Bild: Carsten Koall / Getty
Wo ist er radikal – und wann politisch-pragmatisch?

Kevin Kühnert ist innerhalb von zwei Jahren zum wichtigsten Jungpolitiker Deutschlands geworden. Alle paar Wochen löste er mit provokanten Ideen Debatten aus: GroKo auflösen, BMW kollektivieren, "Miethaie" enteignen. Dass er jetzt trotz großer Worte den Vorsitz nicht übernehmen wollte, kommentierten seine Gegner hämisch – seine Fans waren enttäuscht.

bento hat mit Kevin Kühnert über Radikalität, Kompromisse, Work-Life-Balance – und seine politischen Zukunftspläne gesprochen.

bento trifft Kevin in der Juso-Zentrale, in einem Seitenflur des Willy-Brandt-Hauses in Berlin. An den Wänden kleben Poster, junge Menschen wuseln durch den Gang, jemand schiebt ein Flipchart vor sich her. 

Während des Gesprächs in einem Konferenzraum antwortet Kühnert zurückhaltend und diplomatisch. Lieber eine Politikerfloskel mehr, eine steile These weniger.

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Egal ob tazZeitWelt oder FAZ, überall wirst du als radikal bezeichnet. Haben die Autorinnen und Autoren recht? 

Nach der eigentlichen Bedeutung des Wortes schon. In der öffentlichen Wahrnehmung ist radikal aber oft gleich extrem und gar gewaltsam. Aber eigentlich heißt es: Dinge von Grund auf angehen. Nicht an der Oberfläche kratzen, sondern die Wurzel eines Problems anpacken.

In den vergangenen zwei Jahren hast du dir mit radikalen Forderungen einen Namen gemacht. Neulich sagtest du, man könne in der SPD keine Revolution veranstalten. Hast du aufgegeben? (SPON)

Noch so ein ungenauer Begriff. Eine Revolution ist ein Umsturz. Disruptiv, nicht kalkulierbar. Aber wir sind ja nicht mehr in den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts. Reform passt da besser. 

Bei Twitter hast du letztens einen Artikel geteilt, der hieß "Wagenknecht und Kühnert packen die Koffer für die Revolution". Am Tag danach ein Foto vom "Renten-Barbecue" eines Verbands im schicken Loft in Berlin-Mitte. Sind "Renten-Barbecues" ein Schritt auf dem Weg zur Revolution?

Das ist halt politisches Berlin, so sehen die Veranstaltungen da leider aus. Mich nervt das ja auch, ich bin da aber nicht der Veranstalter. Und ich versuche auch, nur dosiert zu solchen Hochglanzveranstaltungen zu gehen. Im Gegenzug wende ich mehr Zeit auf, um mit Leuten zu diskutieren, die nicht in der Politikblase leben und arbeiten. Bei der Diskussion mit Wagenknecht saßen 500 von ihnen vor uns.

Das klingt weniger nach junger Revolutionär und mehr nach Politik als Beruf. Wann hast du beschlossen, Politiker zu werden?

Das irre an meiner Situation ist ja, dass ich den Tagesablauf eines Berufspolitikers habe, ohne einer zu sein. Das war aber kein Plan, sondern ist so passiert.

Auf dem Papier bist du nur ehrenamtlicher Bezirksverordneter in Tempelhof-Schöneberg und Vorsitzender eines Jugendverbands. Aber wenn du jemanden enteignen willst – BMW oder Immobilienhaie – ist das am nächsten Tag Schlagzeile in der "Bild-Zeitung". Warum bist du so erfolgreich?

Da bin ich natürlich ein bisschen befangen. Ganz offensichtlich trifft manches einen Nerv, sonst würde es nicht diskutiert werden. Und ich bemühe mich darum, meine Themen authentisch anzusprechen. Sprich: Der da spricht bin ich und es ist keine politische Marke, die ich versuche zu platzieren. Ehrlicherweise mache ich auch eigentlich nichts anderes als meine Vorgängerinnen im Amt. Vielleicht sind die Zeiten einfach so, dass das auf fruchtbaren Boden fällt. Weil die Leute sagen: So, wie es jetzt läuft, kann es nicht richtig sein.

Katja Kipping will auch ständig jemanden enteignen, da hört aber kaum noch jemand zu.

Ja, bei denen erwartet man es, bei der SPD nicht. Momentan rücken aber Ideen in die gesellschaftliche Mitte, die man vorher als krass abgetan hat. Das war ja auch nach meinem Sozialismus-Interview in der "Zeit" so. Es ist spannend, wer darauf reagiert hat: Die Inhaber von BMW äußern sich ja selten öffentlich. Aber sie haben danach dem "manager magazin" ein Interview gegeben, um zu rechtfertigen, welche krassen Reichtümer sie haben.    

Hattest du die Provokation im "Zeit"-Interview geplant?

Ich sehe das nicht als Provokation. Aber die Wirkung habe ich geringer eingeschätzt, das gebe ich gerne zu.

Da das so gut geklappt hat: Wen willst du als nächstes enteignen – hast du eine Liste?

