Bild: ZDF
Naja, komm, nun ist auch mal wieder gut!

Irgendwie war alles anders. Am Donnerstagabend saß Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert in der Talkshow von Maybritt Illner. Kühnert ist der Shootingstar in der deutschen Politik, kaum jemand ist derzeit so gefragt wie er. Inzwischen vertritt er alle diejenigen, die keine Lust auf eine erneute Große Koalition haben. So ist er zum großen Widersacher von Martin Schulz geworden.

Und: Er ist 28.

Das ist offenbar so ungewöhnlich, dass es die gesamte Sendung über zu spüren war. Neben drei Männern mit Krawatten und Julia Klöckner (CDU) saß jemand, der Krawatten für ein überflüssiges Stück Stoff hält und sich niemals eine umbinden würde, wie er sagt. So jemand sorgt im deutschen Politikbetrieb natürlich für Aufsehen.

Muss man ihn und seine Argumente eigentlich ernst nehmen? Ach, naja, mein Gott, schon ein bisschen – aber wir wollen es jetzt auch nicht übertreiben. Dieser Meinung waren offenbar Illners Gäste. Selbst wenn sie Kühnerts Argumente lobten, taten sie dies mit augenscheinlicher Verwunderung. Der Tenor: Hoho, da hat der junge Wilde aber Recht!

(Bild: ZDF/Harry Schnitger)

Immer wieder behandelten die Gäste Kevin Kühnert wie einen Halbstarken. Fünf Beispiele:

Kevin wer?

Es ging gleich gut los. Illner nannte Kühnert zweimal Kleinert, entschuldigte sich, als sie es bemerkte. Kann natürlich mal passieren. Auf dem Stuhl sitzt ja sonst immer Wolfgang Bosbach, der Polit-Rentner mit Talkshow-Abo.

"Dieser junge Mann"

Bei Illner wurde in erster Linie über Kevin Kühnert gesprochen, eher nicht mit ihm, auch wenn Kühnert selbst lange Monologe hielt. Unzählige Male nannten die Gäste Kühnert "diesen jungen Mann". Ein bisschen muss sich die Show für ihn wie ein Besuch in der Seniorenresidenz angefühlt haben.

"Der Juso-Vorsitzende"

Den Satz sagte Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts. Damit hat er natürlich recht. Trotzdem ist es ja immer ein bisschen komisch, in der dritten Person und mit Amtsbezeichnung über jemanden zu sprechen, der einem eine Stunde lang gegenübersitzt und auch gerne mitdiskutieren würde.

"Ein bisschen Freiheit."

In Situationen wie der aktuellen suche man sich halt "Persönlichkeiten, die ein bisschen loslegen", sagte Klöckner. Auch die Junge Union habe ja "ein bisschen Freiheit". Aber Kühnert solle mehr Realitätssinn an den Tag legen. Die Message: Klar, ihr habt eure Freiheit, aber irgendwann reicht's auch. Wenn die Kekse reden, haben die Krümel Pause.

Nebenbei schwingt mit: Soll der Kevin sich mal austoben, irgendwann kommen die Jusos zur Besinnung. Und zur Not entscheiden es halt die Erwachsenen. Dabei vergaß Klöckner natürlich völlig, dass Kühnert längst nicht mehr nur für die Jusos spricht. Selbst wenn am Ende nur 30 bis 40 Prozent gegen die Große Koalition stimmen sollten – diese Menschen vertritt derzeit Kühnert. Und zwar, weil es im Rest der Partei offenbar keine Persönlichkeit gibt, die diese Position ähnlich gut vertreten kann. Später fühlte Kühnert sich genötigt zu erklären:

Ich bin nicht naiv.

"Du wärst nichts anderes als der Boris Johnson der deutschen Politik. Nichts anderes wärst du! Nichts anderes!"

Für die beste Szene des Abends sorgte Publizist Albrecht von Lucke. Er ist ein dankbarer Talkshow-Gast, argumentiert scharf, hält Menschen vom Einschlafen ab. Über die GroKo sagte Lucke:

"Es hängt nicht das Überleben von Angela Merkel, es hängt die Stärkung der Union davon ab. Das weiß der ziemlich kluge Kevin Kühnert auch. Ich will das mal ganz deutlich sagen: Kevin Kühnert kann inständig hoffen, dass am Sonntag – und das hofft er auch, ich glaube da ist er viel klüger als wir ihn alle einschätzen, wir halten ihn für sehr klug, aber er ist noch klüger – er hofft sehr, dass diese Abstimmung am Sonntag gegen ihn ausgeht. Weil er nichts anderes wäre als der Boris Johnson der deutschen Politik. Nichts anderes wärst du! Nichts anderes!"

Wow. Das ist natürlich eine Unterstellung. Keine Frage: Der Meinung kann man sein. Aber die Art und Weise ist atemberaubend. Lucke tat so, als säße Kühnert gar nicht mit am Tisch, betonte viermal in einem Satz wie klug der junge Mann doch sei. Dann sprach er ihn direkt an, per Du: "Nichts anderes wärst du! Nichts anderes!"

Alle anderen Menschen am Tisch siezte Lucke, Kühnert duzte er. Vielleicht kennen sich die beiden. Auszuschließen ist das nicht. Komisch wirkte es trotzdem. "Du kannst ruhig schmunzeln", legte Lucke dann noch nach. Kühnert, sichtlich irritiert, entgegnet: "Ich schmunzele weniger über das Szenario."

Nicht falsch verstehen: Das war kein schwerer Abend für Kevin Kühnert. Er konnte rhetorisch überzeugen, die anderen Gäste hatten sichtlich Respekt davor, wie er Martin Schulz derzeit in Bedrängnis bringt.

Zu Beginn der Sendung durfte er quasi alleine sprechen. Der perfekte Abend so kurz vor dem SPD-Parteitag, an dem 600 Delegierte letztendlich knapp für die Große Koalition stimmten (hier dazu mehr). Insofern konnte Kevin Kühnert den bemerkenswerten Umgang mit ihm einfach an sich abprallen lassen.

Aber wenn selbst qualifizierte Endzwanziger in unseren Talkshows behandelt werden als wären sie 15, muss man sich auch nicht wundern, wenn junge Erwachsene lieber Netflix als Illner gucken. Am Donnerstag lag das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer übrigens bei 65 Jahren. (DWDL)


Hier kannst du die gesamte Sendung gucken.



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