Bild: bento/S. Klößer
Was die Rollen der Berlinerin über unseren Umgang mit Rassismus und Feminismus verraten.

Marie feuert ihre rechte Faust nach vorn, schickt einen Schlag von links hinterher, dann zieht sie ihr rechtes Knie hoch bis ans Kinn ihres Gegners. Der taumelt einen Schritt zurück, fängt den Tritt mit einer Pratze ab. "Nochmal", sagt er. Und Marie holt noch mal aus. Und wieder. Und wieder. 

"Es ist wichtig, dass es sitzt", sagt Marie später. Der Schweiß steht ihr noch auf der Stirn, ihr Atem geht tief. "Wenn du im Casting die perfekte Kombi präsentieren kannst, ist es vielleicht genau das, was dir die Rolle dann einbringt". Castings hat Marie Mouroum allerdings kaum noch nötig – denn die 28-jährige Berlinerin gehört derzeit zu den gefragtesten Stuntfrauen in Hollywood. 

Kino wandelt sich – Helden sind nicht mehr nur männlich und weiß

An einem verregneten Dienstag im August liegt Hollywood in einem Berliner Hinterhof zwischen einer Karaokebar und einem türkischen Hammam. Hier trainiert Marie in einem kleinen Gym ihre Abfolgen. Ihr Partner an den Pratzen ist der Stuntman Aristo Luis. Beide üben Schläge und Tritte, halten sich fit.

Marie und Aristo beim Box-Training

(Bild: bento/S. Klößer)

Beide sind im Stuntgeschäft zur Zeit sehr gefragt, was zeigt, dass sich im Kino gerade etwas verändert. Heldenfiguren waren lange Zeit vor allem weiß und männlich. Hatte doch mal eine Frau eine Actionszene, mussten sich männliche Stuntdoubles in Kleider zwängen oder für schwarze Rollen sogar ihre Gesichter anmalen.

Dass nun Marie als schwarze Frau Auftrag nach Auftrag bekommt, zeigt, dass klassische Erzählmuster auf den Prüfstand kommen. Und das hat Auswirkungen: Was wir in der Welt des Kinos sehen, verändert auch unseren Blick auf die Welt da draußen.

Auch schwarze Kinder wollen repräsentiert werden

"Als ich klein war, gab es nur blonde Prinzessinnen, die gerettet werden wollten", sagt Marie. "Die Kids heute wachsen mit viel diverseren Figuren auf, mit schwarzen Superhelden oder coolen Kriegerinnen." Das mache viel mit dem eigenen Selbstbewusstsein, gerade wenn man schwarz ist: "Ich sehe schon im Spielzeugladen, dass ich repräsentiert werde."

„Als ich klein war, gab es nur blonde Prinzessinnen. Heute wachsen die Kids mit schwarzen Superhelden auf.“
Marie Mouroum

Marie begann ihre Stuntkarriere bereits als Kind, wenn auch unbewusst. Sie lernte Karate und Pencak Silat, eine indonesisch-malaysische Selbstverteidungsart. Mit 14 gewann Marie die Junior-WM in Singapur, an einem Filmset sah sie kurz darauf Stuntmännern bei der Arbeit zu – und dachte sich: "Das will ich auch."

Im James-Bond-Streifen "Keine Zeit zu Sterben" doubelt Marie Mouroum die weibliche Hauptrolle

Mit 18 bekam sie ihre erste kurze Rolle bei "Hänsel und Gretel: Hexenjäger". Dann durfte sie Halle Berry in einer Szene von "Cloud Atlas" doublen. Mittlerweile hat sie Stunts bei "Die Tribute von Panem" und "Star Wars" übernommen und spielte im Marvel-Universum eine der Dora Milaje, der Stammeskriegerinnen aus "Black Panther". In dieser Rolle war sie auch bei "Infinity War" und "Endgame" dabei, dem erfolgreichsten Film aller Zeiten. 

