Bild: Steffen Lüdke
Unterwegs mit dem Shootingstar der Grünen

Die Ansagerin steht in der Mitte der Exerzierhalle in Ingolstadt und wird so langsam panisch. "Katha und Robert, bitte! Katha und Rooobert!" 

Katha und Robert, das sind Katharina Schulze und Robert Habeck. Sie, 33, Spitzenkandidatin der Grünen in Bayern. Er, 49, Vorsitzender der Grünen in Deutschland.

Die beiden sitzen hinter einem Essenstand auf einer Holzbank, Andy Green's Natural Food Kitchen, sie schlingen Süßkartoffelcurry aus Pappbechern in sich hinein. Da merkt Habeck, was los ist. Die Leute warten!

Er springt auf, wirft Schulze einen Blick zu, sie versteht, es geht los.

Sie laufen in die Mitte des Raumes, vorbei an einem Raumtrenner, dahinter Applaus. Schulze strahlt, Arme in die Luft: die Pose einer Siegerin. Dann verbeugt sie sich vorm Publikum. "Wartet, wartet. Bevor die erste Frage kommt, will ich noch was sagen", ruft sie. "Am Sonntagabend ist die absolute Mehrheit der CSU endlich Geschichte!"

Schulze in Ingolstadt: Sie versteht, es geht los

(Bild: Steffen Lüdke)

Das Publikum hat richtig gute Laune, Schulze auch, es johlt, sie grinst. Nach diesem Schema laufen Katharina Schulzes Auftritte derzeit häufig ab.

Grund für die gute Stimmung sind die Umfragen, in Bayern stehen die Grünen so gut da wie noch nie. Die Umfragen sehen die Partei bei 19 Prozent der Stimmen, zuvor bekamen sie nie mehr als neun. Gleichzeitig ist die CSU auf etwa 34 Prozent abgestürzt. (Merkur)

Woher kommt dieser Erfolg? 

Ausgerechnet jetzt, wo alle vom Rechtsruck reden, die meisten Politiker sich vor allem über Geflüchtete streiten. Ausgerechnet jetzt, wo es dem Bundesland gleichzeitig wirtschaftlich ausgezeichnet geht – nach Jahrzehnten der CSU-Herrschaft. 

Jetzt, hier, könnte jede fünfte Wählerin, jeder fünfte Wähler, für die linken Ökos von den Grünen stimmen? Wie passt das zusammen?

Schulze und ihr Wahlkampf: Richtig gute Laune

(Bild: Steffen Lüdke)

Die Antwort hat auch mit Katharina Schulze zu tun. Mit 33 ist sie noch zu jung, um bayerische Ministerpräsidentin zu werden. Das geht erst ab 40. Die Influencerin ihrer Partei ist sie trotzdem.

Die Frau, Pastell-Bluse, Rock, Leggins, kommt auf Instagram rüber wie ein viel beschäftigter Shootingstar. Auch hier heißt sie Katha, und allein durch den Spitznamen ist man ihr schon ein Stück näher.

Man kann ihr dort zum Beispiel dabei zusehen, wie sie in einem Tesla durch Bayern fährt, Wahlkampfendspurt, und dabei wirklich überhaupt nicht gestresst aussieht. Sieben Bezirke in 40 Stunden fährt sie ab, zwischendurch Diskussionsveranstaltungen, und ihre Follower, ihre "Lieben", wie sie sie anspricht, nimmt sie mit.

"Schaut mal, wen wir jetzt im Auto haben", ruft sie in einer ihrer Storys. "Der Robert ist dabei!" Sie, die Kamera, zwischendurch das Wahlprogramm. Passt.

Instagram-Profil von Schulze: "So, ihr Lieben!"

(Bild: Screenshot / Instagram "kathaschulze")

Die AfD, die Anti-Flüchtlings-Panik der CSU, all das hilft den Grünen. Sie sind noch am ehesten das Gegengift gegen schlechte Stimmung und die Abschottungs-Rethorik. Katharina Schulze, die Dauerlächlerin, verkörpert das so gut wie nur wenige andere.

Ihr Wahlkampf macht Spaß, denn zwischen Ökostrom und Energiewende gibt es auch mal ein Eis. "Ihr wisst ja: You can't buy happiness, but you can buy ice cream", sagt Schulze auf Instagram in die Kamera.

Robert Habeck spricht lange, oft langatmig. Schulze macht Tempo. In Ingolstadt ruht er sich kurz aus und nimmt Platz, als sie gerade hochfährt.

"Obwohl wir das sicherste Bundesland sind, obwohl wir die niedrigste Kriminalitätsrate seit 30 Jahren haben, hat die CSU ein Polizeiaufgabengesetz beschlossen, das alle unsere Bürgerrechte angreift! Wenn so eine Partei mir erzählt, wie Sicherheitspolitik funktioniert – da kann ich echt nur laut lachen!"

Harte Politik, aber auch Emotionen. Und immer noch ein Detail, an dem man irgendwie hängenbleibt: Heute, in Ingolstadt, ist es Schulzes Schuhwerk, Sneaker mit ihrem Spitznamen drauf. Katha.

Sneaker von Schulze: Politik und immer noch ein Detail

(Bild: Steffen Lüdke)

Um sie herum sitzen Bürgerinnen und Bürger, sie dürfen Fragen stellen. Habeck sitzt, Schulze wirbelt herum.