Nein. Aber lustigerweise gab es in den Siebzigern auf Juso-Bundeskongressen Anträge, in denen schon Reihenfolgen für die Enteignungen aufgemacht wurden. Da ging es um die Frage: Welcher Industriezweig muss als erstes in gesellschaftliche Hand? Der Toasterfabrikant ist nicht systemrelevant – Wasser- und Stromversorgung sehr wohl. Es ist gar nicht so blödsinnig, sich darüber Gedanken zu machen.

(Bild: Imago)

Wie wurdest du politisiert? Deine Eltern sind Beamte, nicht unbedingt eine Brutstätte der Radikalität.

Nee, das stimmt wohl. Meine Eltern sind politisch, aber ich bin nicht politisiert worden, weil sie die ganze Zeit am Esstisch über Politik geredet haben. Das kam eher durch die Schülervertretung und war auch keine große strategische Entscheidung. Ich bin in Sportvereinen großgeworden. Da lernt man früh: Einer muss für die Gruppe Verantwortung übernehmen. Wenn man es nicht selbst macht, macht es jemand anderes, und wenn man Pech hat, macht der es blöd. Also macht man es lieber selbst. Das ist bis heute mein Prinzip.

Bis vor ein paar Wochen: Als du die Verantwortung für deine Partei nicht übernehmen wolltest und abgelehnt hast, für den Vorsitz zu kandidieren. 

Ja, okay, das ist auch ein bisschen eine andere Kragenweite. Ich mache da ja gar keinen Hehl draus: Unterm Strich habe ich mir das nicht zugetraut. Da muss man dann auch konsequent sein und sagen: dann nicht.

Du wirst manchmal mit Altkanzler Gerhard Schröder verglichen...

... jaja. Weil er auch Juso-Vorsitzender war.

Das nervt dich also.

Ich habe 25 Vorgängerinnen und Vorgänger im Amt gehabt. Und immer werden zwei herausgegriffen: Nahles und Schröder. Die stehen natürlich beide für dieses Modell: erst Juso-Vorsitzender, dann große Politik-Karriere.

Weil man ja auch bei dir diese Ambitionen ahnt.

Ich finde Ambition ist nichts Schlechtes. Ständig politische Forderungen zu stellen, aber keine Verantwortung haben zu wollen, wäre ja seltsam. Man kann Dinge nur wirklich verändern, wenn man sich um Verantwortung bewirbt, beispielsweise bei Wahlen. Die Frage ist: Heißt das, dass dafür ich meine Ideale ändere? Das gilt es zu vermeiden. Viele würden aber bei Schröder sagen, er hat das gemacht. Er würde das vielleicht abstreiten.

Marxist wird er sich heute nicht mehr nennen.

Das würde mich zumindest überraschen.

Aber du bleibst auch die nächsten Jahrzehnte Sozialist?

Warum nicht? Es gibt ja diesen Spruch: Wer mit 20 keiner ist, hat kein Herz, und wer mit dreißig noch einer ist, hat keinen Verstand. Finde ich unpolitisch und selbstgerecht.

Mit 40, heißt es, glaube ich. Zehn Jahre hast du noch. 

Wir schauen halt immer nur auf die, die sich anpassen. Aber es gibt doch auch die Ströbeles, die sich treu bleiben. Oder die, die im Alter radikal werden: Mein Opa ist vor ein paar Jahren mit Mitte 70 in die SPD eingetreten und lebt jetzt das aus, was er sein Leben lang gern gemacht hätte. Das ist doch auch ein schönes Vorbild. 

Eine der Fragen unserer Interviewreihe ist, wie junge Menschen mit der Work-Life-Balance umgehen…

(Lacht) Was ist das? Kenn ich nicht. 

…also wie sie abschalten. Aber bei dir weiß ich das schon: Schaumbad und eine Folge "In Aller Freundschaft" (SPON). Nervt es dich manchmal, dass man sowas über dich weiß? 

Nein, was ich aus meinem Privatleben erzähle, entscheide ich ja auch selbst. Lange habe ich da gar nichts preisgegeben, aber mittlerweile glaube ich, es ist wichtig zu zeigen, dass in der Politik stinknormale Menschen unterwegs sind, die komische Hobbies haben und auch mal Feierabend machen. Auch wenn das nicht immer geht.

 


Future

Ex-AfDler versucht, Vorlesung zu halten: Niemand versteht Bernd Lucke
Studierende lassen Lucke keine Chance, VWL zu lehren.

Eigentlich sollte Bernd Lucke, Mitbegründer der AfD, am Mittwoch Studierenden der Universität Hamburg die Makroökonomie näher bringen. Aus der geplanten Vorlesung wurde ein eineinhalbstündiges Protest- und Pfeifkonzert.

Mit nüchternem Gesichtsausdruck steht Politiker und Professor Bernd Lucke 20 Minuten lang am Stehpult im historischen Hörsaal ESA B. Scheinbar unbeirrt starrt er in die Menge ihm gegenüber. Alle Sitzplätze unter der Glaskuppel sind restlos belegt. Auch dahinter stehen die Studierenden dicht gedrängt. Mehr als 500 Menschen sind im Saal.

