Bild: Andreas Hornoff
Jeremias verließ seine Familie als Kind. Heute hat er ein Buch über Armut und Schuld geschrieben

Jeremias Thiel war elf Jahre alt, als er zum Jugendamt ging, an einer Bürotür klopfte, und dem zuständigen Beamten sagte: "Ich möchte weg von zu Hause, weg von meinen Eltern." Das war am 11. September 2012.

Die darauffolgenden Jahre verbrachte er im Jugendhaus des SOS-Kinderdorfs in Kaiserslautern. Inzwischen lebt der 18-Jährige in den USA und studiert am St. Olaf College in Minnesota Politik- und Umweltwissenschaft im Hauptfach. Gerade ist er nach Deutschland zurückgekehrt – wegen der Coronakrise. 

Am 16. März veröffentlichte er sein erstes Buch mit dem Titel "KEIN Pausenbrot, KEINE Kindheit, KEINE Chance".

Das Buch

"KEIN Pausenbrot, KEINE Kindheit, KEINE Chance", beim Piper Verlag erschienen, 🛒hier auf Amazon kaufen.

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Wir haben mit ihm gesprochen; über Schuldgefühle und die Fragen, ob man Armut je hinter sich lassen kann und was Deutschland seiner Meinung nach für arme Kinder tun müsste.

bento: Jeremias, du schreibst in deinem Buch: "Ich steckte fest in meiner ziemlich kaputten Familie und manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich rieche nach Armut." Wie riecht Armut? 

Jeremias: Es ist eine Mischung aus Zigarettenrauch, gemischt mit Essen, gemischt mit Käsefüßen, Schweiß, das Fenster wird nie geöffnet – in dem Geruch schwingt eine gewisse Unordnung mit. Menschen, die mal arm waren oder arm sind wissen, was ich meine. Zum anderen meine ich damit aber auch: Du wirst die Armut nicht los, man sieht sie dir an und behandelt dich entsprechend. 

bento: Armut verbinden viele allein mit einem Mangel an Geld.

Jeremias: Das ist auch richtig. Es gibt aber auch soziokulturelle Armut. Das bemerkt man, wenn man keine Eltern hat, die einem gewisse Weichen stellen können. Die Potenziale fördern. Man ist arm, wenn Krisen in psychosoziale Gewalt umschlagen. Wenn man institutionell diskriminiert wird. 

bento: Wie hast du als Elfjähriger gemerkt, dass in deiner Familie etwas schiefläuft? 

Jeremias: Ich hatte schon als Kind Bezugspersonen, bei denen ich gesehen habe, wie ein halbwegs geordnetes Leben aussieht. Zum Beispiel meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die ein Pausenbrot dabeihatten. Ich war zu ihren Geburtstagen eingeladen, ich habe gesehen, dass das Leben nicht immer so monoton verlaufen muss, wie bei uns zuhause. Die einzige Unterhaltung, die wir dort hatten, war das Fernsehen. Am wichtigsten war aber meine Tagesgruppe, die ich von der zweiten bis zur fünften Klasse täglich nach der Schule besucht habe. 

bento: Was hast du dort gelernt?

Jeremias: Ich habe gesehen, wie Struktur geht. Wir haben uns Ziele gesteckt und darauf hingearbeitet. Wenn wir unsere Aufgaben gelöst hatten, bekamen wir Sterne. Hatten wir als Gruppe genügend Sterne gesammelt, gingen wir zusammen ins Schwimmbad oder ins Kino. Ich habe gelernt, dass es erstrebenswert ist, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Zuhause habe ich gesehen, warum Armut zu einer "Erstrebenslosigkeit" führt. 

bento: Wie meinst du das?

Jeremias: Meine Eltern waren und sind psychisch krank. Ich habe als Kind die Bankkarte meines Vaters bekommen, um das monatliche Geld am Automaten abzuheben, weil mein Vater es oft selbst nicht aus dem Bett geschafft hat. Sie hatten überhaupt keine Perspektive. 

„Arme Menschen haben oft gar nicht die Chance, etwas anderes zu sein als arm.“

bento: Würdest du dich heute immer noch als "arm" bezeichnen? 

Jeremias: Man wird Armut nur schwer wieder los. Auf eine gewissen Weise habe ich es aus der Armut herausgeschafft. Aber gleichzeitig fühle ich mich auch ganz schön "geschafft". Aufgrund der Coronakrise bin ich vor zwei Wochen aus den USA zurück nach Deutschland gekommen. Ich habe Bewerbungen an Drogerien und Discounter geschickt, damit ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Bisher hat nichts geklappt. Ich habe hier keine Wohnung und ich kann nicht einfach bei meiner Familie unterkommen. Ich muss bei Freunden oder Bekannten schlafen, bin ständig in einer Bittstellerposition. 

„Armut klebt immer an einem.“

bento: Struktur und Ordnung sind für dich offenbar zwei wichtige Säulen. Wie strukturierst du dich heute? 

