Wir haben Protest-Organisator Jakob Blasel begleitet.

Kurz nach acht Uhr schlendern drei junge Männer am Freitagmorgen mit noch nassen Haaren in eine Bank am Potsdamer Platz: "Wir sind Fridays for Future." Als der Pförtner sie durch das holzvertäfelte Atrium führt, schauen sich Linus Steinmetz, Lukas Pohl und Jakob Blasel unauffällig um. Linus macht noch schnell ein Foto von der mehrere Stockwerke großen Chrom-Skulptur, dann huscht auch er ins Büro. Drinnen warten bereits Luisa Neubauer und weitere Mitstreiter an einem großen Holztisch. 

Sie alle haben sich monatelang auf diesen Freitag vorbereitet. Der 20. September könnte als Showdown der Klimaschutz-Bewegung in die Geschichtsbücher eingehen: Am Samstag beginnt in New York die nächste UN-Klimakonferenz, einen Tag davor sind in fast 160 Ländern Klimaschutz-Proteste geplant. Parallel hat die deutsche Bundesregierung eine neue Klimaschutz-Strategie angekündigt.

Die jungen Menschen, die seit Monaten jeden Freitag für das Klima auf die Straße gehen, wollen den Tag nutzen, um mit dem "Klimastreik" den Druck weiter zu erhöhen. Die von "Fridays for Future" angekündigten Proteste klingen wie eine Ansammlung von Superlativen: An mehr als 500 Orten in Deutschland sind Demonstrationen geplant; Hunderte Organisationen, Umweltschutzverbände, Gewerkschaften, Kirchen und Unternehmen haben schon vorab ihre Unterstützung erklärt. Bundesweit sollen Hunderttausende Menschen zusammenkommen. Mindestens.

Vor der Bühne am Brandenburger Tor sammeln sich die Protestierenden – wenige Meter entfernt organisieren die Aktivistinnen und Aktivisten um Jakob und Luisa Presse- und Gesprächsanfragen. 

Die Räume in der Genossenschaftsbank am Brandenburger Tor haben die Klima-Aktivistinnen und Aktivisten um Jakob Blasel, Luisa Neubauer und Carla Reemtsma gestellt bekommen, so können sie direkt am Regierungsviertel ihre bislang größte Aktion vorbereiten. 

Die Stimmung ist fröhlich, aber konzentriert. Noch weiß niemand, was die Bundesregierung genau beschließen wird und wie viele Menschen zu den Protesten kommen. Doch Vieles spricht dafür, dass es ein erfolgreicher Tag für "Fridays for Future" wird: 

Selbst der Axel-Springer-Verlag, der die Bild-Zeitung herausgibt, hat seine Unterstützung angekündigt; Busunternehmen bieten Gutscheine an; die Stadtverwaltungen von Berlin, Düsseldorf und weiteren Städten möchten ihrem Personal ebenfalls die Teilnahme ermöglichen. Niemand will an diesem Freitag außen vor sein, so scheint es.

Für die "Fridays for Future"-Aktivisten ist das ein wichtiges Zeichen. 

Denn inzwischen sagen zwar fast alle Politiker dasselbe: Wenn Deutschland die Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2015 noch erreichen will, muss deutlich mehr passieren. Nur was? 

Während die Große Koalition noch am Vormittag wenige Hundert Meter entfernt um die Frage ringt, ob eine Steuer oder Emissionszertifikate den CO2-Ausstoß besser regulieren würden, haben sich die Aktivisten längst vorbereitet: Schon vorab wurden unterschiedliche Klimaschutzpaket-Szenarien entworfen und immer wieder durchdiskutiert. Zum ersten Mal, wie sie sagen. Was, wenn die CSU plötzlich unsere Arbeit lobt? Und was, wenn es einen undurchschaubaren Kompromiss gibt – oder einfach gar kein Ergebnis? 

Den Aktivisten ist klar, dass so oder so die Augen auf sie gerichtet sein werden. Ob der Klimastreik ein Erfolg war, dürfte am Ende des Tages auch davon abhängen, wie schnell Jakob und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf die GroKo-Vorschläge reagieren können. 

Das kleine Büro am Potsdamer Platz ist ein unwirklicher Ort für eine Gruppe von Teenagern. Gegenüber der Presse ist es manchen fast unangenehm, hier untergekommen zu sein, die Schülerinnen und Studenten wollen nicht abgehoben wirken. Doch dass sie hier sitzen, zeigt auch, welchen Erfolg die Bewegung mittlerweile hat. Die "Fridays for Future"-Aktivistinnen und -Aktivisten sprechen jetzt auch auf Augenhöhe mit der Politik.

Die Kanzlerin muss mit ihrer Regierung Nachtschichten einlegen, um zu beweisen, dass sie den Klimaschutz wirklich ernstnimmt. Umfragen sagen, dass der Klimaschutz der Mehrheit der Deutschen mittlerweile sogar wichtiger sei als das Wirtschaftswachstum (Tagesschau). Wer hätte das vor einem Jahr gedacht? 

Während draußen bereits Zehntausende die Straßen und das Handynetz lahmlegen, herrscht im "Fridays for Future"-Büro Konzentration.

Jakob und Luisa wenig später bei der Demo in Berlin vor dem Brandenburger Tor. 

