Bild: dpa/Kay Nietfeld
Und was der 29-Jährige zum Machtkampf um die SPD-Spitze sagt.

Kevin Kühnert weiß jetzt auch nicht, was er sagen soll. Er steht auf der Straße in Darmstadt-West. Links und rechts Wohnhäuser, bei einem wird er gleich die Klingeln durchprobieren. Haustürwahlkampf. Die Hessenwahl steht kurz bevor. Die Gefühle kochen hoch.

"Ihr habt den Karren richtig in die Scheiße gefahren, da in Berlin", ruft ein bärtiger Mann mit ergrautem Haar in Kühnerts Richtung.

„Euch kann ich nicht wählen.“

Kühnert legt den Kopf schief, sagt nichts. Das Problem ist: Eigentlich sieht er das ja genauso.

Als er Anfang Dezember 2017 die Bühne des SPD-Parteitags betrat, ahnte Kevin Kühnert noch nicht, wie bekannt ihn das folgende Jahr machen würde. Welche Wucht seine Worte entfalten würden.

Keine GroKo. Das sagte, wiederholte, brüllte er, immer wieder. Mit der Parole wurde er so wichtig wie kein anderer Politiker unter 30.

Er tourte durch Deutschland, um gegen die GroKo Stimmung zu machen, überzeugte ganze Landesverbände der SPD. Er sprach in Talkshows, bei den Jusos, und natürlich auf Twitter. Der Stil: kompromisslos.

Im Frühjahr kam die GroKo dann trotzdem, was weder Kühnerts Karriere kaputt machte, noch ihn verstummen ließ. Den Parteivorstand nervt er seither; Kühnert spielt der SPD vor, wie sie auch sein könnte: ein bisschen linker, haltungsstärker, angriffslustiger. Die Jusos und er würden den Finger weiter in die Wunde legen, sagte er im März.

Einer gegen eine ganze Koalition. Was ist aus diesem Plan, aus diesem Mann, aus der rebellischen Attitüde geworden?

Das kann beobachten, wer Kevin Kühnert ein halbes Jahr begleitet, ihm dabei zuschaut, wie er mit sich selbst und der Frage ringt, was aus ihm, dem 29-jährigen Hoffnungsträger, und der GroKo wird.

Acht Monate später, es ist wieder kalt draußen, und die SPD liegt in Trümmern. Bayern und Hessen haben gewählt, die Skandale um Seehofer und Maaßen, das alles hat der Partei das Selbstbewusstsein geraubt. Olaf Scholz und Andrea Nahles, die beiden Mächtigen der Partei, sind schwach und in der SPD unbeliebt wie nie, Grüne und AfD in Umfragen vorbeigezogen.

Auf der Straße in Hessen, da, wo jemand "den Karren im Dreck" wähnt, dauert es ein paar Sekunden, dann findet Kühnert die Sprache wieder. "Wir haben einen tollen Spitzenkandidaten hier in Hessen", sagt er zu dem GroKo-Nörgler mit den grauen Haaren.

„Der kann ja auch nichts dafür, was in Berlin los ist.“
Kevin Kühnert über Thorsten Schäfer-Gümbel

Die Misere in Berlin, alles auf die GroKo schieben, mehr fällt Kevin Kühnert nicht ein.

Am Abend macht er von einer Holzbank aus Ansage. Drinnen, in der Kneipe, trinken die Jusos, draußen sitzt Kevin Kühnert, raucht eine: "Das Urteil über unsere Parteispitze scheint vielerorts gesprochen."

„Wie die Leute gerade auch über Andrea Nahles reden, das zieht mir die Socken aus.“
Kevin Kühnert

Kühnert weiß, dass nun der Moment gekommen ist. Wenn er die GroKo kippen will, sich in der SPD in den nächsten Monaten etwas ändern soll, muss er jetzt handeln. "Solange von der SPD noch etwas übrig ist", wie Kühnert sagt.

Andrea Nahles will das Gegenteil: Zeit gewinnen. Gleich nach dem Hessen-Debakel stellt sie ihren "Fahrplan" vor. Der allerdings ist voller Forderungen, die die GroKo ohnehin auf dem Zettel hatte.

Kühnert wusste davon, er hatte Nahles am Telefon mitgeteilt, dass er die Idee grundsätzlich unterstützt.

