer sind öfter Chefs in der Rohstoffindustrie, sie vertreten als Professoren veraltete Paradigmen und sind im Durchschnitt reicher als Frauen – das alles spielt hinein in eine Angst vor dem Identitätsverlust."

Für sie seien die Probleme der Welt nur mit Modernisierung und Wirtschaftswachstum zu lösen – weshalb eine ehrgeizige Klimapolitik und eine Begrenzung der CO2-Emissionen von ihnen als Bedrohung für die Zivilisation und Zukunft der Menschheit angesehen werde.

Doch trotz der Aufmerksamkeit, die unter anderem die Medien der "Stockholm Initiative" verschaffte, blieben ihre Stimmen von der Politik ungehört. Heute bezeichnen sie sich als "Klimarealisten". Politisch beeinflussen konnten sie nur die rechtspopulistischen "Schwedendemokraten". "Das ist ein Muster, das wir in vielen Ländern sehen, auch in Deutschland bei der AfD", sagt Martin Hultman. Tatsächlich wird die Klimapolitik der AfD von dem 2007 gegründeten "Europäischen Institut für Klima und Energie" (Eike) geprägt, welches den menschengemachten Klimawandel leugnet (SPIEGEL+).

Eine weitere mögliche Erklärung für männliche Klimaleugner kommt aus der Kognitionspyschologie: der Dunning-Kruger-Effekt.

Demnach neigen ausgerechnet inkompetente Menschen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Umgekehrt unterschätzen besonders kompetente Menschen ihre eigenen Fähigkeiten, weil sie ihre Grenzen stärker wahrnehmen.

Mit dem Dunning-Kruger-Effekt wird unter anderem der Gender-Gap in der Naturwissenschaft erklärt: Obwohl Frauen laut Studien oft kompetenter sind, werden wichtige Positionen viel häufiger von Männern besetzt. Die kompetenteren Frauen treten freiwillig kürzer, weil sie ihre Fähigkeiten im Vergleich unterschätzen. (Business Insider)

Auch für die Einschätzung wissenschaftlicher Fakten über den Klimawandel könnte das bedeuten, dass Männer schneller dazu neigen, sie infrage zu stellen. 

Diese Erklärungsansätze geben Hinweise darauf, weshalb es tendenziell eher Männer sind, die stärkere Klimaschutzbestrebungen kritisch sehen – und auch, warum es vor allem Frauen sind, die diese vorantreiben. 

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