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Wie der Juso-Chef die SPD wiederbelebt

Die Fragerunde ist gerade eröffnet, schon droht die Eskalation: "Du hast jetzt fünf Minuten geredet und noch nichts gesagt", ruft der wütende Sozialdemokrat ins Mikrofon.

Kevin Kühnert guckt ein bisschen erschrocken, ein leises "Ooh" entfährt ihm, der Mund steht offen.

Der wütende Zwischenruf gilt Matthias Miersch. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende soll mit dem Juso-Chef diskutieren und die Menschen von der Großen Koalition überzeugen. Rund 200 SPDler stehen und sitzen dicht an dicht. Alle wollen Kevin Kühnert sehen, dessen NoGroKo-Tour macht an diesem Abend in Hannover Halt.

Zwischenrufer um Zwischenrufer muss Miersch abwehren:

Wer soll dir das denn noch glauben?
Frage eines schon etwas älteren Genossen
Lies es doch nach! Es steht im Vertrag.
Erwiderung von Matthias Miersch
Mach ich, ich habe den Vertrag hier!
Mein Opa findet das, was in dieser Partei gerade abläuft, richtig scheiße!
Ein Juso aus dem hinteren Teil des Raumes

Auch Kühnert mischt munter mit:

Wenn wir jetzt anfangen, Angst vor Wahlen zu haben, können wir den Laden gleich dichtmachen.
Kevin Kühnert

Offener Streit, immer hart an der Schmerzgrenze. Seit Kühnert für Stimmung sorgt, ist das in der SPD plötzlich normal. Die GroKo-Gegner sind begeistert, endlich sagt's mal jemand! Glaubt man hingegen den Alten und Mächtigen in der SPD, ist Kühnert gerade dabei, die Partei in den Abgrund zu reißen. Und mit ihr die Bundesrepublik, Europa, vielleicht die halbe Welt.

(Bild: dpa/Sebastian Willnow)

Kühnert lähme das Land, heißt es. Ohne GroKo stünde Deutschland ohne handlungsfähige Regierung da; vielleicht würde die Union dann vereinzelt sogar mit der AfD kooperieren; Macron könne Europa nicht reformieren; Merkel Trump nicht im Schach halten – das ist der Teufel, den die GroKo-Befürworter an die Wand malen. Auch Matthias Miersch tut das. Jeder im Saal müsse sich am Ende genau überlegen, was die Alternative zur GroKo sei, sagt der 49-Jährige. Es klingt bedrohlich.

Miersch ist so viele Jahre in der SPD, wie Kühnert alt ist: 28. Anfangs hielt er nichts von der Koalition mit der Union, erfand deswegen "KoKo", die Kooperations-Koalition, eine Art GroKo light.

Aber selbst er, der Parteilinke, hat seine Meinung geändert, wirbt nun notgedrungen für die GroKo. Das Umweltkapitel hat er selbst verhandelt.

Dort stehen Dinge drin, auf die ich stolz bin.
Matthias Miersch über den Koalitionsvertrag

Und überhaupt: Die SPD könne sich Neuwahlen nicht leisten. In den Umfragen stürzt die Partei tatsächlich immer weiter ab. Mitten in der Fragerunde schaut Kühnert plötzlich verstohlen auf sein Handy. Eine Eilmeldung der Tagesschau. Die SPD liegt nur noch bei 16 Prozent. Einen Punkt vor der AfD. Kühnert verzieht nicht mal das Gesicht.

Der 28-Jährige wirkt, als könne ihn nichts erschüttern.

Wir machen das hier bis zum bitteren Ende.
Kevin Kühnert

Die GroKo verhindern, das ist sein großes Ziel, trotz allem. Danach mal sehen – und die SPD in Ruhe erneuern. Das könne durchaus vier bis acht Jahre dauern, sagt Kühnert. Es brauche:

  • neue Themen,
  • neues Personal,
  • neue Strukturen.

