Bild: Bild Katja Sinko: Christian Schneider / HaltDieKlappe Montage: bento
Gestern ihr, morgen wir

Als ich Katja Sinko im Februar 2018 traf, um sie für mein Buch zu interviewen, war sie gerade dabei, ihre Masterarbeit zu schreiben. Eineinhalb Jahre später treffe ich sie wieder in der Nähe der "Stabi" - draußen, auf den Stufen eines Uni-Gebäudes. Katja schreibt noch immer an ihrer Abschlussarbeit. Oder besser gesagt: wieder.

Kolumne: Gestern ihr, morgen wir

Klimaschutz, Artikel 13, Gleichberechtigung: Ständig muss man die Verantwortlichen daran erinnern, nicht nur "Alte-Leute-Poltik" zu machen. Madeleine Hofmann bleibt geduldig: In ihrer Kolumne "Gestern ihr, morgen wir" macht sie darauf aufmerksam, wo diese jungen Leute mal wieder vergessen wurden – und was getan werden muss, um endlich für Generationengerechtigkeit zu sorgen. 

Es war einfach zu viel los. 

Europa musste gerettet werden – und Katja Sinko fühlte sich verpflichtet, nach dem Brexit, nach der Wahl von Donald Trump, nach dem Erstarken der AfD. 

Sie organisierte eine Veranstaltung, "Unser Europa kriegt ihr nicht", 80 junge Leute kamen - es war die Geburtsstunde der Kampagne "The European Moment". Seitdem hat Katja immer wieder proeuropäische Organisationen und Vereine zusammengebracht; für eine Bundestagspetition und für Demos mit Zehntausenden Teilnehmern und Teilnehmerinnen, Katja hat Reden gehalten, den Bundespräsidenten getroffen, Workshops in Schulen gegeben – alles mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit für die Europawahlen zu erhöhen.

Die deutlich höhere Wahlbeteiligung von 61,4 Prozent haben wir vielleicht auch ein bisschen Katja Sinko zu verdanken.  

Aber gerade ist bei Katja "die Luft raus", wie sie sagt. Man sieht und hört es ihr nicht an - sie spricht genauso leidenschaftlich über Europa und ihr Engagement wie immer. 

Aber es hat an ihr gezehrt, das ständige jonglieren von Terminen, Ehrenamtliche bei der Stange halten, eigensinnige Aktive an einen Tisch bringen, bei Veranstaltungen, in die man Herzblut gesteckt hat, mit einem Dutzend Menschen zu stehen, und das selbst im eigenen Umfeld nicht jeder "Bock hat, etwas zu verändern". Das Aktivistinnenleben ist anstrengend. Und die Masterarbeit will endlich geschrieben werden.

Dazu kommt eine gewisse Enttäuschung: Während es vor der Wahl noch um Inhalte gegangen sei, wurde sofort bei der Wahl der EU-Komissionspräsidentin wieder klar, dass es um Posten und Personen geht, findet Katja. Dass Ursula von der Leyen, und nicht einer der Spitzenkandidaten zur Kommissionspräsidentin gewählt wurde, verspiele den Vertrauensvorschuss, den die EU durch die hohe Wahlbeteiligung erhalten habe. "Man fragt sich, wozu man das alles gemacht hat. Und mich persönlich schreckt das zunehmend davon ab, in die Politik zu gehen. Ich denke, das geht gerade vielen jungen Leuten so."

Dass sich die Jungen jetzt komplett apathisch zurück ziehen, glaubt sie aber nicht: "Frustration ist die Voraussetzung für Protest." Katja hofft, dass junge Menschen ihren Ärger weiter auf die Straße tragen, statt politische Ämter anzustreben. "Mein Opa sagt mir manchmal, ich sei naiv zu glauben, etwas verändern zu können. Ich sage ihm dann: Dann lass mir doch die Naivität. Was soll ich denn tun? Warten, bis wir alle in einer großen Sauna leben? Dazu bin ich nicht bereit." 

Die Klimastreiks von Fridays For Future machen Katja Hoffnung, aber ihr fehlt die Unterstützung der älteren Generationen. "Es ist wichtig, zu erkennen, dass wir uns nicht gegenseitig bekämpfen, sondern der Politik gemeinsam klar machen müssen, was sich ändern soll. Wir müssen mehr miteinander sprechen." 

Dann gäbe es vielleicht auch mehr Verständnis für die Forderungen der Jugend in Europa. Katja findet es wichtig, dass alle Europäerinnen gleich behandelt werden – zum Beispiel, dass für alle Arbeitnehmerinnen in der EU die gleichen Arbeitsbedingungen gelten. Daraus könnte sich wieder Solidarität speisen. Auch zwischen den Generationen. "Zu sagen 'das machen jetzt aber die Jungen', ist der große Fehler, den viele Ältere machen", findet Katja. 

📖 Macht Platz!

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Sie hat auch selbst ein bisschen Angst davor, träger zu werden: "Je älter man wird, desto resignierter wird man. Ich war selbst vor fünf Jahren viel optimistischer, als ich es heute bin. Ich bin jetzt viel realistischer und pragmatischer. Wie schafft man es trotzdem, dran zu bleiben?" Katja ist 29. Und schreibt jetzt erst mal ihre Abschlussarbeit. Diesmal wirklich.

 "Aber spätestens, wenn von der Leyen nach einem Jahr nicht geliefert hat, wird sich was formieren", kündigt Katja an. Wird sie dann wieder ganz vorne mit dabei sein? "Sich abfinden ist jedenfalls keine Option. Nichts machen, das könnte ich mir nie verzeihen."

Katja steht auf. Jetzt ist es wirklich Zeit, zurück in die Bibliothek zu gehen. Wenn die Masterarbeit noch vor ihrem 30. Geburtstag fertig werden soll, wie sie es sich wünscht, hat Katja nur noch ein halbes Jahr Zeit. Und irgendeine Revolution kommt ihr immer dazwischen. Am nächsten Tag zum Beispiel, bei Fridays For Future, könne sie auf keinen Fall fehlen.


Future

Kampf gegen die Übermacht: IG Metall nimmt sich YouTube vor

Wenn soziale Netzwerke die Regeln ändern, ohne ihre Nutzerinnen und Nutzer zu fragen, kann das ganze Geschäftsmodelle zerstören. Gemeinsam mit der IG Metall will eine Vereinigung von YouTubern nun für bessere Arbeitsbedingungen streiten. Es ist auch der Versuch traditioneller Gewerkschaften, sich auf junge Berufsbilder einzustellen.

Es ist kurz vor Weihnachten, als Malte zu seiner Freundin sagt: "Baby, jetzt ist es passiert."
An diesem Morgen wurde wahr, was Malte zwar für möglich gehalten, doch meist verdrängt hatte: YouTube hatte seinen Kanal gelöscht. Komplett. Dutzende Videos, knapp 40.000 Abonnenten und sieben Jahre Arbeit – einfach weg. Ohne Vorwarnung, ohne Ansprechpartner, ohne Chance auf Berufung. "Fuck", denkt Malte noch heute, mehr als acht Monate danach, laut an diesen Morgen zurück.

Dummesaulol ist das Projekt von Malte, 29, Quitschi, 28 und Rene, 45, der meist hinter der Kamera steht. Der Stil der Videos, den sie machen, lässt sich wohl am besten mit dem der berüchtigten MTV-Serie "Jackass" vergleichen. Mit einer zum Gokart frisierten und gefüllten Badewanne über eine Rampe springen? Für die drei Österreicher kein Ding. "Wir wollen all das, was man niemals tun würde, einfach machen", sagt Malte.