Bild: Rachit Tank
Wie Millennials mit "Green IT" unsere digitale Klimabilanz verbessern wollen.

Mama fotografiert die Plätzchenrezepte für den WhatsApp-Familienchat ab, der Kollege empfiehlt die neue Netflix-Politserie, am Abend googeln wir noch rasch Weihnachtsgeschenke – und wo sie online zu shoppen sind. Das Netz verändert unseren Konsum und unseren Alltag. Suchen, streamen und chatten wirkt schwerelos. 

Doch unsere Daten haben Gewicht – und Auswirkungen auf das Klima.

"Flugscham" war 2019 – 2020 kommt "Klickscham".

Denn zu jedem Foto, zu jeder Streamingminute, zu jeder Suchanfrage gehört ein Server. Dieser frisst Strom, viel Strom. Und damit er optimal läuft, werden Serverräume klimatisiert und bei möglichst konstanten und kühlen 22 Grad Celsius gehalten (Computerwoche). Auch das frisst Strom. In Deutschland häufen Rechenzentren so jährlich fast sechs Millionen Tonnen CO2 an (MDR).

  • Weltweit waren digitale Dienste noch 2015 für rund zwei Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich, ähnlich viel wie der CO2-Ausstoß aller weltweiten Urlaubsflieger. (GeSI)
  • Schon 2018 gilt das Verhältnis nicht mehr: Einer Studie des französischen Nachhaltigkeits-Thinktank "Shift Project" zufolge ist der globale Datentransfer mittlerweile für rund vier Porzent der CO2-Emissionen verantwortlich, die private Fliegerei nur für 2,4 Prozent. (New York Times, The Shift Project)

Zwar ist der Schaden durch Flugzeuge immer noch deutlich höher – sie pusten ihre Schadstoffe direkt in die Atmosphäre – doch der Strombedarf der Informations- und Kommunikationstechnologie wird weiter steigen. Nach aktuellen Berechnungen des zu Nachhaltigkeit forschenden Borderstep Instituts liegt er in Deutschland bei 12,4 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr – die Leistung von vier mittleren Kohlekraftwerken. 

Der elektrische Energiebedarf ist laut dem Wirtschaftsministerium in Deutschland zwar rückläufig, wir nutzen das Netz aber global: Die Server von Facebook, Google und Amazon stehen in den USA, in Norwegen oder Irland. Klicks aus Deutschland fressen Strom im Ausland. Wie man die Energie der Rechenzentren effizient nutzen kann, ist eine Frage, die die "Green IT" beantworten will.

Müssen wir nun alle offline sein, um das Klima zu retten? 

Nein, sagt Nele Kammlott. Viel wichtiger sei es, grüne Lösungen für die Server von morgen zu finden – und sich selbst seiner digitalen Last bewusst zu sein. Denn das Hauptproblem sei nicht, wie gut oder schlecht ein Server arbeitet, sondern wie sehr wir ihn mit unnötigen Daten belasten.

Green-IT-Expertin Nele Kammlott

Nele hat mit Ende 20 ihr eigenes Unternehmen gegründet: Sie berät Firmen, digital nachhaltiger zu wirtschaften. Damals hätte die heute 35-Jährige immer umständlich erklären müssen, was genau sie da eigentlich mache: "Die Leute haben gedacht, es geht bei Green IT darum, Pflanzen im Serverraum aufzustellen." Heute, sechs Jahre später, würden die Firmen auf sie zukommen: "Die Nachfrage und das Umweltbewusstsein in den Unternehmen sind auf jeden Fall gestiegen, gerade bei jungen Unternehmern und Gründern."

In ihrer Beratung geht Nele in Unternehmen und schaut sich zunächst deren digitalen Haushalt an: Was wird da den ganzen Tag per Mail verschickt? Wie viel Datenwust wird wo abgespeichert? Ihrer Erfahrung nach ist es meist zu viel des Digitalen: 

„Weil Daten unsichtbar sind, machen wir uns über sie keine Gedanken. Dabei würden wir unseren Schreibtisch ja auch aufräumen, wenn sich dort irgendwann die Akten stapeln.“
Nele Kammlott

Sie rät dann den meisten Firmen, digital auszumisten und die Arbeitswege umzustellen. Versendet wird nur noch, was wirklich nötig ist, der Rest wird auf Servern gespeichert, auf denen alle gemeinsam Zugriff haben. "Wir schneidern einen digitalen Maßanzug", sagt Nele, "bei den meisten Firmen lässt sich der Datenaustausch so halbieren." Und mit ihm: die Energiebelastung der Server.