Was er nicht wusste: Nahles will erst im Herbst 2019 entscheiden, ob die Koalition ihren "Fahrplan" eingehalten hat. Erst dann soll die Partei überlegen, wie es mit der GroKo weitergeht – in etwa einem Jahr also.

Viel zu viel Zeit, die verstreicht, findet Kühnert, die große Abrechnung käme so Monate zu spät. "Wir müssen im Frühjahr schon unseren Parteitag machen. Und dort planmäßig einen neuen Parteivorstand wählen", sagt er.

Kevin Kühnert will den Showdown. Er will den Parteitag vorziehen, das ist sein Ultimatum an die GroKo, im Frühjahr will er sie sprengen.

Damit nimmt der Mann, der seiner Partei so viel zumutet wie kaum ein anderer, zum zweiten Mal Anlauf. Nach der verlorenen NoGroKo-Abstimmung im vergangenen Frühjahr stichelte er lange nur. Schließlich hatte er versprochen, den Laden nicht auseinander fliegen zu lassen. Jetzt stirbt die GroKo. Langsam, aber unaufhaltsam.

Und Kevin Kühnert, der GroKo-Jäger, will sie auf seine Weise erlegen. Sein Ziel: Die SPD darf nicht dastehen wie ein Verein von Untoten, der monatelang Spiegelstriche gezählt hat und dann feststellt, dass es nicht ganz reicht.

Wenn raus, dann mit einem Knall.

Geht es nach Kühnert, stehen bis Januar die Themen fest, mit denen die SPD in den Kampf um die Wählerstimmen ziehen will.

Am Montag entscheidet der SPD-Parteivorstand, ob der Parteitag wirklich vorverlegt wird.

Kühnerts Chancen dafür stehen allerdings schlecht. "In den Gremien wird die Strategie häufig viel ängstlicher diskutiert als an der Basis. Manche Durchhalteparolen kann ich nicht mehr hören", sagt er.

Er setzt deshalb auf die Wut der Basis. Menschen, die in der SPD eigentlich nichts zu sagen haben, die Nahles in diesem Jahr aber trotzdem schon mal an den Rand einer Niederlage gebracht haben.

Kühnerts Hoffnung: Beim Parteitag könnten sich GroKo-Gegner in einer Liste zusammenfinden, die für die Erneuerung der Partei eintritt. Die Wahlberechtigten wüssten so, wofür die Kandidatinnen und Kandidaten stehen.

Es ist der Moment gekommen, in dem Kevin Kühnert ernst machen muss. Auch seine Glaubwürdigkeit steht nun auf dem Spiel. In der Partei hält ihn so mancher ohnehin für überschätzt. Schließlich ist NoGroKo allein ja auch noch kein Konzept. Dass es danach besser wird, kann auch Kühnert nicht garantieren.

Auf Twitter machen sie sich schon über ihn, den ewigen Mahner, lustig.

Den Parteitag vorziehen, "das ist das Mindeste, was ich versuchen musste", sagt Kühnert. Viele Jusos wollten mehr. Wer zwei Jahre Terz mache, der müsse auch irgendwann zeigen, dass er es besser könne, sagt Kühnert. Das verstehe er schon.

Das Ende der GroKo, eigentlich hatte er sich das noch im Juni ganz anders vorgestellt.

Da hockt Kevin Kühnert an einem Abend auf dem Kantstein vor dem Haus der SPD-Vorsitzenden in Bielefeld. In der Hand ein Bier, neben ihm die Schachtel Pall Mall. Die Sonne geht unter, in der Ferne wummern die Bässe vom Christopher Street Day, wo Kühnert gerade die Eröffnungsrede gehalten hat.

"Vor Herbst 2019 geht nichts," sagt Kühnert an diesem Abend noch. Aber, klar:

„Ich habe immer voller Ehrfurcht auf die nächste Ebene geschaut und dann gemerkt: Die kochen auch nur mit Wasser.“
Kevin Kühnert

Dennoch, eine Spitzenkandidatur sei utopisch, sagte er damals. "Zwei Jahre wird dieses Ding schon irgendwie halten, so blöd kann ja niemand sein", sagt er. Heute weiß Kühnert:

„Das war eine Fehleinschätzung.“
Kevin Kühnert

Und was heißt das für Kühnert?

