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GroKo? Kevin Kühnert könnte kotzen!

Der Mann, den die SPD-Führung fürchtet, ist 28, hasst Krawatten und klingt ein bisschen wie Justus Jonas, der Oberdetektiv der "Drei ???". Als Kevin Kühnert Anfang Dezember die Bühne des SPD-Parteitags betritt, kann er nicht ahnen, welche Wucht seine Worte in den kommenden Wochen entfalten werden: Keine Große Koalition, sagt er. Nicht mit ihm, dem neuen Chef der SPD-Jugend – und künftigen Gegenspieler von Martin Schulz.

Er habe die Position schon immer vertreten. Nur Schulz habe plötzlich seine Meinung geändert. Den "Martin", wie er Schulz nennt, führt er an diesem Tag im Dezember ein bisschen vor. Kühnert ist ein brillanter Rhetoriker, aber wenn er sich in Rage redet, beginnt seine rechte Schulter zu zucken.

Die Erneuerung der SPD wird außerhalb einer Großen Koalition sein oder sie wird nicht sein.
Kevin Kühnert auf dem SPD-Bundesparteitag

Die Halle jubelt.

Nun, knapp sechs Wochen später, steht Kühnerts "NoGroKo"-Show kurz vor ihrem Höhepunkt.

Der 28-Jährige hat einen eigenen Hashtag: #KevinKühnertKönnteKotzen. Er tourt durch Deutschland, überzeugt erst den SPD-Landesverband in Sachsen-Anhalt, dann den in Berlin. Donnerstag ist er in der Talkshow von Maybritt Illner zu Gast. Sonntag folgt die große Rede beim Sonderparteitag der Partei in Bonn. Dort entscheiden 600 Delegierte, ob die SPD Koalitionsverhandlungen mit der Union aufnehmen soll. Das Rennen ist offen.

Setzt Kühnert sich durch, könnte es sein, dass Schulz zurücktreten muss. Auch Angela Merkel stünde ohne Mehrheit da.

Es ist Dienstagabend, Kühnert steigt mit seinem Pressesprecher aus der Berliner U-Bahn. Schnell raucht er im Gehen noch eine Zigarette. Dann noch eine. Kühnert ist auf dem Weg zum SPD-Ortsverein Friedenau. Den Termin hatte er schon vor Monaten zugesagt. Der kleine Raum im Erdgeschoss ist mittlerweile viel zu klein für ihn.

Wo er derzeit auch auftritt, Dutzende Kamerateams warten schon. Bis zum Sommer kannte fast niemand seinen Namen. Heute willl auch eine Reporterin des norwegischen Fernsehens den Mann sehen, der Martin Schulz stürzen könnte. Der Juso-Chef spricht frei, auf einem Zettel hat er sich handschriftlich ein paar Notizen gemacht. Eine Frau hält ein großes "NoGroKo"-Schild in die Höhe. Kühnert sieht es, lächelt. Daumen hoch.

Präzise nimmt er am Dienstagabend das Sondierungspapier von SPD und Union auseinander. Punkt für Punkt, keine Gnade. Da ist es wieder, das Zucken in der rechten Schulter. Sein Ziel: Eine Minderheitsregierung der CDU mit Unterstützung der SPD. Nur so könne die SPD zeigen, wie sehr sie sich von Merkels Partei unterscheide. Bei den wichtigen Fragen, wenn es um die Stabilität Deutschlands und Europas gehe, könne man ja mit der Union stimmen.

Warum sind die Jusos gegen die GroKo?

SPD, CDU und CSU haben in Sondierungsgesprächen einen Kompromiss umrissen – auf 28 Seiten. Die Jusos finden, die SPD habe nicht genug durchsetzen können. Die Parteien hätten sich de facto auf eine Obergrenze für Flüchtlinge geeinigt, auch der Spitzensteuersatz soll nicht wie von der SPD gefordert erhöht werden. Auch von einer Bürgerversicherung sei keine Rede mehr. Dazu kommt grundsätzliche Kritik an einer Großen Koalition. Die müsse die Ausnahme bleiben, sonst könne bald keiner mehr die Positionen von SPD und Union auseinanderhalten. Außerdem wäre die AfD durch eine GroKo stärkste Oppositionspartei. Dadurch könnte sie beispielsweise im Parlament immer als erstes auf die Kanzlerin antworten.

