Ich bin ein klassischer Bildungsaufsteiger. Als ich klein war, hat mein nigerianischer Papa, der als illegaler Einwanderer nach Deutschland kam, in Sexshops geputzt. Meine Mutter ist Tochter palästinensischer Gastarbeiter, die Analphabeten waren. Sie hat zwar Abitur gemacht, doch bevor sie studieren konnte, kamen mein Bruder und ich zur Welt. Sie war alleinerziehend und hat versucht, uns mit Bürojobs alles zu bieten, bevor sie aus gesundheitlichen Gründen dazu nicht mehr in der Lage war und unsere Sommerferien aus Aufenthalten in Rehakliniken bestehen sollten.

Von meinen mehr als 30 (deutsch-)palästinensischen Cousins, Tanten, Großeltern und weiteren Familienmenschen, die in München leben, bin ich der Erste, der eine Universität von innen gesehen hat. Ich bin auch der Erste, der einem klassischen Akademikerberuf nachgeht. Ich bin Journalist. 

Ich verdiene recht gut, reise viel. Manchmal fühlt sich Fliegen für mich an wie eine Busfahrt. 

Es ist nicht mehr so besonders und aufregend wie damals als Kind, aber ich bin super dankbar dafür. Schlecht fühle ich mich dabei selten. Schließlich hat es mich mehrere Jahre harte Arbeit gekostet, um an den Punkt zu kommen, dass ich überhaupt selbstbestimmt nach Nigeria fliegen kann, um dort innige Gespräche mit meiner Cousine über ihre Schwangerschaft zu führen oder mit meinem kranken Opa den 80. Geburtstag zu feiern.

Malcolm Ohanwe (Mitte) mit seiner Cousine in Nigeria.

Ins Wanken kam ich mit diesem Selbstverständnis, dass mein Lifestyle in Ordnung sei, als ich im Beruf auf bildungsbürgerliche weiße Kolleginnen und Kollegen stieß. 

Ich verstand einfach nicht, warum mein Kollege partout nicht für eine Woche nach Marokko reisen will, um seine Freundin zu besuchen. Es lohne sich nicht für so eine kurze Reise, meinte er. Er ist der sportliche Typ, der die Natur liebt. Er hat das sehr plausibel erklärt, kennt sich ziemlich gut aus mit CO2-Ausstoß und so.

Ich erwiderte sinngemäß: "Ach komm fahr trotzdem, deine Freundin freut sich sicher!" – doch ich merkte mittendrin, dass es eigentlich sehr lobenswert ist, wenn er nicht fliegt. Es ist ja tatsächlich schädlich. Für ihn hat sein schlechtes Gewissen irgendwie Sinn gemacht, aber mir persönlich wollte ich diesen Schuh des Verzichts nicht anziehen. Ich wäre trotzdem nach Marokko geflogen und hätte es nicht so schlimm gefunden. Wir sind zwar beide ähnlich alt und deutsche Journalisten in München, aber irgendwo hinkte der Vergleich. 

Ich fand seine Bedenken angebracht ... für ihn!

Aber woher kommt mein Doppelstandard? Warum rechne ich mit unterschiedlichem Maß? Bin ich einfach nachsichtiger mit mir selbst und egoistisch? Sicherlich spielt das mit rein, aber vielleicht ist meine Einstellung auch gesund.

Mein Kollege kommt aus einer reichen Akademikerfamilie. Das war der springende Punkt. Billige Unterschicht-Unterhaltung wie DSDS-Abende vor dem Fernseher, Pokémon-Karten oder Mikrowellen-Gerichte gab es bei ihm zuhause nicht. Stattdessen waren da vermutlich pädagogisch sinnvolle Hobbys wie Skifahren und Bouldern (oder was auch immer reiche weiße Menschen machen, ich weiß es nicht, wie das ist, so aufzuwachsen). Jedenfalls hatte ich im Hinterkopf, dass seine Eltern Geld hatten. Arme Menschen sind nicht seine Verwandten oder Vorfahren. Er kennt sie höchstens aus der Zeitung.