Im neuen James-Bond-Film "Keine Zeit zu Sterben" wird sie nun eine tragende Hauptrolle doubeln, die der 00-Agentin und Bond-Nachfolgerin Nomi (Lashana Lynch). In den bisher veröffentlichten Trailern macht die Agentin dem alternden Bond klar, dass seine Zeit abgelaufen sei. 

Das ist der neue Trailer zum James-Bond-Film "Keine Zeit zu Sterben":

Die Dreharbeiten erstreckten sich über Monate, Marie war auf Jamaika, in Süditalien und in England dabei. "Bei Bond sind die Actionszenen alle authentisch, da wird kaum am Computer gearbeitet", sagt Marie. Entsprechend kraftraubend seien die Dreharbeiten gewesen. Mit einem Stuntteam wurden vorab mehrere Wochen lang die Kämpfe geprobt, dann wurde es dem Regisseur vorgeführt. War der zufrieden, wurde im Beisein der eigentlichen Darstellerinnen und Darsteller gedreht. "Ich musste lernen, mich wie eine Geheimagentin zu bewegen", sagt Marie, "statt nur Kampfsport kamen also Waffentraining und taktisches Bewegen hinzu." 

Dass Bond Girls plötzlich Bond Women genannt werden, hat viel mit "MeToo" zu tun. Ende 2017 machten Schauspielerinnen im Zuge der Sexismus-Vorwürfe gegen den Produzenten Harvey Weinstein darauf aufmerksam, wie alltäglich sexuelle Belästigung im Filmgeschäft ist – und wie rückständig das Frauenbild. Fraueninitiativen versuchen seither, das zu ändern, mit mehr Regisseurinnen in der Verantwortung, mit mehr Frauen in wichtigen Rollen (bento).

Starke Frauenrollen werden immer mehr

In den Actionfilmen der Achtziger prügelte sich Sigourney Weaver als Ein-Frau-Armee durch "Aliens", war sonst aber nur von Kraftkollegen wie Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone oder Bruce Willis umgeben. Die heutige Actionriege kennt hingegen Superheldinnen wie Captain Marvel (Brie Larson), Wonder Woman (Gal Gadot) oder Black Widow (Scarlett Johansson) oder Kämpferinnen wie Milla Jovovich ("Resident Evil"-Reihe) und Charlize Theron ("Atomic Blonde", "Old Guard").

(Bild: bento/S. Klößer)

Deutlich langsamer ist Hollywood hingegen, was die gleichwertige Darstellung schwarzer Charaktere angeht. "Wenn du Rollen angeboten bekommst, bist du fast immer der Drogendealer oder der Gangster", sagt Stuntmann Aristo. "Oder der Tänzer", schiebt Marie nach. Schwarze würden immer sehr klischeehaft besetzt. Dass auch ein Arzt oder eine Geschäftsfrau einfach mal schwarz sein kann und die Hautfarbe keine größere Bedeutung haben muss, passiere noch zu selten.

Hollywood hatte lange Zeit Angst vor schwarzen Helden – bis "Black Panther"

Erst "Black Panther" habe in Hollywood für ein Umdenken gesorgt. Den Superheldenfilm betrachten beide als eine Art Erweckungserlebnis. Im Film von 2018 wird ein kleines afrikanisches Land als fortschrittlich und selbstbewusst dargestellt, die handelnden Figuren sind stolz, anmutig und schöpfen aus einer reichen Kultur. Der Film bricht mit allen schwarzen Erzählklischees – und wurde 2018 prompt zum zweiterfolgreichsten Film des Jahres (Box Office Mojo). Hauptdarsteller Chadwick Boseman, der jüngst an einer Darmkrebserkrankung verstarb, verehren viele als Symbol für eine stolze schwarze Kultur (SPIEGEL).

"Die Filmbranche ist nun sehr viel sensibler, wenn es um die Darstellung von Ethnien geht", sagt Stuntmann Aristo. Aber es habe eben erst den Publikumserfolg gebraucht, damit die Produzenten merken, dass nicht nur Weiße Filme gucken. Nur Deutschland hinke noch hinterher, sagt er. "Hier dauert es etwas länger, bis wir uns von allen Klischees verabschieden."

