Bild: Imago

Ich setze mich schon lange öffentlich gegen Bodyshaming ein. Seitdem kommen immer wieder Sprüche nach dem Motto: Ist das nicht total übertrieben? Und mit Weiblichkeit oder Sexismus hat das ja alles doch nichts zu tun!

Ricarda Lang

  • ist Bundessprecherin der Grünen Jugend, der Jugendorganisation von Bündnis 90/Die Grünen. Im vergangenen Jahr hat sie auf bento Bodyshaming in der Politik kommentiert. 

Fast so, als wolle er mir eine Argumentationshilfe bieten, zeigt der Comedian Chris Tall diese Woche nochmal eindrücklich, warum der Kampf gegen die Abwertung von Frauen aufgrund ihres Körpers immer noch verdammt wichtig ist. 

Denn es ist 2018 und im deutschen Fernsehen sitzen drei Männer um eine Frau herum und müssen erraten, ob sie schwanger oder einfach nur zu fett ist. 

Die Bilder stammen aus der Show "Darf er das?", die Tall, der auch schon mit so geschmacklosen Sprüchen wie "Willkommen bei der Chris-Tall-Nacht" auffiel, für RTL moderiert. Sie folgt dem Vorbild einer niederländischen TV-Show mit demselben Konzept, die RTL im April letzten Jahres selbst noch als "einfach nur zum Fremdschämen" bezeichnete. (RTL)

Diese Szenen sind aber nicht einfach nur zum Fremdschämen, sie sind zutiefst sexistisch und entmenschlichend. Die Frau wird auf ihren Körper reduziert und zu einem Gegenstand gemacht, den die Männer dann begutachten, lächerlich machen und bewerten dürfen. 

Klar ist dabei: eine dicke Frau, die nicht den gängigen Vorstellungen von Attraktivität entspricht, mit der ist etwas nicht in Ordnung. Die Frage ist dann nur noch: Liegt das Problem im Uterus oder im Essverhalten? 

Die Makelsuche wird zum Ratespiel.

Dabei stellen solche Sendungen nur die Zuspitzung von Erfahrungen dar, die viele Frauen andauernd machen. Die Körper von Frauen gelten auch heute noch oft als allgemeine Verhandlungsmasse, wo jeder seine Meinung sagen darf. Die Kollegin, die ungefragt Diättipps gibt. Der Lehrer, der einem sagt, dass man doch richtig gut aussehen könnte, mit ein bisschen weniger auf den Hüften. Oder eben die Bekannte, die einen aus dem nichts heraus fragt, was es denn wird: Mädchen oder Junge? Es gilt als unschicklich, über Geld oder Religion zu sprechen, aber sobald es um das Gewicht oder den Uterus einer Frau geht, hat plötzlich jeder eine Meinung – und darf sie selbstverständlich auch kund tun.

Als Argument, warum das alles gar nicht sexistisch sein könne, wird gerne angebracht, dass die Frauen bei solchen Sendungen freiwillig mitmachen. Doch darum geht es nicht. Denn Fernsehen hat nie nur Auswirkungen auf diejenigen, die mitwirken, sondern immer auch auf die, die zu Hause auf dem Sofa sitzen. Und ich will mir die vielen jungen Mädchen gar nicht vorstellen, die so schon mit ihrem Körper hadern und unter Unsicherheiten leiden und dann abends den Fernseher einschalten und gezeigt bekommen: 

Wenn du als Frau nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprichst, ist dein Körper, bist du, nicht mehr wert als ein schlechter Gag, ein schmuddeliger Witz, die Pointe eines Schenkelklopfers.

Diese Verletzungen werden dann auch noch als mutiger Tabubruch verkauft. Die Show spielt schon im Titel "Darf er das?" mit der Vorstellung einer Political Correctness, wegen der man angeblich nichts mehr sagen darf. So bedient sie ein typisches Macho-Narrativ: auf der einen Seite die vollkommen überkorrekte, spießige und spaßbefreite Mehrheitsmeinung, die von den hysterischen Feministinnen und Gutmenschen geprägt wird, auf der anderen der coole Typ, der sich davon nicht unterkriegen lässt. 