Tempo: "Die Unternehmer wollen Geflüchtete einstellen", ruft sie, obwohl sie ein Mikro hat. "Aber die CSU findet immer einen Grund, warum etwas nicht geht. Und wenn ich was nicht leiden kann, dann diese Menschen!"

Habeck macht Verschnaufpause, Schulze redet ohne Sprechpause.

Ihre Ansagen schießen wie Pfeile durch den Raum, derweil widmet sich Habeck einem Hund, der von irgendwoher aufgetaucht ist.

Nicht, dass er nicht bei ihr ist, nicht, dass er sich die Show stehlen lässt: Er lässt sie halt machen. Vielleicht, weil er weiß, dass vor allem sie es ist, die gerade den Wahlkampf der Partei in Bayern rockt. "Sie ist wie ein brodelnder Vulkan", sagt Habeck.

Schulze im Wahlkampfmodus: "Sie ist wie ein Vulkan"

(Bild: Steffen Lüdke)

Markus Söder hat in den vergangenen Monaten dunkle Schatten heraufbeschwört. Er schürte Ängste vor geflüchteten Menschen. Wirkte kalt, abweisend, sprach von "Asyltourismus".

Die Bayern sind laut Glücksatlas aber 2018 ziemlich gut drauf, glücklicher noch als die Menschen im Bundesdurchschnitt. Schulzes Naturell passt besser zu dieser Zufriedenheit.

In ihrem Bewerbungsvideo für die grüne Spitzenkandidatur lacht sie fast durchgängig. Zwischendurch werden Fotos von ihr eingeblendet. Schulze auf einer Demo (Politik!), Schulze am Ammersee, ihrer Heimat (Gefühle!). Dazu Popmusik.

"Ist es hier nicht unglaublich schön?", fragt sie, klingt sympathisch, und in diesem Moment ist die Welt unglaublich heile.

Schulze und ihr Bewerbungsvideo: "Ist es hier nicht unglaublich schön?"

(Bild: Screenshot / YouTube )

Aber Schulze ist keine realitätsfremde Träumerin.

Sie studierte interkulturelle Kommunikation, Politikwissenschaft und Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, absolvierte ein Auslandssemester an der UC San Diego. Mit 25 half sie, Olympia in München zu verhindern. Sie setzte sich auch gegen Claudia Roth durch.

Jeden Abend beugt sie sich über ihre To-Do-Listen. Wenn sie eine Aufgabe nicht erledigt hat, wird sie auf den nächsten Tag übertragen. "Wenn ich was mach, dann mach ich's auch gescheit", so ein Satz von ihr, der viel über sie sagt.

Für eine Spitzenkandidatin der Grünen ungewöhnlich: Schulze macht Innenpolitik. Ursprünglich habe sie sich dem Bereich angenommen, weil sie sich im Kampf gegen Rechtsextremismus engagieren wollte, sagt sie.

Noch heute geht sie auf Anti-Nazi-Demos. Sie setzt sich für die bayerische Natur ein und will die bayerische Grenzpolizei abschaffen, dafür mehr normale Polizisten einstellen. Sie lobt die Arbeit der Polizei, fährt auch schon mal auf Streife mit. 

Schulze im Bewerbungsvideo: Heile Welt

(Bild: Screenshot / YouTube )

Schulze wird selbst in konservativen Kreisen respektiert, was Robert Habeck gefallen dürfte. Er ist gerade dabei, die Grünen auch für einige Konservative wählbar zu machen. So hat die Partei laut Umfragen auch im Bund die SPD überholt.

"Ich bin nicht so wahnsinnig links", sagt einer, der aber trotzdem bei den Grünen ist: Rafael Stockmeier, 21. Es gefiel ihm offenbar, Politik und Gefühl. Vor einem Monat sprach er Schulze an: "Für eine Umarmung trete ich ein."
 
Sie gab ihm eine, natürlich. Seitdem ist er dabei.

In Bayern habe sich was verändert, erzählt er in Ingolstadt, auch viele seiner Freunde würden nun anders auf die Grünen blicken. "Katha hat daran einen großen Anteil. Sie ist unsere Symbolfigur."

Nach Ingolstadt fahren Habeck und Schulze noch eben nach Nürnberg. Schulze spricht dort auf einer Podiumsdiskussion. Tempo, Ansage.

"Übrigens, der Maskenbildner hat ganze Arbeit geleistet", rief Katha Schulze, neulich, bei Instagram-Storys. "Ich hab überhaupt keine Augenringe mehr. Leute, Wahlkampf ist null anstrengend!"

So ist das bei Katharina Schulze: Zuversicht lässt das Problem schrumpfen. Und sie am Sonntag vielleicht die CSU.


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Wir sind unteilbar! Das sind die wichtigsten Momente der Demo in Berlin

Einen Tag vor der Bayernwahl demonstrierten sie bei der "Unteilbar"-Demo gegen die drohende Abschottung Europas, für die Integration von Flüchtlingen, für Bürgerrechte: In Berlin sind am Samstag laut den Veranstaltern rund 240.000 Menschen auf die Straßen gegangen, um für eine solidarische Gesellschaft einzutreten. 

Sie machten sichtbar, dass sie im Kampf gegen Rassismus viele sind: Nicht nur Berlinerinnen und Berliner waren dabei, die Teilnehmer reisten aus ganz Deutschland an. Viele Promis und Politiker hatten die Demo zuvor über Twitter, Facebook oder Instagram unterstützt – und dazu aufgerufen, mitzumachen.