"Nazischweine raus aus der Uni", rufen sie gemeinsam. Dann folgen weitere Parolen. Ob darunter auch ernsthafte Interessenten der Vorlesung sind? Wenn ja, dann haben sie hier keine Stimme. Die Studierenden sind hier, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Ihr Feindbild: AfD-Mitbegründer Bernd Lucke. Um kurz nach 12 Uhr soll die Wiedereinstiegsvorlesung im Fach Makroökonomie beginnen.

Bereits zwei Stunden vorher hatten knapp 300 Menschen vor dem Hauptgebäude der Universität demonstriert. Zu der Kundgebung hat der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) aufgerufen. Die Studierendenvertretung kritisiert Lucke, da er mitverantwortlich für die heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland und tolerant für rechts außen sei.

Auch seine aktuelle Partei Liberal-Konservative Reformer (LKR) sei kritikwürdig, da der Landesverband Hamburg unter anderem für "Merkel muss weg"-Kundgebungen geworben habe. Zudem vertrete Lucke das Wirtschaftsmodell der Neoklassik, das einen schlanken Staat und den weiteren Abbau der Sozialsysteme fordere.

Gegen die Kritik der vergangenen Wochen hatte Lucke sich gewehrt und Belege gesammelt, die beweisen sollen, dass er sich auch als Mitglied der AfD schon gegen Rechtspopulismus in der Partei eingesetzt habe. Dem AStA hat er ein Gespräch angeboten. Es wird am Donnerstag stattfinden.

Lucke hatte sich 2014 nach der Gründung der Partei von der Uni Hamburg auf Basis des Hamburger Beamtengesetzes beurlauben lassen, um als Berufspolitiker für die AfD ins Europaparlament zu wechseln. 2015 verließ er die Partei im Streit über eine stärker nationalkonservative Ausrichtung und prangerte in der Folgezeit fremdenfeindliche und rechtsextreme Tendenzen an. Den Sitz im Europaparlament behielt er.

Er schaffte es nicht, sich mit der von ihm gegründeten Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA), die sich später in die LKR umbenannte, politisch zu etablieren. Bei der Europawahl Ende Mai kam die LKR mit Spitzenkandidat Lucke nur auf 0,1 Prozent der Stimmen.

Laut Gesetz hat er nun das Recht auf eine Rückkehr an die Uni.

Doch die Studierenden wollen ihn nicht zurück: Nach 20 Minuten bahnen sich sechs von ihnen den Weg durch die vollbesetzten Gänge des Hörsaals bis zum Podium. Bei ihm angekommen, klappen sie seinen Laptop zu und halten zwei Antifa-Banner direkt vor sein Gesicht. Er wird leicht an der Schulter angerempelt. 

Nach einigen Sekunden kommt Lucke hinter den Bannern hervor, verlässt sein Rednerpult und geht gezielt auf die vierte Sitzreihe in der Mitte des Hörsaals zu. Er deutet auf einen Platz, presst sich an den Studierenden vorbei und setzt sich in die Menge. Dort wird er die nächsten 70 Minuten bleiben. Mittlerweile sind schon die Fenster beschlagen.

Immer wieder spricht Lucke im Hörsaal mit einer Studentin, die neben ihm sitzt, lächelt kurz. Körperlich wird er nicht bedrängt. Lediglich zusammengeknülltes Papier fliegt in seine Richtung. Er bleibt die ganze Zeit ruhig.

Die Universität Hamburg bezog bis jetzt keine Stellung zur Rückkehr Luckes. Die Sprecherin des Unipräsidenten Dieter Lenzen schrieb auf Anfrage von bento, dass sich die Hochschulleitung nicht zu Personalangelegenheiten und der politischen Position ihrer Beschäftigten äußere.

Als Arbeitgeber habe die Universität die Pflicht, den Betriebsfrieden zu wahren, sagt Andreas Fisahn, Experte für Öffentliches Recht. Das könne dazu führen, dass sich die Hochschulleitung aus rechtlichen Gründen hinter Dozierende stellen muss – selbst wenn sie sich distanzieren wollen würde. 

Im deutschen Grundgesetz ist die sogenannte Wissenschaftsfreiheit verankert.

Darin ist festgeschrieben, dass jeder unabhängig von seinen politischen Ansichten frei forschen und lehren darf. Verstöße gegen die Verfassung toleriert das Gesetz jedoch nicht. Dozentinnen und Dozenten dürfen also nicht undemokratisch oder gegen den Rechtsstaat handeln. Zur Wissenschaftsfreiheit gehört auch der direkte Diskurs zwischen Dozierenden und Studierenden. (SPIEGEL)

"Wir möchten mit unserer Demonstration mit demokratischem Wesen gegen Bernd Lucke protestieren", sagt Karim Kuropka, Vorsitzender des AStA der Uni Hamburg. Zur Besetzung des Hörsaals habe man deshalb nicht aufgerufen.

Auch die Initiative Omas gegen Rechts ist vor Ort. Im Saal sprechen die Protestierenden abwechselnd durch ein Megaphon und werfen Lucke Diskriminierung und Volksverhetzung vor. Sie rufen: