Bild: dpa; Montage: bento
Und die Demokratie gleich mit

Die SPD hat eine neue Idee, um sich aus ihrer Dauerkrise zu wuppen. Künftig soll nicht eine Vorsitzende oder ein Vorsitzender die Partei leiten – sondern zwei. Erste Kandidatinnen werden nun herumgereicht. 

Ein Team, das als SPD-Doppelspitze im Gespräch ist: Gesine Schwan und Kevin Kühnert. 

Dem Deutschlandfunk sagte Schwan, sie würde SPD-Chefin werden, "wenn die Bitte an mich herangetragen würde". Und mit Kühnert ein Team bilden, das sei für sie auch gut denkbar. 

  • Gesine Schwan war früher die Wunschkandidatin der SPD für das Amt der Bundespräsidentin, sie ist 76 Jahre alt. 
  • Kevin Kühnert ist Juso-Vorsitzender und Chefquerulant bei der SPD, er wird im Juli 30 Jahre alt. 

Im Netz wird die Idee, die Omi und den Jungspund zum Team zu machen, bislang eher belächelt.

Dabei wäre das Modell "diverse Doppelspitze" das beste, was der deutschen Politik passieren könnte.

Kühnert hat sich bisher nicht zum Vorschlag geäußert, dabei ist Twitter sonst sein Hauptwohnsitz. Und auch Schwan sagt, dass sie eigentlich nicht aktiv das SPD-Amt anstrebt. Aber es geht nicht um die beiden – sondern um die Idee dahinter.

Jetzt ist die Doppelspitze weder eine neue Idee noch ein Erfolgsgarant. Die Grünen, die Linke und die AfD haben sie bereits. Aber nicht immer wird dabei bedacht, was gerade ein Team wie Schwan-Kühnert attraktiv machen könnte: möglichst große Diversität.  Gerade das, was viele Paare und Teams auf den ersten Blick außergewöhnlich erscheinen lässt – ihre großen Unterschiede – kann sie auch enorm erfolgreich machen. Bei Schwan und Kühnert geht es gleich um mehrere Attribute: Frau und Mann, alt und jung, hetero und queer. 

Das muss nicht alles eine Rolle spielen, niemand ist nur alt oder queer. Aber für eine Demokratie kann es nur ein Gewinn sein, wenn Politikerinnen und Politiker so viele verschiedene Blickwinkel wie möglich in den Diskurs einbringen. 

Das hätte Symbolkraft in einer Zeit, in der das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft ständig beklagt wird. Mit einer Doppelspitze kann man zeigen, was passiert, wenn  unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven an einem Tisch sitzen – und vielleicht aus unterschiedlichen Gründen das Gleiche vertreten. 

Und auch für die großen Fragen wäre das ein Gewinn: Der Umgang mit dem Klimaschutz ist eines der drängenden Probleme der Zukunft, die Generationengerechtigkeit im Umgang mit Rente, sozialer Sicherheit, bezahlbaren Mieten ebenso. 

Uns Millennials ist nicht geholfen, wenn die Alten entscheiden, wie wir nach ihrem Tod weiterleben sollen. Umgekehrt ist aber auch der Generation Ü50 nicht geholfen, wenn Twentysomethings ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Wenn die Parteispitze gleichzeitig divers und konstruktiv aufgestellt ist, kann sie viele Konflikte identifizieren, untereinander ausfechten und dann wirklich gemeinsame Lösungsansätze finden.

Es ist ein Signal, Generationen nicht länger gegeneinander ausspielen zu wollen – sondern wieder miteinander ins Gespräch bringen zu wollen. 

Am Verhandlungstisch trifft dann habermassche Weitsicht auf gretathunbergschen Zorn.

Es muss nicht Schwan meets Kühnert sein, das hier ist keine Empfehlung für genau dieses Duo. Aber es ist die Aufgabe der SPD – wie auch die anderer Parteien – die Gesellschaft zu repräsentieren. 

In unserem Bundestag sitzen 117 Juristen, aber nur neun Handwerker. Mit knapp 31 Prozent ist die Frauenquote so niedrig wie seit den frühen Neunzigern nicht mehr – und mit einem Durchschnittsalter von 49,4 Jahren fehlt die Perspektive aller, die Deutschland die kommenden Jahrzehnte wirtschaftlich wuppen werden (bento). Kein Wunder, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger nicht abgeholt fühlen.

Wenn Parteien beginnen, schon in der Führungsebene diverser zu denken, spiegelt sich das in ihrer Arbeit wider – und ist ein Gewinn für uns alle.

Also wo bleibt das CDU-Gespann aus Philipp Amthor und Ruprecht Polenz? Wann verbünden sich bei den Grünen Ricarda Lang mit Winfried Kretschmann? Und hat eigentlich Christian Lindners Ego an der FDP-Spitze noch Platz für eine, die so gar nicht Christian Lindner ist? Her damit!


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