Dabei sind Sexismus und Bodyshaming in unserer Gesellschaft alles andere als Tabuthemen. Beides ist trauriger Alltag. Diese Story passt perfekt in die aktuellen Debatten rund um #metoo, bei denen man immer wieder den Eindruck hat, dass es einige Männer tatsächlich als relevante Einschränkung ihrer Freiheitsrechte sehen, wenn sie Frauen nicht mehr hinterherpfeifen, auf den Arsch hauen oder sie als "Schlampen" bezeichnen sollen. 

Der Kampf gegen eine angebliche Political Correctness wird zur Legitimation, seiner Frauenverachtung freien Lauf zu lassen. Es wird das Phantom eines Redeverbots geschaffen, das es gar nicht gibt. Denn wenn RTL fragt "Darf er das?", kann man nur sagen: ja. 

Aber ich darf ihnen dann halt auch sagen, dass es sexistische Scheiße ist. 

Und dass Frauen, die sich dagegen zur Wehr setzen, eben weder spießig noch humorlos sind. Wir haben einfach keinen Bock mehr, dass irgendwelche dahergelaufenen Typen denken, sie hätten das Recht, über unseren Körper zu urteilen und zu bestimmen. Frauen abzuwerten und auf ihr Gewicht zu reduzieren ist auch 2018 weder mutig noch innovativ, sondern langweilig, peinlich und frauenverachtend.

Ich bin dick. Wenn ich auf meinen Bauch schaue und mir vorstelle, dass er Menschen zum Anlass dienen könnte, darüber zu sinnieren, ob ich schwanger oder einfach nur zu fett bin, wird mir schlecht. Aber dann denke ich mir: Schwanger oder dick? Hauptsache, ich bin kein Typ, der es nötig hat, Frauen auf eine Drehscheibe zu stellen und sich über ihre Körper lustig zu machen. 

Da bleibt nämlich die einzig mögliche Frage: Sexist oder Arschloch?

Update: Inzwischen hat RTL sich auf Twitter geäußert und möchte die fragliche Szene offenbar nicht senden.


Grün

Ausgestorben geglaubtes Känguru taucht nach 90 Jahren wieder auf – und ihm geht es prächtig
And after all... you're my Wondiwoi ❤️

Ein gelungenes Comeback hinzulegen, ist schwer – fragt mal die Backstreet Boys, Oasis oder Tokio Hotel. Doch wenn es gelingt, ist die Wirkung des "Ich bin noch längst nicht weg" immens. Das gilt umso mehr, wenn dich die Welt nicht nur für irrelevant, sondern für tot gehalten hat. (Dem letzten, dem das so richtig gut gelungen ist, lackieren viele aus lauter Ehrfurcht sogar jedes Jahr ein paar Hühnereier.)

Nun gibt es jedoch einen weiteren Player, dem der "Zurück von den Toten"-Move gelungen ist. Es ist das Wondiwoi-Baumkänguru.

Vor 90 Jahren schoß ein deutscher Biologe ein Exemplar. Seitdem wurde das Tier nie wieder gesichtet. Zoologen hielten die Art deshalb für ausgestorben. (National Geographic)

Doch wie sich jetzt herausstellte, ist das Wondiwoi-Känguru alles andere als das. Es hatte offenbar einfach bloß keine Lust, irgendwelchen dahergelaufenen Biologen unter die Augen zu treten (was man nach der letzten Erfahrung durchaus nachvollziehen kann).

Dass sich zumindest ein Wondiwoi-Känguru bester Gesundheit erfreut, beweisen nun Fotos, die ein britischer Botaniker geschossen hat.