Bild: Kira-Marie Peter-Hansen
"Auf eine Art habe ich Geschichte geschrieben, aber ich fühle mich immer noch total normal"

Vor Kurzem studierte Kira-Marie Peter-Hansen noch Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kopenhagen. Jetzt ist sie die jüngste Europa-Abgeordnete aller Zeiten. Nur um einen Monat – so knapp hat Kira die letzte Rekordhalterin geschlagen. Die Deutsche Grüne Ilka Schröder zog 1999 ins EU-Parlament – auch mit 21.

Kira ist seit vier Jahren bei den dänischen Grünen, der "Sozialistischen Volkspartei". Sie war auf Platz drei der Liste zur Europawahl. 

Die Partei gewann zwei Plätze, aber ihr Vorgänger lehnte ab – und Kira rückte nach. Schon ein paar Tage nach der Wahl flog sie zu den ersten Sitzungen nach Brüssel. Offizielle Abgeordnete ist sie aber erst ab dem 2. Juli, wenn das Europaparlament in die neue Legislaturperiode startet.

Zwei Wochen und viele Mails hat es gedauert, bis Kira Zeit für ein Interview hat. Wir sprechen mit ihr über alte Männer in der Politik – und darüber, ob das Parlament eine Jugendquote braucht.

Als wir telefonieren, hat Kira kurz zuvor schon einen anderen Anruf bekommen: Ihre Traumwohnung in Brüssel ging an jemand anderen. Und das, obwohl in einer knappen Woche schon die erste Sitzung des Parlaments ist.

Kira, hast du dich schon an den Gedanken gewöhnt, Parlamentarierin zu sein?

Nicht wirklich. Ich finde mich zwar meist zurecht und verstehe, was in den Sitzungen der Grünen Gruppe besprochen wird. Aber ich jongliere noch zwischen verschiedenen Identitäten: Studentin aus Kopenhagen und Parlamentarierin in Brüssel. Das ist schon ein bisschen verwirrend. Am Montag hatte ich noch eine Prüfung zu Hause an der Uni.

Wie haben Freunde und Familie auf deine Wahl reagiert?

Die sind noch immer unter Schock. Vor allem meine Freunde. Einige haben gesagt, wir sollten mit fünf, sechs Leuten eine Wohnung in Dänemark nehmen. So können sie mich immer sehen, wenn ich da bin. Meine Mama erledigt viele praktische Dinge: Sie sorgt dafür, dass ich genügend Geld auf dem Konto habe, dass ich eine gute Wohnung finde, dass alle Verträge in Ordnung sind. Ich glaube, so verarbeitet sie das. Ich bin mit 17 schon ausgezogen, aber wohne bald das erste Mal im Ausland.

Hast du in deinem neuen Job schon Entscheidungen treffen müssen?

Ja. Ich habe zwei Leute als politische Assistenten eingestellt. Und morgen spreche ich mit Bewerbern für eine Praktikumsstelle. Die sind alle älter als ich: 23 bis 27. Außerdem habe ich entschieden, in welche Ausschüsse ich gehen will. Das war wahrscheinlich der schwerste Teil, denn das bleibt für die nächsten fünf Jahre so.

Wie funktionieren die Ausschüsse?

Für Parlamentarier findet die eigentliche, inhaltliche Arbeit in den Ausschüssen statt: Dort entstehen Gesetzesvorlagen, die später vom Parlament und Rat entschieden werden. Es gibt 20 ständige Fachausschüsse, zum Beispiel zu Entwicklung, Haushalt und Fischerei. Dazu kommen Unterausschüsse und Sonderausschüsse.

In jedem davon sitzen 25 bis 73 ordentliche Mitglieder und noch einmal so viele stellvertretende Mitglieder. Die Ausschüsse sind politisch genauso zusammengesetzt wie das Plenum. Die Parteien entscheiden meist intern, wer sich auf welche Ausschüsse bewirbt. Zu Beginn einer neuen Wahlperiode entscheidet dann das Parlament, wer in welchem Ausschuss sitzt. 

Die Debatten der Ausschüsse sind öffentlich, hier kann man zuschauen: EPTV.

Welche Ausschüsse sind es denn geworden?