Das deutsche Afrikabild kennt nur Kolonialismus und Armut – aber keine Wolkenkratzer

Dass dieses Hinterfragen von Klischees wichtig ist, lernte Aristo schon an sich selbst. Er wurde in Luanda, der Hauptstadt von Angola geboren, lernte die Stadt aber kaum kennen. "Ich wurde in Deutschland groß und lernte Afrika nur als Sammlung von Dritte-Welt-Ländern kennen", sagt er. "Als ich dann später Bilder von Luanda sah, eine Großstadt voller Wolkenkratzer, war ich richtig verwirrt." 

„Ich bin keine Lehrmeisterin in Sachen Rassismus. Jeder muss selbst wissen, wie er sich mit dem Thema beschäftigt.“
Marie Mouroum

Auch Marie kennt diesen Culture Clash. Sie hat einen schwarzen Vater, aber hatte in Deutschland kaum eine Chance, mehr über ihre schwarzen Wurzeln zu erfahren. "Um sich selbst kennenzulernen, brauchst du auch deine schwarze Identität", sagt sie, aber im Schulbuch sei da außer Kolonialgeschichte und Herero-Aufstand nichts gewesen. "Drei Seiten voller Bilder von nackten Afrikanern mit abgehackten Händen", sagt Marie, "und mehr erfahre ich nicht?"

Sie hofft, dass vor allem die "Black Lives Matter"-Bewegung nun viel verändern kann. Sie selbst wuchs mit Rassismus-Erfahrungen auf. "Es ist viel passiert", sagt sie über ihre Kindheit in Ost-Berlin. Entsprechend habe sie sich lange ungern über Rassismus geredet. "Ich hatte Angst, dass es von anderen kleingeredet wird, dass meine Erfahrungen als Übertreibung abgestempelt werden."

"Black Lives Matter" zwingt zum Umdenken

Die neue Sichtbarkeit, die Achtsamkeit, mit der nun über Rassismus gesprochen werde, fühle sich da wie eine Erlösung an. "Zum ersten Mal wird uns wirklich zugehört", sagt Marie. Auch wenn die Aufmerksamkeit rund um "Black Lives Matter" schon wieder nachlasse, hofft sie, dass bei vielen etwas hängenbleibt. "Nur weil ich schwarz bin, bin ich keine Lehrmeisterin in Sachen Rassismus. Jeder muss selbst wissen, wie er sich mit dem Thema beschäftigt."

Die Stuntleute Marie und Aristo

(Bild: bento/S. Klößer)

Große Reden muss Marie auch gar nicht halten, es reicht, wenn sie ihre Kicks für die Leinwand perfektioniert. "Mir selbst war lange gar nicht bewusst, dass ich ein Vorbild sein kann", sagt sie. Die Erkenntnis kam erst, als immer mehr junge schwarze Mädchen ihr schrieben und für die Actionszenen als Kriegerin in "Black Panther" bejubelten. 


Uni und Arbeit

Wie ist es, für diesen Winter ein Auslandssemester zu planen?
"Ich habe immer wieder Plan D und Plan E aufgestellt, nur, um dann alle wieder zu verwerfen"

Heimfahren oder bleiben, abbrechen oder durchziehen? Tausende Studierende haben auch in diesem Herbst ein Auslandssemester geplant. Im Jahr 2017, so die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts, studierten über 140.000 Deutsche in anderen Ländern. Doch 2020 können viele ihren Plan wegen Corona nicht ohne Probleme umsetzen. 

"Diese Studierenden wissen überhaupt nicht, ob das, was sie heute planen, morgen auch noch gilt", sagt Harald David vom International Office der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Bekommen sie einen Flug? Wird das Flugzeug überhaupt auch abheben? Wenn ja, dürfen sie einreisen? Müssen sie in Quarantäne? Und wie wird das Uni-Angebot vor Ort aussehen?"