Bild: Screenshot Jusos YouTube

Kevin Kühnert, 30, Vorsitzender der Jusos, ist seit seiner Antrittsrede vor knapp zwei Jahren einer der prominentesten Politiker der SPD: Erst wurde er Stellvertreter einer unterrepräsentierten Generation, die in einem alternden Land auch Ende 20 noch gefragt wird, ob sie ihre Entscheidungen von ihren Eltern absegnen lässt, #diesejungenLeute (bento). Dann hielt er mit einer No-GroKo-Tour die SPD und die Republik in Atem (bento). Mit ein paar Worten zur möglichen Kollektivierung von Firmen wie BMW stieß er eine Kapitalismusdebatte in seiner Partei an (SPIEGEL ONLINE). Und ob er damit die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles stürzen wollte oder nicht, ist eigentlich zweitrangig, denn das Ergebnis belegt vor allem eines: Kevin Kühnert hat herausragendes politisches Talent. 

Trotzdem hat Kevin Kühnert jetzt verkündet, nicht für den Vorsitz der SPD kandidieren zu wollen.

Im Gegensatz zu Leuten wie: Olaf Scholz, Klara Geywitz, Boris Pistorius, Petra Köpping, Michael Roth, Christina Kampmann, Karl Lauterbach, Nina Scheer, Simone Lange, Alexander Ahrens,  Hans Wallow, Robert Maier, Karl-Heinz Brunner, Gesine Schwan, Ralf Stegner, Hilde Mattheis, Dierk Hirschel... 

Diese Liste ist unvollständig, weil noch immer SPDlerinnen und SPDler ihre Kandidatur erklären, aber auch, weil auf einen Blick klar ist: Wer keine ausgeprägte Faszination für das Innenleben der Partei hat, hat mit großer Wahrscheinlichkeit viele dieser Namen noch nie gehört. Im Gegensatz zum Namen Kevin Kühnert. 

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE führt der drei Gründe für seine Entscheidung an.

Er hat die Sorge, die SPD zu spalten. 

"Scholz und ich werden vielfach als zwei Antipoden in der SPD gesehen. Ich will, dass wir mit der Suche nach einer neuen Parteiführung in wesentlichen Fragen eine inhaltliche Klärung hinkriegen", sagt Kühnert.

Nun wirkt es natürlich fast ironisch, dass der Mann, der mit seinem No-GroKo-Kurs ein Land furchtlos auf Neuwahlen zusteuerte, sich auf einmal Sorgen um Spaltung macht. Aber auch, wenn man diese Sorge ernst nimmt, bleibt die Frage: Ist der Spalt kleiner, wenn man ihn verbirgt? 

Denn die Unzufriedenheit der Parteilinken, das Gefühl der Basis, nicht gehört zu werden, die Entfremdung zwischen den GoKo-Verfechtern und den Gegnern, all diese Probleme hatte die SPD auch vor Kevin Kühnert. Er hat ihnen nur eine Stimme verliehen.

Mit Olaf Scholz, Vizekanzler, Verfechter der Großen Koalition und Vertreter des wirtschaftsfreundlichen Flügels der Partei, tritt außerdem der schwergewichtigste Vertreter der "weiter-so-Fraktion" der SPD an. Ohne Kühnert stehen ihm deutlich weniger prominente Kandidaten der anderen Strömungen gegenüber. 

Ja, vielleicht sind sie im Ton versöhnlicher, ja, vielleicht eignen sie sich nicht so gut für öffentliches Unterhaltungsprogramm wie ein Duell zwischen Kühnert und Scholz (was Kühnert vermeiden will) – aber vielleicht eignen sie sich nicht ganz so gut dafür, wirklich auszuloten, wer die Partei sein will. Denn die "inhaltliche Einigung" von der Kühnert da spricht, die müsste ja auch ihn und seine Unterstützer abholen. 

Warum sollte er selbst also nicht Teil des Prozesses sein?

Und damit sind wir schon bei Kühnerts zweitem Punkt

Er glaubt, dass es auch ohne ihn unter den Kandidaten "eine reiche Auswahl" gebe.

Kühnert hält seine Kandidatur für überflüssig, weil genug Andere seine Positionen verträten. Das Problem daran: Jeder weiß, dass es mit Inhalten allein nicht getan ist. Sonst bestünde eine Bundestagswahl aus einem dicken Buch mit den gebündelten Parteiprogrammen, Wählerinnen und Wähler würden sich eine Meinung bilden, ein Kreuzchen setzen, fertig.

Doch bei Wahlen geht es auch immer um die Person, die die Idee verkörpert. Denn auch dafür glauben wir an das Modell von Repräsentanten: Sie vermitteln uns das Gefühl, im Notfall Entscheidungen in unserem Interesse zu fällen - selbst wenn es um Themen geht, die im Wahlkampf noch nicht aufkamen. 