Ich habe mich für den Ausschuss für Arbeit und Soziales beworben und für den Wirtschaftsausschuss. Da geht es um das Banken- und Finanzsystem, aber auch darum, wie wir die Wirtschaft grüner machen können. Wie zum Beispiel in Zukunft Jobs gesichert werden könnten, auch ohne die Kohleindustrie.

Oh – ich habe gelesen, deine Themen seien eher Umwelt und LGBT-Rechte?

Meine Parteikollegin Margrete Auken ist schon 15 Jahre im Europaparlament und sitzt im Umwelt- und Gesundheitsausschuss. Sie wird dort weitermachen. Wir haben aber ausgemacht: Vielleicht tauschen wir zu einem späteren Zeitpunkt.

Das heißt, du musst dich jetzt in viele neue Themen einlesen?

Ich habe ja Ökonomie studiert.

Wie viele Semester?

Nur ein Jahr. Aber ich war auch auf einem Wirtschaftgymnasium in Dänemark.

Welche politischen Ziele hast du denn ganz konkret im Bezug auf Wirtschaft?

Es soll in den kommenden fünf Jahren viel um Landwirtschaft gehen. Mehr Bauern zu unterstützen, die ökologisch arbeiten wollen, ist eines meiner Ziele. Die EU gibt gerade viele Subventionen an die Kohleindustrie und subventioniert auch andere fossile Brennstoffe. Ich hoffe, wir können das runterschrauben.

Wie ist es, die Jüngste im Europäischen Parlament zu sein?

In Brüssel wissen das gar nicht so viele. Aber die Grünen und die Journalisten kennen mich. Es ist komisch: Auf eine Art habe ich Geschichte geschrieben, aber ich fühle mich immer noch total normal. Ich hoffe, ich werde den Erwartungen gerecht. Und gebe vielleicht jungen Menschen Hoffnung, die Politik machen wollen.

Wirst du manchmal für die Praktikantin gehalten?

Ja. Am Anfang, wenn ich den Security-Leuten meinen Badge gezeigt habe, haben sie zweimal hingeschaut. Bist du echt eine Abgeordnete? Aber ich sehe auch älter aus als 21. Und ich bin 1,74 Meter groß, das hilft vielleicht auch.

Das Medianalter der Abgeordneten ist etwa 50. Ist es hart, sich da durchzusetzen?

Ich bin das gewohnt, ich bin ja schon viele Jahre in der Politik. Nicht in einem Amt, aber ich war aktiv in der Politik in Dänemark. Die Menschen denken immer, ich sei weniger qualifiziert, weil ich jung und weiblich bin. Ich denke, damit muss ich klarkommen und beweisen, dass ich eine genauso gute Politikerin bin wie die älteren Menschen. Aber es wird auf jeden Fall hart.

Wie ist das bei den Grünen: Ticken die Jungen anders als die Alten?

Ja, ich denke, wir gehen ganz anders an die Themen ran. Wir fühlen anders, weil wir jungen Leute durch die derzeitigen sozialen Bewegungen geformt wurden. Wir haben einen besseren Draht zu anderen jungen Leuten – und eben auch zu denen außerhalb der Politik. Unter den Neuen in der Grünen Gruppe sind viele junge Politikerinnen und Politiker. Und unsere Fraktionsvorsitzende Ska Keller ist auch noch sehr jung. Im Gegensatz zu konservativen Parteien sind bei uns also alle daran gewöhnt, dass junge Leute gewählt werden – und gute Arbeit machen.

Gibt es etwas, das dich überrascht hat in deinen ersten Tagen in Brüssel?

Ja, Terry Reintke aus Deutschland. Wir hatten ein Gruppen-Meeting und auf einmal lief sie ohne Schuhe herum: barfuß. Dann fing sie irgendwann an, ihre Fingernägel zu lackieren. Das fand ich ein gutes Bild. Sie war eine der ersten Europaabgeordneten die ich jemals kennengelernt habe. Wir haben sie vor einigen Jahren mit meiner Schule besucht. Es war cool: Dieses Parlament, wo alles so riesig und formell ist – und dann im Gruppentreffen zu sehen wie jemand wie Terry eben auch sehr normal ist.