Auf dem Tisch stehen mit Stickern zugeklebte Macbooks und ein riesiger Bürodrucker, Kekse gehen herum, mit Club Mate halten sich alle wach. Wer ins Büro darf, ist streng limitiert. Etwa zehn Leute umfasst das Kernteam. Zum ersten Mal organisieren die Aktivisten viele Dinge zentral von einem Ort aus. Wenn Hunderttausende demonstrieren, soll es kein Chaos geben. 

Jakob Blasel und wechselnde Mitstreiter überlegen, mit welchen Worten sie das Konzept der Großen Koalition kommentieren könnten. Der 15-jährige Linus Steinmetz hält Kontakt zu Verbänden und Parteien, Luisa Neubauer und weitere Aktivisten organisieren parallel dazu Absprachen mit Aktivisten in anderen Ländern, per Whatsapp und Walkie-Talkie koordinieren weitere Mitstreiter die Demonstrationen vor der Tür und in ganz Deutschland. 

Während die Gruppe am Freitagmorgen den  Klimastreik vorbereitet, rauschen den ganzen Vormittag über immer wieder neue Nachrichten herein. Um kurz nach Neun ruft Jakob: "Die Videos aus Melbourne sehen jetzt schon fast so aus wie beim Brexit in London!" Kurze Zeit später berichtet Luisa Neubauer, dass auch eine bekannte Influencerin demonstrieren wolle. "Ist ja mega: Sie macht quasi ihre eigene Demo und trifft ihre Fans." Pause. "Bei Vapiano." Alle lachen. Doch Sekunden später klackern schon wieder die Tastaturen.

So läuft es den ganzen Vormittag: Leute kommen und gehen für Fernseh-Interviews oder Telefonate. Parallel dazu machen Gerüchte die Runde. Angeblich soll das Groko-Konzept am Ende zwanzig Seiten umfassen. Kann das sein? Die Gruppe schaut fassungslos. "Alter, jede in einer Nacht zusammengeschriebene Hausarbeit hat mehr Inhalt!", ruft Jakob schließlich in die Runde. Der Vergleich gefällt der Gruppe so gut, dass er später noch mehrfach zu hören sein wird.

Als kurz vor 12 Uhr die offizielle Demonstration beginnt, sitzt die Gruppe immer noch vor ihren Laptops. Vor dem Brandenburger Tor stehen bereits Tausende Menschen mit selbstgemachten Plakaten, eine Klasse protestiert mit ihrem Lehrer vor dem Adlon, das Fernsehen ist bereits auf Sendung. 

Der Blick von der Bühne

Doch der Großteil des Orga-Teams wartet noch. Erst mit Verspätung und abwechselnd gehen Carla, Jakob und Luisa ans Brandburger Tor. Wie viele auf der Straße des 17. Juni stehen, lässt sich kaum sagen. 

Die bunten Rucksäcke und Schilder reichen jetzt bis zur Siegessäule. Das Team, das dafür verantwortlich ist, werden aber die wenigsten Demonstrierenden sehen. Es ist einfach zu voll. Dass das Organisationsteam lieber vor Ort bleibt und für Presse-Anfragen erreichbar ist, ist eine Lektion der vergangenen Monate. Unterm Strich können sie so in den Abendnachrichten und Zeitungsberichten deutlich mehr Menschen erreichen als irgendwo in der Masse.

Selfies machen bei der Demo

Die vergangenen Monate haben alle hier verändert. Luisa Neubauer hat mit 23 ein Buch geschrieben, das im Oktober erscheinen soll. Sie hat mit der Bundesumweltministerin und dem VW-Chef im Fernsehen gestritten. Carla Reemtsma und Linus Steinmetz sind öffentlich aufgetreten, waren in Talkshows und haben Pressekonferenzen organisiert. Sie sind jetzt bekannter als die Vorsitzenden der meisten Partei-Jugendorganisationen.

Auch bei Jakob hat sich innerhalb weniger Monate viel verändert. Im vergangenen Dezember initiierte er mit anderen die Bewegung – aus seinem damaligen Kinderzimmer (bento). Inzwischen hat Jakob sein Abitur bestanden, seit wenigen Wochen lebt er in einer WG in Halle an der Saale. Er ist jetzt in VWL eingeschrieben. Doch ob er sich im Oktober wirklich voll auf das Studium konzentrieren kann, weiß er noch nicht. Er sei zufrieden damit, wie es jetzt ist, sagt er. "Andere gehen nach Australien, ich mache halt was für den Klimaschutz."

Als er mit Luisa Neubauer etwas später an der Bühne vor dem Brandenburger Tor steht, sagt er für einen kurzen Moment einfach nichts. Beide schauen in die Menge. Dann machen sie ein Selfie. Als Eckart von Hirschhausen beiden auf die Schulter klopft, lächeln sie. Kurz darauf verschwinden beide wieder im Büro. Die Erklärung der Bundesregierung könnte jeden Moment bekannt werden, niemand will das verpassen.

Jakob sagt noch kurz, dass seine Eltern froh seien, dass er nach bald einem Jahr Engagement jetzt einen Studienplatz habe. "Unsere Eltern waren wahrscheinlich viel misstrauischer als viele Erwachsene da draußen", sagt er und schaut noch einmal in Richtung der Großdemonstration am Brandenburger Tor. Auch seine Familie demonstriert heute. Zum ersten Mal.


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