Und wie der Verein hinter dem Spendenaufruf jetzt weitermachen will.

Am Anfang klang es wie ein bescheidener Wunsch. "Ich würde mich freuen, wenn wir etwas Geld zusammenbekommen, um ein weiteres oder mehrere Schiffe zu chartern", sagte Klaas Heufer-Umlauf im Juli 2018 in die Kamera

Im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen, die auf unsicheren Booten nach Europa flüchten. Europäische Behörden machen den privaten Seenotrettern die Arbeit schwer. 

Also nutzte der Pro-Sieben-Moderator seine Prominenz für einen Spendenaufruf. Jan Böhmermann unterstützte die Aktion, bento berichtete. Er werde "persönlich dafür Sorge tragen, dass das Geld da ankommt, wo es hinmuss", heißt es am Ende des Videos.

Klaas Heufer-Umlauf im YouTube-Video zu seinem Spendenaufruf.

Nun ist mehr als ein Jahr vergangen – und das von Klaas Heufer-Umlauf versprochene Schiff zur Seenotrettung ist bis heute nicht ausgelaufen. 

Und es wird auch nie auslaufen. Denn das Projekt setzte auf ein Schiff, das immer teurer wurde. Die österreichische Rechercheplattform "Addendum" hat zuerst über den Fall berichtet und schreibt, das Projekt sei gescheitert.

Der Vorwurf: Ende vergangenen Jahres sei ein Schiff gechartert und wochenlang flott gemacht worden. Es sollte unter neuer Flagge registriert werden, um Probleme mit Behörden zu umgehen. Das war komplizierter als anfangs gedacht. Die Beteiligten hätten trotzdem weiter Geld in das Schiff investiert. 

Bei bento äußern sich jetzt die Verantwortlichen. Sie behaupten: Wir haben das Projekt rechtzeitig auf Eis gelegt und können den Großteil der Spenden retten. 

Wir zeigen, was seit Oktober 2018 geschah.

1 Die Vereinsgründng

Um die gesammelten Spenden zu verwalten, wurde im Oktober der "Civilfleet Support e.V." gegründet. Noch im November 2018 wurde dem Verein von der Stadt Hamburg die Gemeinnützigkeit attestiert. Auf seiner Homepage versprach der Verein, Boote zu chartern, um damit Menschen aus Seenot zu retten. 

„Zurzeit haben wir mit Eurer Hilfe und prominenter Unterstützung ein Rettungsschiff ausgerüstet und suchen nun Partner, die das Schiff alleine oder mit unserer Unterstützung betreiben.“
"Civilfleet"

Vorsitzender von "Civilfleet" ist bis heute Erik Marquardt. Er war viele Jahre bei der Grünen Jugend aktiv und sitzt seit Frühjahr 2019 für die Grünen im Europaparlament.  Schatzmeister des Vereins ist Ruben Neugebauer, einer der Mitgründer der NGO "Sea-Watch". 

"Wir wollten nicht einfach ein Schiff chartern und hübsch machen", sagte Erik Marquardt bento.

„Es ging darum, ein Schiff so auszurüsten, dass es der zivilen Seenotrettung dient. Und das geht weder schnell noch günstig.“
Erik Marquardt

"Civilfleet" hat auf seiner Homepage in insgesamt vier Posts über den Fortschritt des Schiffskaufs berichtet. Die Übersicht:

  1. Im ersten Post vom August 2018 verkündete "Civilfleet", schon ein Schiff "in Aussicht" zu haben: "Die Verhandlungen laufen gut an." Details nannte der Verein nicht.
  2. Im zweiten Post vom Oktober 2018 heißt es, ein Schiff sei gechartert worden und werde nun umgebaut und für den Einsatz flott gemacht – schon im November solle es losgehen.
  3. Der Eintrag im November 2018 ist ein langer Rant über das Nicht-Engagement der EU im Mittelmeer und ein neues Versprechen: "Wir werden ein Boot chartern." Was aus dem bereits gecharterten wurde, wird nicht erwähnt.
  4. Der vorerst letzte Eintrag zum Thema wurde Ende Januar 2019 veröffentlicht. Man habe mehrere Monate gesucht und das Schiff "Golfo Azzurro" gefunden. Es ist dasselbe Schiff, um das es auch schon im Oktober ging. 

Der Blogeintrag mit einem Bild der trockengelegten "Golfo Azzurro".

2 Das Schiff

Die "Golfo Azzurro" ist ein alter Fischkutter. 1987 wurde es gebaut, 2010 umgerüstet. Erst fuhren Umweltaktivisten der "Sea Shepherd" damit, um Walfangboote zu stören. 2016 setzten niederländische Seenotretter das Schiff einige Wochen ein. Im folgenden Jahr charterten spanische Seenotretter das Boot, seither geben Navigationswebseiten die Niederlande als einzigen Ankerort an (Haringvliet.nl/Marinetraffic.com).