Sollte das Parlament etwas tun, damit mehr junge Leute gewählt werden? Eine Junge-Leute-Quote einführen?

Ich glaube nicht, das wir die Kandidatur mit Gesetzen regeln sollten. Aber ich glaube, die Parteien in den Ländern haben da eine Verantwortung. Auch wir können uns noch verbessern.

Deine Partei hat zwei Abgeordnete ins Parlament geschickt: dich und Margrete Auken. Mit 74 ist sie eine der ältesten Parlamentarierinnen.

Ich wäre nicht hier ohne Margrete. Sie erklärte mir, wie die Ausschüsse arbeiten, all das strategische und politische Brüssel-Blasen-Ding. Wie man den Einfluss bekommt, den man haben will.

Kann eine kleine Gruppe junger Parlamentarier auf dem großen Schiff Europa denn etwas bewegen?

Ja. Ich weiß, dass das etwas naiv klingt, und dass es wirklich schwer wird. Aber man geht ja nicht in die Politik, wenn man nicht glaubt, etwas bewirken zu können. Das werden jetzt fünf Jahre Kampf: jeden Tag, den ganzen Tag. Aber ich glaube, es ist möglich: Die Konservativen und Sozialdemokraten haben keine Mehrheit mehr und die Hälfte des Parlaments ist neu gewählt – das sind gute Vorraussetzungen für eine Veränderung in Europa.

Auch die Rechten sind stärker geworden. Wie sollte deine Partei dem begegnen?

Klar, man kann die nicht für immer ignorieren. Aber wir sollten denen so wenig Einfluss wie möglich geben. Dass sie zum Beispiel nicht zu oft auf den Delegationen im Ausland sind. Und ich glaube, wir müssen uns fragen, warum Menschen sich an diese Parteien wenden. Sie sehen, dass Jobs aus ihren Ländern verschwinden, dass viele Geflüchtete kommen. Irgendwo muss die Wut ja hin, es ist einfach, sie auf jemanden Konkretes wie Muslime zu richten. Ich glaube, die Linken und Grünen hatten bisher nicht die richtigen Antworten auf die Probleme dieser Menschen.


Style

Der Hitzekampf: Aus dem Leben eines Kurzarmhemd-Trägers

Hitze-Welle, Sahara-Sommer und Russen-Peitsche: Glaubt man den Schlagzeilen der Boulevard-Gazetten, erschlossen sich Deutschland vom bitterkalten Subpolar-, bis hin zum feuchtwarmen Tropenklima in den vergangenen zwölf Monaten mindestens zwei neue Klimazonen.

Herrscht ein Temperatur-Extrem, wird der Smalltalk über das Wetter plötzlich zu einem substanziellen Thema. Die gemeinsame Aufregung über Kälte und Hitze spannt eine Brücke zwischen den Mitgliedern unserer Gesellschaft. Bei Kleidungsstücken hört das gegenseitige Verständnis allerdings abrupt auf. Gesellschaftliche Konventionen sorgen dafür, dass man bestimmte Klamotten nicht tragen darf, ohne verächtlich beäugt zu werden. 

Eines dieser No-Go-Teile: das kurzärmelige Hemd.

Die meisten Menschen scheinen dieses Kleidungsstück gedanklich immer mit einer hawaiianischen Strandbar, Rentnern in Sandalen mit Tennissocken und billigen Mojitos zu verknüpfen.

Dabei kann ein Kurzarmhemd so viel mehr sein als ein unförmiger Stofffetzen mit ausgewaschenem Blumenprint, der einen Bierbauch verdeckt.

Die Liebesgeschichte zwischen mir und dem Kurzarmhemd begann früh.

Als ich an einem heißen Augusttag Anfang der Zweitausenderjahre eingeschult werden sollte, brannte die Sonne bei mindestens 40 Grad auf den Asphalt einer kleinen Hamburger Vorstadt. Zwischen einer Haribo Big-Box und angespitzten Buntstiften verzweifelte meine Mutter im Kinderzimmer am Dickschädel ihres Sohnes. Ich weigerte mich partout, das frisch gebügelte Langarmhemd anzuziehen, das sie extra für meinen großen Tag ausgewählt hatte.