Bei der Fokussierung auf den Inhalt übersieht er außerdem einen weiteren Aspekt vollkommen: Kühnert ist der wahrscheinlich einzige SPDler bis 30, der bei dieser Wahl eine Chance gehabt hätte. Er ist Repräsentant einer politisch und demographisch unterrepräsentierten Generation (bento). Ob es um Renten, Klimakatastrophe oder den Digitalen Wandel geht - junge Menschen haben oft eine andere Perspektive auf Themen, die die Zukunft besonders betreffen. Und gerade weil sie weniger Wählerstimmen auf die Waage der Demokratie bringen, brauchen sie prominente Vertreter ihrer Anliegen. Kühnert hätte die Chance gehabt, das zu tun – und sie nicht ergriffen. 

Kühnert hat sich selbst zum Gesicht der Neuerfindung und Verjüngung der SPD gemacht. Niemand hat ihn gezwungen, niemand hat ihn in den Vordergrund gedrängt. Ihm haben viele geglaubt, es ernst zu meinen. Indem er den Menschen, die an diese Idee glauben, vorenthält, ihn wählen zu können, schwächt er die Idee. 

3 Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für ihn

Kühnert selbst spricht nicht direkt von einem Mangel an Erfahrung, aber er sagt, er fände es  "etwas seltsam, wenn die Tatsache, dass ich nach 20 Monaten Juso-Vorsitz nun nicht bei der ersten Gelegenheit für das höchste Amt einer 156 Jahre alten Partei kandidiere, zur Entwertung meiner Person benutzt würde." 

Von einer "Entwertung seiner Person" kann natürlich keine Rede sein. Von einer Bewertung des Politikers Kühnert auf Grund seiner Entscheidung allerdings schon. 

Eine der beliebtesten Lesarten des sensationellen politischen Aufstiegs von Kühnert ist, dass man daran sehen könne, wie schlecht es der SPD ginge, frei nach dem Motto: Wenn so ein Jungspund daher kommt und Sozialismus sagt und alle zuhören, dann ist das ein Signal für Verunsicherung, Niedergang und Visionslosigkeit an der Spitze der Partei – aber nicht dafür, dass der Jungspund vielleicht weiß, wovon er spricht. (Die Zeit, DER SPIEGEL)

Denn wäre die Welt so, wie sie sein müsste, dann hätte der junge Mann mit dem Hang zu großen Worten und großen Forderungen jetzt erst mal ein paar Jahre ordentlicher Parteiknechtschaft vor sich, damit er sich langsam und verdienstvoll an die Spitze ackern kann. 

Kühnert gibt diesem Narrativ nicht unbedingt nach. Aber er setzt ihm auch nichts entgegen. In einem YouTube-Video der Jusos sagt Kühnert zu seiner Entscheidung, Politik werde auch in Strukturen gemacht. Man müsse sich sicher sein, genug Unterstützer hinter sich versammelt zu haben. Das ist eine traurige Nachricht für alle, die sich nach etwas mehr Disruption im politischen System sehnen und für die, die heimlich wünschten, "neue Gesichter in der SPD-Spitze" könnte vielleicht auch einmal "junge Gesichter" bedeuten.

"Die SPD ist in ihrer DNA keine Partei, in der man eine Revolution veranstalten kann" erklärte er dazu noch im SPIEGEL ONLINE Interview. Doch die Frage ist: Ab wie viel Prozent für die SPD ändert sich das? Und wäre er nicht derjenige, der es darauf ankommen lassen müsste? Denn es ist ja wahr: Ginge es der SPD prächtig, dann würde sie einen Juso-Vorsitzenden, der weiß, wie man politisch Bambule macht, nicht nur verkraften, sondern gelassen alt-väterlich schätzen. Jetzt scheint sie ihn zu brauchen. Mit großem politischen Talent kommt eben auch große Verantwortung.

Kevin Kühnert hat es geschafft, in kurzer Zeit viele Hoffnungen auf sich zu bündeln. 

Sein Verzicht auf die Kandidatur mag persönlich nachvollziehbar sein. Aber nach seiner Selbstinszenierung als Erneuerer der Partei muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, den er sonst der Führung der SPD immer gemacht hat: "Wer immer nur Ankündigungsweltmeister ist und versucht, den Koalitionspartner unter Druck zu setzen, aber nie die Konsequenz daraus zieht, der landet irgendwann als Bettvorleger", sagte er 2018 zu den Drohungen der SPD gegenüber der Union (ntv).

Wer immer nur Ankündigungsweltmeister ist und versucht, die Parteispitze unter Druck zu setzten, aber nie Konsequenzen daraus zieht, der landet irgendwann als Bettvorleger. Das gilt vermutlich auch für Juso-Vorsitzende, egal wie talentiert sie sind.


Fühlen

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