"Civilfleet" habe entschieden, die "Golfo Azzurro" zu chartern, weil sie bereits als Rettungsschiff eingesetzt worden war, sagt Ruben Neugebauer heute zu bento. Ein Schiff zu kaufen hätte man sich von den Spenden nicht leisten können. Tatsächlich sind Kauf und Unterhalt von Schiffen dieser Größenordnung nicht günstig. Die 300.000 Euro hätten wohl knapp für den Kauf gereicht.

Der Verein charterte das Schiff schließlich im Herbst 2018. Der Preis: 34.000 Euro für ein paar Wochen. Um es für aktuelle Anforderungen zu modernisieren, einigte sich "Civilfleet" zudem mit dem Besitzer darauf, Geld in die Modernisierung zu stecken. Es wurde außerdem vereinbart, dass sich "Civilfleet" an der Versicherung des Schiffs beteiligt, sagt Ruben.

Gegenüber bento hat "Civilfleet" seine Ausgaben wie folgt dargelegt:

Insgesamt wurden laut "Civilfleet" bis Ende 2018 mehr als 206.000 Euro in die "Golfo Azzurro" gesteckt, gut zwei Drittel der gesamten Spendensumme. Die übrigen knapp 100.000 Euro flossen unter anderem in Rettungs-Trainings, die Unterstützung von anderen NGOs und Verwaltungskosten.

Die "Golfo Azzurro" musste komplett überholt werden: Eine neue Gästeküche wurde eingerichtet, die Stauräume erweitert, eine Krankenstation mit zwei Behandlungsplätzen eingebaut. 70.000 Euro steckte "Civilfleet" in den Ausbau.

Außerdem gab der Verein nach eigenen Angaben Geld für Versicherungen und für Treibstoff aus, weil das Schiff für einen wichtigen Stabilitätstest betankt werden musste. Beides seien Darlehen. Der Besitzer soll das Geld später zurückzahlen. 

3 Die Panama-Connection

Die "Golfo Azzurro" gehört einem Niederländer. Gleichzeitig ist jedoch die "Deep Water Foundation" in Panama als Eigentümerin eingetragen (Baltic Shipping).

Die "Deep Water Foundation" scheint eine Briefkastenfirma zu sein. Als Adresse dient ein Apartmentkomplex im Zentrum der Hauptstadt von Panama. Das Modell ist nicht ungewöhnlich.

Registerkarte von "Deep Water Foundation" im Behördennetzwerk Panadata.

Die Registrierung in Panama ist unkompliziert. Viele Schiffseigner nutzen das, Tausende Schiffe vom Kutter bis zum Kreuzfahrtriesen fahren unter panamaischer Flagge. Auch die "Golfo Azurro".

Zur Schiffsbeflaggung

Jedes Schiff muss in einem Staat registriert sein. Das muss nicht der gleiche Staat sein, in dem der Schiffseigner sitzt. Viele Eigentümer lassen ihre Schiffe daher unter sogenannten Billigflaggen registrieren, um Kosten zu sparen: Der Staat kassiert für die Registrierung, stellt aber kaum hohe Ansprüche an Sicherheitsstandards und erhebt nur geringe Steuern. Länder wie Panama, Zypern und sogar die Mongolei, die gar keine Küste hat, gelten als solche "Billigflaggen"-Staaten.

"Das ist nichts Anrüchiges", sagt Ruben Neugebauer. "Civilfleet" hätte mit der Stiftung in Panama nie Kontakt gehabt. "Bei uns lief alles über den Eigner in den Niederlanden und der war motiviert, ein Schiff für die Seenotrettung flott zu machen", sagt er. "Wir hatten immer einen ordentlichen Eindruck von ihm", sagt auch Erik Marquardt.

4 Die Flagge

Die "Golfo Azzurro" fuhr zuerst unter panamaischer Flagge. Weil immer wieder Rettungsschiffe mit dieser Flagge von den EU-Behörden unter Druck gesetzt wurden, entschieden sich "Civilfleet" und der niederländische Besitzer für einen Flaggenwechsel. 

Das Rettungsschiff "Aquarius" wurde Ende 2018 über Wochen von italienischen Behörden an der Arbeit gehindert (bento). Also zur gleichen Zeit, als "Civilfleet" ihr Schiff flottmachen wollten. Schließlich entzog Panama der "Aquarius" die Flagge. Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass Italien politischen Druck auf Panama ausgeübt hatte, Rettungsschiffen die Lizenz zu entziehen (Guardian).

Eine Umflaggung ist teuer. "Das muss man sich wie beim TÜV fürs Auto vorstellen", sagt Ruben Neugebauer. Nachweise und Papiere müssen erstellt werden und möglicherweise sind Nachbesserungen am Schiff nötig. Dazu kam eine weitere Zahlung an den Schiffseigner. 30.000 Euro für die Unterstützung bei der Umflaggung.