Wenn du das Geld, die Privilegien, die Bildung deiner reichen Eltern erben kannst, warum nicht auch deren Ökobilanz? Vielleicht haben manche Leute einfach noch mehr übrig auf ihrem Konto als andere? 

Ich stelle mir vor, dass der Lifestyle seiner (Groß)Eltern um einiges umweltschädlicher war und ist als der meiner. In dem Dorf Abajah, wo mein Vater aufwuchs, gibt es auch 2020 kein fließendes Wasser und keine Elektrizität. Der Ort zeichnet sich dadurch aus, dass sich dort die größte Jesusstatue Afrikas befindet. Das wohl CO2-aufwändigste Projekt ist ein neun Meter großer weißer Jesus mit Spaghetti-Haar, eine Götzenfigur an die Erhabenheit europäischer Menschen. 

Es hält Machtstrukturen aufrecht, wenn sich Menschen mit Wurzeln im globalen Süden, zurückhalten, keinen Raum einnehmen, sich nicht verwirklichen und ihre Familien nicht mehr sehen. Es hemmt deren Entfaltung und die Bestrebung ihr Umfeld zu dekolonialisieren. Wenn die ugandische Jessica Nabongo oder die afroamerikanische Woni Spotts sämtliche Länder der Welt bereisen und 2019 die ersten schwarzen Frauen waren, die das vollbracht haben (CNN), ist das ermächtigend – und bezeichnend, dass das so lange gebraucht hat. Natürlich weiß ich nichts über ihren Background und den Konsum ihrer Vorfahren, aber allein das Bild ist für mich ein ganz anderes. 

Das besonders schlechte Gewissen, die Flugscham, der hochmütige, in Deutschland meist weiße, bürgerliche Einsatz kommt selbstverständlich nicht von ungefähr. 

Die Menschen spüren natürlich ihre Verantwortung. Sie wissen, dass sie als Gesamtheit die Hauptverantwortung für die Umweltkatastrophen tragen. Das beweisen auch die Zahlen. 

Ganz polemisch ausgedrückt: Wenn alle People of Privilege, also Menschen mit generationalen Wurzeln im globalen Norden (Industriestaaten wie Japan, Österreich oder das nicht-indigene weiße Australien) morgen aufhören würden zu fliegen, ihre Ökobilanz entsprechend drosseln würden, hätten wir die aktuell so bedrohliche Lage für die Umwelt in der Form nicht – und auch nicht so große strukturelle Ungleichheit. Verkürzt: Menschen deren Vorfahren riesigen CO2-Aufstoß vorweisen, sollten sich mehr einschränken, damit Mamadu aus dem Dorf in Guinea-Bissau genauso Zugang zu freier Mobilität hat.

In unserer Podcast-Folge zum Thema "Wie weiß ist (deutscher) Klima-Aktivismus" war das unseren Gästen Aaliyah Bah-Traoré, bildungspolitische Referentin, und Shaylı Khozaini, Aktivist bei "Fridays for Future", nicht genug. Beide fordern finanzielle Reparaturen ein. Khozeini erklärt, dass man den ökologischen Fußabdruck der Vorfahren soweit gar nicht einschränken kann, dass es genüge und man deswegen noch zusätzlich Gelder an antifaschistische Arbeit in Regionen des globalen Südens zahlen sollte. Bah-Traoré denkt jedoch, dass das utopisch sei, weil "weiße Menschen das Aufgeben oder Teilen ihrer Privilegien als eine Form der Unterdrückung empfinden". 

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

Wem das jetzt zu radikal oder zu sehr nach Sippenhaft klingt, der hat einen Punkt. Dass man Dinge verantworten muss, für die man nichts kann, so funktioniert unsere Gesellschaft aber seit Jahrhunderten. Dass Menschen von den Handlungen ihrer Vorfahren profitieren oder für sie büßen, ist mitten in Deutschland ohnehin bereits gang und gäbe. Kaum einer schreit auf wenn man die Inhalte auf dem finanziellen Konto der Eltern erbt, warum dann nicht auch das Co2-Konto auf das eigene Leben übertragen? Privilegien an sich sind oft einfach die Summe der Leistung vieler Vorfahren, die sich auf Kosten anderer Menschen und der Erde bereichert haben.