Was Klicks kosten

Eine halbe Stunde Streaming auf Netflix verursacht laut dem französischen Thinktank "The Shift Project" etwa 1,6 Kilo CO2 – die gleiche Menge, die man mit einer kurzen Autofahrt verursachen würde. Insgesamt komme so durch Videostreaming jede Menge Kohlendioxid zusammen, mehr als 100 Millionen Tonnen allein durch Streamingdienste, weitere rund 80 Millionen durch Pornogucken und 65 Millionen durch Portale wie YouTube.

Selbst eine Suchanfrage von Google verursacht Schaden. Eine Suche verbraucht laut Google selbst etwa 0,2 Gramm CO2. Wie viel Klimaschaden alle weltweiten Google-Anfragen verursachen, kannst du hier in Echtzeit sehen.

Neben ihrem Job ist Nele im Vorstand von "Unternehmensgrün", einem Lobbyverband für nachhaltige Wirtschaft. Der Verband versucht, auf die Politik Einfluss zu nehmen – und auch ein Umdenken in Sachen grüner IT zu erreichen. 

"Wir brauchen eine ehrliche CO2-Steuer, die Produkte so auspreist, dass wir ihren Wert wieder zu schätzen wissen", sagt Nele. 

Solange Smartphones so billig produziert werden können, dass man sich alle zwei Jahre ein neues leisten kann, und solange es einfacher ist, die nächste externe Festplatte zu kaufen, als einfach mal die eigenen Urlaubsfotos auszusortieren, könne kein digitales Umweltbewusstsein entstehen. 

„Wir neigen zur Datensammelwut und sind uns unserer Ressourcenverschwendung gar nicht bewusst.“
Nele Kammlott

Da wir gleichzeitig in Zukunft noch digitaler arbeiten werden – "niemand kehrt zu Zettel und Stift zurück" – müssten eben Lösungen her, die das Digitale mit dem Nachhaltigen zusammenbringen, sagt Nele.

Bisher sind es vor allem die Unternehmen selbst, die an Ideen für nachhaltigere Rechenleistung arbeiten. 

Facebook hat sein erstes europäisches Rechenzentrum am frostigen schwedischen Polarkreis gebaut (bento), Google eins in Finnland, gekühlt mit nicht minder kaltem Ostseewasser (Reuters). Das "Eco Data Center" im schwedischen Falun bezieht Strom bereits ausschließlich aus erneuerbaren Quellen – und speist gleichzeitig die Energie der heißlaufenden Rechner ins Fernwärmenetz ein. Ganz ähnlich beheizt das "Zero Emission Data Center" von IBM in der Schweiz mit seiner Abwärme ganze Wohnungen.

Die Idee kommt aus Dresden: Das Start-up "Cloud&Heat" hat überlegt, wie man die Rechnerhitze sinnvoll nutzen kann, und entwirft Module, in denen Cloud-Server in die Keller von Privatwohnungen passen. Die Firma bastelt so am Heizungskeller der Zukunft.

Das Digitale wird so auch für Privatpersonen wieder sichtbar – und könnte helfen, ein Umdenken zu ermöglichen, sagt auch IT-Expertin Nele. "Wir lassen unser Auto öfter stehen und verzichten auf Plastikbecher", sagt sie, "aber bisher übersetzen wir unsere Nachhaltigkeitsprinzipien kaum ins Virtuelle." 

Am Ende braucht es – wie im Analogen auch – eine Wirtschaft, die auf Wiederverwertung und Reduzierung setzt. "Refurbished Hardware" heißt ein Trend, der bereits darauf abzielt: Wer seinen Laptop sowieso nur für Mails und Excel-Tabellen braucht, muss nicht immer das neuste Modell kaufen, ein wieder flott gemachter Windows-Rechner tut es auch. Gleichzeitig sollten wir uns unseren digitalen Fußabdruck bei jedem versendeten Katzenvideo und jeder gestreamten Serien wieder mehr verinnerlichen. 

Es muss ja nicht gleich "Klickscham" heißen, "Klickbewusstsein" reicht für den Anfang schon.


Trip

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