Kann man mit 29 Jahren wirklich nach der Macht in der SPD greifen? Die Partei, die 155 Jahre alt ist und rund 450.000 Mitglieder hat? Sind da nicht erst mal andere dran? Menschen, die schon mal ein Gesetz geschrieben haben? Da gäbe es die Ministerpräsidenten. Stephan Weil, zum Beispiel. Oder Manuela Schwesig. 

Nur: Sollte im März wirklich ein neuer Parteivorstand gewählt werden, ist es unvorstellbar, dass Kühnert kneift.

Für irgendwas müsste er kandidieren. Der neue SPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Horst Arnold, fordert schon jetzt: Kühnert soll den Parteivorsitz übernehmen, Nahles Fraktionsvorsitzende bleiben.

Auch Peer Steinbrück, ehemaliger Kanzlerkandidat, spricht sich für einen neuen SPD-Chef aus. Er will "eine Person wie Bernie Sanders", nur 30 Jahre jünger. Kühnert wäre 48 Jahre jünger.

Passend dazu wabert in den SPD-Reihen seit Tagen eine Idee umher: Die Partei sollte sich eine Doppelspitze geben, finden einige. So wie die Grünen. Ein etablierter Politiker, mit Regierungserfahrung, dazu ein junger Wilder. Jemand, der dafür sorgt, dass in der SPD nichts bleibt wie es jetzt ist.

Das hätte vor allem einen Vorteil: Das Stellenprofil ist wie gemacht für Kevin Kühnert.

Der sagt: "Der SPD-Vorsitz ist selbstverständlich nicht mein Ziel. Natürlich muss unser Personal vielfältiger werden."

„Aber der Platz des Juso-Vorsitzenden sollte nicht an der Spitze der Partei sein.“
Kevin Kühnert

Das mag zutreffen. Zumindest für eine gesunde Partei. Nur: Die SPD ist eben nicht gesund. Die Frage ist, wie krank sie werden muss, damit sie es mit Kevin Kühnert versucht.


Today

WhatsApp bestätigt Werbung in der App ab 2019
Der Vizepräsident hat es bestätigt

Im Messenger WhatsApp wird es ab 2019 Werbeanzeigen geben. Das bestätigte der Vize-Präsident von WhatsApp, Chris Daniels.

Was hat Daniels bestätigt?

Der Vize-Chef erklärte, dass es ab 2019 bei WhatsApp Werbeanzeigen im "Status" geben werde. Die Funktion ähnelt den "Stories" auf Instagram und ist bislang vergleichsweise wenig genutzt. Nun sollen sich auch bei WhatsApp-Werbeanzeigen zwischen die geposteten Bilder und Videos schieben, ähnlich wie bei Instagram. (Heise)

So will WhatsApp Geld von Unternehmen einnehmen, die den Messenger zum Beispiel als Teil des Kundendienstes nutzen, wie etwa "Uber".

Die Chats sollen von der Werbung ausgenommen sein, zumindest vorerst. Das könne sich aber auf Dauer ebenfalls ändern.

Warum kommt Werbung bei WhatsApp?

Das Unternehmen soll profitabler werden. 2014 bezahlte Facebook etwa 19 Milliarden Dollar für die Übernahme von WhatsApp. Viel Ertrag hat der Messenger allerdings wohl bisher noch nicht eingebracht. Das Unternehmen schreibt seit Jahren rote Zahlen. Der Facebook-Manager Alex Stamos begründete die Pläne trocken: "Wir müssen mehr Einkommen generieren."

Welche Reaktionen gibt es auf die Ankündigung?

Intern hat sich bei WhatsApp seit der Ankündigung, Werbung zu schalten, viel getan. Wie das Portal techbook berichtet, haben seit der Bestätigung einige Mitarbeiter gekündigt. 

Nachdem WhatsApp bereits im Mai angekündigt hatte, es werde auf kurz oder lang Werbung im Messenger geben, kündigte der Gründer von Whatsapp, Jan Koum und verließ das Unternehmen. Ebenfalls gegangen ist der zweite Gründer Brian Acton. 

Auch viele Nutzer äußerten ihren Unmut. Auf Twitter warfen viele User dem Unternehmen vor, die Werbung als einfache Alternative zu einer besseren Entwicklung des Unternehmens zu nutzen.