Die "Golfo Azurro" sollte in Vanuatu registriert werden, einem weiteren "Billigflaggen-Staat". Doch die Behörden dort forderten weitere Untersuchungen, die weitere Kosten verursacht hätten. Deren Umfang sei nicht absehbar gewesen, sagt Ruben Neugebauer.

Man habe sich zu diesem Zeitpunkt entschieden, nicht weiter in die "Golfo Azzurro" zu investieren, sagt Vereinschef Erik Marquardt. Insgesamt habe man das Schiff daher nur drei Wochen gechartert.

Was wird nun aus dem Geld für die "Golfo Azzurro"?

Die ersten Charterkosten und der Anteil an der gescheiterten Ausflaggung sind verloren. Zusammen etwas mehr als 65.000 Euro. Das sagen sowohl Erik Marquardt als auch Ruben Neugebauer. Weitere 140.000 Euro Investitionen in die "Golfo Azzurro" werde man sich aber zurückholen, sagen sie. 

Die Hälfte seien Darlehen, die der Eigner zurückzahlen müsse. Die andere Hälfte beinhaltet Ausrüstung, die man in den kommenden Wochen aus dem Schiff ausbauen wolle: unter anderem die Krankenstation, Dixietoiletten, Rettungswesten und laut "Civilfleet" ein eigens entworfener schusssicherer Benzintank.  

"Wir holen jetzt alles nach Deutschland und machen Inventur", sagt Erik Marquardt. "Civilfleet" will die Anschaffungen weiterverkaufen oder an andere Rettungsschiffe geben. "Das hat alles nicht an Wert verloren", sagt Ruben Neugebauer. 

Gemeinsam mit dem Eigentümer soll dann eine Schlussrechnung erstellt werden. Bis Ende 2019 will der Verein dann die noch ausstehende Jahresrechnung aufstellen und auch den Spenderinnen und Spendern alle Posten detailliert auflisten. 

5 Und jetzt?

Wurde Geld verschwendet – und hätte man das Scheitern der "Golfo Azzurro" früher kommen sehen können? 

Nein, behaupten die Beteiligten. "Nachher ist man immer schlauer", sagt Schatzmeister Ruben Neugebauer. "Aber wir haben zu jedem Zeitpunkt stets so entschieden, wie es bestmöglich war." 

Vereinvorstand Erik Marquardt sagt: "Ich kann an den verschiedenen Weggabelungen nicht sehen, wann man was hätte besser oder anders machen können." 

Das Projekt sei nicht verschleppt worden, sagt Erik Marquardt. Allein die Unsicherheit über die Registrierung habe die lange Pause im Projekt "Civilfleet" verursacht. Außerdem habe es immer einen Maximalbetrag gegeben, den man in das Schiff investieren wollte. 

„Manche haben die freudige Erwartung, man spendet 40 Euro und schon wird im Mittelmeer ein Menschenleben gerettet. Aber ein Schiff zu betreiben, ist leider deutlich komplizierter.“
Erik Marquardt

Ruben Neugebauer macht auch den Umgang der italienischen Regierung mit den Seenotrettern der "Aquarius" verantwortlich – erst das habe dazu geführt, selbst eine Umflaggung anzugehen. In einem Blogeintrag von Sonntagabend erklärt "Civilfleet" damit auch das lange Schweigen. Man habe vermeiden wollen, dass "die Behörden" das Projekt gefährden.

"Wir wollten undercover bleiben", sagt auch Erik Marquardt. Das sei ein Fehler gewesen – man hätte frühzeitig transparent machen müssen, wie es um die "Golfo Azzurro" steht, sagt er.

Klaas Heufer-Umlauf wollte sich auf bento-Anfrage nicht äußern. 

Erik Marquardt von "Civilfleet" sagt, der Moderator habe in Sachen "Golfo Azzurro" regelmäßige Updates erhalten – und den Aktivistinnen und Aktivisten stets Rückendeckung gegeben.

Vor zwei Monaten warb Klaas Heufer-Umlauf gemeinsam mit Jan Böhmermann in einem neuen Aufruf um Spenden für die zivile Seenotrettung. Es kamen mehr als eine Million Euro zusammen.



Gerechtigkeit

Alice hat ein Buch geschrieben, mit dem Weiße endlich Rassismus begreifen

Woher kommst du eigentlich wirklich – und darf ich mal deine Haare anfassen? Manche Sätze sind rassistisch, auch wenn sie so nicht gemeint sind. Das hat auch mit Macht zu tun und mit der Kolonialgeschichte, die in Deutschland manchmal vergessen wird.

Darüber müssen weiße Menschen dringend nachdenken, findet Alice Hasters, 30. Alice ist Journalistin und eine der beiden Stimmen aus dem Podcast Feuer & Brot.

Mit ihrem sehr persönlichen Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" will Alice jetzt zur Auseinandersetzung mit Rassismus bewegen. 

Sie beschreibt ihre eigenen Erfahrungen und zeigt, wo es heute noch strukturelle Ungerechtigkeit gibt.