Noch im April hatte Kühnert Martin Schulz in einem Tweet als "Gottkanzler" bezeichnet.

Seitdem ist die SPD in Umfragen abgestürzt, hat die Wahl verloren. Bei Neuwahlen, fürchten manche Sozialdemokraten, könnte man auch bei nur noch 15 Prozent landen. Und das Verhältnis zwischen "dem Martin" und Kühnert hat sich abgekühlt. Im Parteivorstand sehen sie sich noch. Zuletzt habe Schulz ihm per WhatsApp ein frohes neues Jahr gewünscht.

(Bild: dpa/Kay Nietfeld)

Kühnert ist mit 15 Jahren in die SPD eingetreten.

Damals ist er Schülervertreter, macht ein Praktikum bei der SPD. "Ich habe gemerkt, dass Politik nicht immer so langweilig ist, wie es oft heißt", sagt er. Später macht er Abi, Schnitt 2,5. Sein Vater ist Finanzbeamter, die Mutter arbeitet im Jobcenter.  Inzwischen studiert Kühnert Politikwissenschaften an der Fernuni in Hagen, heute trägt er einen dunkelblauen Hoodie über dunkelblauem Karohemd und dunkelblauen Jeans. Nebenbei arbeitet er für ein Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. 

Das klingt eher nach Berufspolitiker als nach Rebell. Es sind Menschen wie Kühnert, die in einer Partei wie der SPD Karriere machen, der Weg nach oben gepflastert mit Kompromissen.

Inhaltlich allerdings ist der 28-Jährige knallhart.

Er sagt Sätze wie: "Es macht keinen Spaß mit Alexander Dobrindt in einem Raum zu sein." Der habe in den vergangenen vier Jahren 'nichts geschissen' gekriegt."

Vielleicht besitzt Kühnert das größtmögliche Maß an Rebellentum, mit dem man in der SPD gerade etwas werden kann. Den Kompromiss zwischen SPD und Union, den die Parteiführung als großen Erfolg verkauft, nennt er mutlos. Die Große Koalition würde wichtige Entscheidungen einfach aufschieben. Das sorgt bei mächtigen SPD-Politikern für Unmut. Insbesondere Andrea Nahles ist nicht gut auf Kühnert zu sprechen.

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Durch den Konflikt mit der Parteispitze hat sich schon so mancher Juso-Vorsitzender profiliert.

Gerhard Schröder und Andrea Nahles hatten das Amt einst inne. Harsche Worte gegen die Parteivorsitzenden gehören zur Jobbeschreibung. Doch selten erzielen sie so viel Aufmerksamkeit wie nun bei Kühnert. In der Tagesschau und anderen Nachrichtensendungen vertritt er inzwischen nicht mehr nur die Jusos, sondern alle SPD-Mitglieder, die keine Lust mehr auf eine Große Koalition haben. Damit füllt er eine Lücke. "Unser Corbyn heißt Kühnert" sagen seine Fans scherzhaft. Damit spielen sie auf den britischen Labour-Politiker an. Er hat bei den bisher letzten Wahlen auf der Insel gerade junge Wähler für linke Positionen begeistert.

Egal, wie die SPD-Delegierten letztendlich entscheiden. Kühnert hat schon gewonnen.

Auch deshalb ist die "NoGroKo"-Tour für ihn erst der Anfang seiner Karriere. "Wenn unser Parteivorsitzender für so viel Geschlossenheit sorgen würde wie Kühnert als Juso-Chef, wäre schon viel gewonnen", sagt einer von Kühnerts Förderern. Auch er traut ihm durchaus eine große Karriere zu.

In Berlin-Friedenau reicht es an diesem Abend allerdings nicht für Kühnert. Um kurz vor zehn stimmt der Ortsverband ab. 19 Mitglieder stimmen für die Groko, 15 dagegen. "Aber es fühlt sich scheiße an, dafür zu stimmen", ruft eine Frau noch schnell. Kühnert lächelt.


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