Ich weiß, dass wenn alle Menschen und Nachfahren des globalen Südens so leben würden, wie wir es im Westen gerade tun, die Erde auch kaputt sein wird. 

Trotzdem: Die Attitüde, mit der heute von allen gleich viel Verantwortung eingefordert wird, muss aufhören. 

Sie macht die Diskriminierung und die Hürden, die andere Menschen durchlaufen, unsichtbar. Und das wäre die eine weitere große Ungerechtigkeit. 


Gerechtigkeit

Kostüme an Karneval verbieten? So denken junge Erzieherinnen und Erzieher darüber
Wie man mit Kindern über Faschingsoutfits spricht und was Verkleidungs-No-Gos sind.

Die Leitung eines Erfurter Kindergartens will nicht, dass die Kinder am Rosenmontag und Karnevalsdienstag verkleidet in die Einrichtung kommen. Der Grund dafür: In dem Kindergarten verfolgen die Erzieherinnen und Erzieher eine kultursensible Pädagogik. So soll Kindern beigebracht werden, welche Geschichte hinter dem Begriff "Indianer" steckt – und warum man Menschen aus anderen Kulturen damit verletzen kann, wenn man ein solches Kostüm trägt. 

Beim Verkleiden erkenne man an, "dass man Stereotype braucht, um die Komplexität der Welt zu reduzieren", heißt es in einem Elternbrief der Kita. Gleichzeitig wolle man die Kinder aber auch "sensibilisieren für Stereotype, die für die Betroffenen schmerzhaft, zum Teil sogar entwürdigend sein können". (SPIEGEL)

Damit die Kinder trotzdem nicht aufs Feiern verzichten mussten, wurde eine frühere Faschingsfeier im Januar angeboten, Verkleidung inklusive. Nur eben in der Karnevalswoche selbst soll es keine Party geben. Kinder, die trotzdem kostümiert kommen, müssen sich umziehen. Die Entscheidung wurde gemeinsam mit der Kita-Leitung, dem Betreuer-Team und den Eltern gefällt. 

Die Geschichte könnte hier schon zu Ende sein. Ist sie aber nicht. In rechten Netzwerken verbreitete sich das Schreiben, bald berichteten Lokalmedien, schließlich empörten sich Politikerinnen und Politiker von AfD bis FDP. Der Vorwurf:

Mit dem Karnevalsverbot sägt die Erfurter Kita an einer deutschen Tradition. 

Der Fall erinnert an die Aufregung um eine Leipziger Kita, die im vergangenen Jahr beschloss, kein Schweinefleisch mehr anzubieten (bento). Schnell ging es nicht mehr um einen Kindergarten, der im Einklang mit den Eltern eine für alle praktische Lösung findet – es ging um einen gesamtdeutschen Kulturkampf. Die Karnevalsabsage des Erfurter Kindergartens hat nun eine ähnliche Debatte entzündet.

Junge Generationen sind heute sensibler im Umgang mit kulturellen Identitäten und Rollenklischees. Das gilt für den Umgang mit anderen Menschen im Alltag, für unsere Arbeit oder auch für die Erziehung von Kindern. Wie gehen junge Erzieherinnen und Erzieher damit um?

Sollte man Identitätsfragen mit Kleinkindern diskutieren, ihnen gar bestimmte Kostüme verbieten? Und ist das dann Aufgabe der Kita oder der Eltern?

Wir haben drei junge Erzieherinnen und Erzieher gefragt, wie sie mit Kostümverboten an Karneval in ihren Einrichtungen umgehen – und wo es bei Kostümen ihrer Meinung nach No-Gos gibt. 

Hilal, 27 Jahre, aus Niedersachsen