Er spricht von einer "sozialdemokratischen Durststrecke", die der Partei in der Opposition bevorstehe. Die Mehrheit der Menschen im Saal nickt zustimmend.

Neuwahlen wären für Miersch allerdings eher unangenehm. Sein Bundestagsmandat stünde auf dem Spiel. Den Wahlkreis Hannover-Land II gewann er 2017 nur knapp.

Kühnert kümmert das nicht wirklich, er verteidigt sich und seine Kampagne gegen alle Gegner. In den Ortsvereinen und im Fernsehen, so wie Mittwochabend bei Markus Lanz. Dort war er nun schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen zu Gast. Neben ihm saß Hans Eichel, der ehemalige SPD-Finanzminister.

Einfach zwei SPD-Politiker einladen, das reicht derzeit für eine spannende Diskussion.

Dabei ist der Parteigossip nichts für Kühnert. Martin Schulz oder Andrea Nahles? Nicht sein Thema. Lieber redet Kühnert über Inhalte. Er ringt mit den Mächtigen in der SPD. Und viele Deutsche fiebern mit.

Kühnert, so scheint es, hat so nebenbei seine Partei wiederbelebt.

Die SPD, das ist auch dank ihm plötzlich der Ort, an dem die Zukunft dieses Landes entschieden wird. Keine andere Partei bekommt gerade so viel Aufmerksamkeit. Die CDU wirkt endgültig wie ein Kanzlerwahlverein ohne große eigene Ideen.

Die Folge des offen ausgetragenen Zwists: 24.339 neue SPD-Mitglieder allein seit Januar, ein Drittel davon Jusos. "Das ist die größte Eintrittswelle seit Willy Brandt", sagt Kühnert nicht ohne Stolz. Viele von den Neumitgliedern kommen, um über die GroKo zu diskutieren. Sie sind entweder für oder gegen Kühnert.

(Bild: dpa)

Klar, die Umfragen sind schlecht, aber das könnte auch an den Widersprüchen liegen, in die sich die SPD-Führung Tag für Tag verstrickt.

Eine Partei, die so leidenschaftlich streitet, liegt nicht im Sterben.

Wenn Angela Merkel das Land und die Sozialdemokratie eingeschläfert hat, hat Kühnert sie wachgeküsst.

Ob Kühnert die Große Koalition wirklich verhindern kann, werden Menschen wie Marion Hillberg entscheiden. Sie ist 52, seit 1985 in der SPD. Knapp 60 Jahre alt sind die SPD-Mitglieder im Schnitt. Da reicht es nicht, wenn Kühnert einen Großteil der rund 70.000 Jusos hinter sich versammelt.

Hillberg weiß noch nicht, ob sie für oder gegen die GroKo stimmt. Der Bauch sei gegen die GroKo, der Verstand dafür. "Der Partei würde die Opposition gut tun", glaubt sie. "Aber vielen Menschen im Land würde die GroKo helfen."

Harun Al-Saren sieht das auch so, der 23-Jährige hat sich entschieden. Vor vier Jahren kam er aus dem Jemen nach Deutschland, um Maschinenbau zu studieren. Nach seinem Abschluss würde er gerne bleiben. Im September trat er in die SPD ein, jetzt steht er hier in Hannover am Rande des Saals und hört genau zu. "Ich bin Fan von Kevin Kühnert", sagt er schließlich. Nur in einer Sache liege er falsch.

Das Land ist wichtiger als die Partei.
Harun Al-Saren

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Wie gut kennst du dich mit Namen aus?

Du hast einen. Ich hab einen. Manche Menschen haben sogar mehrere davon: Namen.

Doch die wenigsten kennen die Bedeutung ihres Vor- oder Nachnamens. Namenforschung, in der Fachsprache Onomastik, ist ein hochgradig interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sogar an Universitäten gelehrt wird (in Deutschland allerdings aktuell nur an der Uni Leipzig). Ein Onomastik-Student lernt und forscht über Herkunft, Bedeutung und Verbreitung von Namen