Jeremias: Wichtig ist für mich eine To-do-Liste. Ich setze mich jeden Montag hin und fertige eine sehr spezifische Liste für die ganze Woche an, mit privaten und universitären Aufgaben. Ich schreibe mir genau auf, welche Seiten von welchem Buch ich lesen werde, welche Punkte daraus ich erörtern möchte. 

Und ich fange immer mit den drei schwierigsten Aufgaben an, die für den Tag anstehen. Dann habe ich es hinter mir. Die Belohnung ist das Abhaken der einzelnen Punkte. Nichts fühlt sich besser an.

bento: Wie blickst du heute auf die Entscheidung zurück, deine Familie verlassen zu haben?

Jeremias: Ich habe mich damals gegen meine Eltern entschieden und mich deswegen auch sehr schuldig gefühlt. Inzwischen weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war. Nachdem klar war, dass ich nicht mehr nach Hause zurückgehen werde, sind meine Noten ganz rapide besser geworden. Ich war erleichtert. Diese Zeit war für mich natürlich auch sehr prägend. Es hat mich auch dahingehend geprägt, wie ich heute schwierige Entscheidungen treffe, nämlich sehr distanziert und rational. 

bento: Du bist SPD-Mitglied, hast mit 17 eine Rede auf dem Parteitag der Rheinland-Pfälzischen SPD gehalten und über Kinderarmut gesprochen. Welche konkreten Forderungen hast du an die Politik? 

Jeremias: Ich finde das Einführen von Ganztagsschulen sehr wichtig. Der Lebensmittelpunkt könnte dort sein, statt in einer potenziellen Strukturlosigkeit zu Hause. Viel mehr Menschen würden miteinander sozialisiert werden, was meiner Meinung nach auch zu einer demokratischeren Gesellschaft führt. Ich finde auch Mobilisierung ganz wichtig, also mobil in einer Stadt zu sein, beispielsweise durch vergünstigten oder kostenlosen Nahverkehr für Jugendliche. Forschung hat gezeigt, dass mobil sein einer der wichtigsten Faktoren ist, um sozialen Aufstieg zu fördern. 

bento: Warum ist Mobilisierung so wichtig? 

Jeremias: Arme Menschen leben in der Regel eher am Stadtrand, dort, wo es keine Vereine gibt, wenig Aktivitäten. Es geht mir dabei vor allem um soziale Vielfalt. Um Austausch untereinander. Und als dritten Punkt fordere ich, dass Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden. Aktuell obliegen Minderjährige ihren Eltern. Bei der Hartz-IV-Regelung wirkt sich das beispielsweise insofern aus, dass das Kindergeld bedarfsmindernd angerechnet wird. Das Geld ist also letztlich nicht für die Kinder, sondern für die Eltern. Kinder werden nicht als Subjekte angesehen. 

bento: Was wünschst du dir für deine Zukunft? 

Jeremias: Ich habe eine gute Bildung bekommen und bekomme sie immer noch: Erst in Freiburg am Robert-Bosch-College, jetzt in den USA. Langfristig möchte ich diese Bildung wieder zurück nach Kaiserslautern bringen und dort Veränderung bewirken. Mein Weg führt auf jeden Fall wieder zurück in die Pfalz. 


Uni und Arbeit

Allein im Wohnheim: Wie eine Studentin die Corona-Isolation erlebt
Eigentlich wohnt sie mit 90 jungen Frauen zusammen. Doch wegen der Coronakrise sind fast alle weg.

Chiaras* Zimmer liegt im fünften Stock des katholischen Studentinnenwohnheims am Anger, fünf Gehminuten vom Münchner Marienplatz entfernt. Die 26-Jährige ist vor sechs Jahren von Pisa nach München gezogen, um an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin zu studieren. Seit knapp zwei Jahren wohnt sie am Anger. Normalerweise teilt sie sich dort ein Stockwerk mit 18 anderen Studentinnen, insgesamt beherbergt das Wohnheim knapp 90 junge Frauen, verteilt auf zwei Häuser. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist Chiara allein auf ihrer Etage. 15 weitere Medizinstudentinnen sind noch irgendwo in dem alten Klostergebäude verstreut. Der Rest ist weg.  

"Unser Heim ist ziemlich verwaist. Bis auf die ausländischen Studentinnen, die festsitzen, und die Medizinerinnen, die arbeiten müssen, sind alle nach Hause geflüchtet", sagt die Wohnheimleiterin Schwester Elfriede. In der Onlinebroschüre wird das WG-Leben als lustig und familiär beschrieben, aber jetzt bleiben die Gänge, Gemeinschaftsräume und die große Dachterrasse leer. Zur Aufmunterung hat Schwester Elfriede den Übriggebliebenen Blumen auf den Küchentisch gestellt.

Wie ist es, plötzlich allein im Wohnheim zu leben? Das hat Chiara uns am Telefon erzählt.