Bild: Marc Röhlig

Am Wochenende haben mehrere arabische Länder ihre Beziehungen zu Katar beendet. Sie werfen dem kleinen Land vor, einer der wichtigsten Unterstützer islamistischer Terrorgruppen zu sein. Katars Bürger müssen nun fluchtartig die anderen arabischen Länder verlassen, Häfen werden geschlossen, Flugverbindungen eingestellt.

Hält der Konflikt an, hätte das auch Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und die Fußball-Weltmeisterschaft, die 2022 in Katar stattfinden soll. Um islamistischen Terror geht es dabei nur vordergründig – tatsächlich steckt mehr dahinter. Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Wo genau liegt eigentlich Katar?

Katar ist eine Halbinsel im Persischen Golf. Eine gemeinsame Grenze teilt sich Katar nur mit dem riesigen Saudi-Arabien – über Seewege ist es aber auch mit Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten verbunden. Auf der anderen Seite des Golfes liegt der Iran.

Welche Länder schließen Katar nun aus?

Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten haben zeitgleich am Montagmorgen bekannt gegeben, ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar aufzukündigen. Später haben sich auch andere islamisch geprägte Länder wie der Jemen oder die Malediven angeschlossen.

  • Die Diplomaten der Länder werden aus Katar abgezogen.
  • Bürger Katars, die in den Ländern leben, haben zwei Wochen Zeit, auszureisen.
  • Die Grenzübergänge zu Saudi-Arabien wurden geschlossen.
  • Fähr- und Flugverbindungen wurden ausgesetzt.
  • Katar wurde zudem aus einer arabischen Allianz ausgeschlossen, die derzeit im Jemen Krieg führt.
Was steckt dahinter?

Die Länder werfen Katar vor, terroristische Gruppen finanziell zu unterstützen und ihren Anführern Unterschlupf zu gewähren - sowie gezielt "Unruhe in der saudischen Gesellschaft zu schüren". So steht es zumindest im offiziellen Statement der saudischen Presseagentur SPA.

Ganz falsch ist das nicht: In Katar führt die palästinensische Hamas Büros. Diese wird auch von der EU als Terrororganisation eingestuft. Außerdem bietet die katarische Führung Islamisten eine Heimat – zum Beispiel dem einflussreichen ägyptische Fernsehprediger Yussuf Qaradawi, dem Hamas-Chef Khaled Meschaal und vielen Funktionären der Muslimbruderschaft.

Was aber perfide ist: In Saudi-Arabien wird mit dem Wahhabismus selbst eine sehr strenge Islam-Auslegung gelebt, die viele als Brutstätte für Islamismus sehen. Auch die Finanzierung von Terrorgruppen wird der saudischen Herrscherfamilie immer wieder vorgeworfen.

Was steckt wirklich dahinter?

Der Konflikt mit dem Iran – und der Streit um eine angebliche Falschaussage. Saudi-Arabien sieht sich als Großmacht des sunnitischen Islam – der schiitische Iran hingegen ist der Erzfeind Saudi-Arabiens. Wenn der langjährige Partner Katar plötzlich die Seiten wechselt, erzürnt das die saudische Herrscherfamilie.

  • Mitte Mai wurde über die staatliche Nachrichtenagentur Katars eine Meldung veröffentlicht, nach der Katars Emir den Iran als "islamische Macht" gelobt hat. 
  • Saudi-Arabien war direkt erbost – Katar behauptete umgehend, gehackt worden zu sein. Die Meldung sei frei erfunden. 
  • Das kann stimmen: Tatsächlich war die Homepage der Agentur eine Weile nicht erreichbar. Im britischen "Guardian" verfasste Katar offiziell eine Gegendarstellung. 

Über den Unterschied von Sunniten und Schiiten

Ursprünglich war die Spaltung nur politisch: Sunniten waren die Weggefährten des Propheten Muhammad, Schiiten waren die Anhänger seines Enkels Ali. Über die Frage, wer nach Muhammads Tod die muslimische Gemeinschaft anführen darf, entbrannte ein blutiger Krieg.

Heute sind Schiiten und Sunniten auch religiös gespalten: Beide Seiten sind Muslime, leben den Islam aber leicht unterschiedlich. Das sorgt für neue Spannungen – jede Seite behauptet, den einzig richtigen Islam zu leben.

Der Iran gilt als Schutzmacht der Schiiten, Saudi-Arabien beansprucht die Hoheit der Sunniten. Sie schüren Konflikte in Ländern, wo beide Konfessionen leben – zum Beispiel im Irak, in Syrien und im Jemen.

Was steckt wirklich, wirklich dahinter?

Es geht um die Vormachtstellung am Golf. Nicht allein, ob Saudi-Arabien oder Iran an Einfluss gewinnen – sondern darum, wie viel Einfluss das kleine Katar bekommt. 

Katar wird vom erst 37-jährigen Emir Tamim bin Hamad Al Thani geführt. Dieser will sein Land außenpolitisch voranbringen und von Saudi-Arabien abnabeln. Bislang mit Erfolg:

  • Katar hat unter anderem 2008 durch Vermittlungen einen Bürgerkrieg im Libanon verhindert.
  • 2011 unterstützte Katar im Arabischen Frühling Aufständische in mehreren arabischen Ländern.
  • Und überzeugte die internationale Gemeinschaft, militärisch gegen den libyschen Herrscher Muammar al-Gaddafi vorzugehen.
  • Dass die Fußball-WM 2022 nach Katar kommt, ist vor allem der Verdienst des Emirs.
  • Die Al Thanis haben zudem den einflussreichen TV-Sender "Al-Jazeera" gegründet – der immer wieder mit kritischen Berichten und Leaks über arabische Diktatoren auffällt.

Das alles zeigt: Katar durchrüttelt die Region. Traditionell gibt aber das reiche Saudi-Arabien die Haltung vor – und alle verbündeten islamischen Länder haben sich zu fügen.

Die Isolation Katars ist also vor allem eine Machtdemonstration von saudischer Seite.
Katars Hauptstadt Doha(Bild: Marc Röhlig)
Was bedeutet die Isolation Katars für die Weltwirtschaft?

Vor der Küste Katars liegt das größte Erdgasfeld der Welt, die USA fliegen ihre Angriffe im Nahen Osten vor allem von der katarischen Al-Udeid Air Base. Das Land hält 17 Prozent der Anteile am Volkswagen-Konzern und Mitglieder der Al Thanis halten acht Prozent an der Deutschen Bank (SPIEGEL ONLINE).

Kurzum: Der Westen ist mit Katar eng verknüpft und auf seine Stabilität angewiesen. Entsprechend stürzte erst mal die katarische Börse ein. 

Eine große Unruhe an den Märkten blieb jedoch aus – viele hoffen, dass sich der Konflikt entspannt (SPIEGEL ONLINE). Wenn die Krise Auswirkungen hat, dann eher langfristig – zum Beispiel im Handel, bei Flugverbindungen und bei der Entwicklung des Ölpreises.

Und für die anstehende Fußball-WM?

Das lässt sich schwer sagen – es sind noch fünf Jahre bis zum Turnier. Der deutsche DFB sagt, notfalls müsse man die WM boykottieren, der internationale Fußballverband Fifa hält aber weiterhin an Katar fest ("Die Welt"). 

Kann der Konflikt noch gefährlicher werden?

Auch das lässt sich schwer sagen. 

  • Einerseits: Die Spannungen zwischen Iran und Saudi-Arabien nehmen immer weiter zu. Katar könnte zum Spielball der beiden Länder werden – aus der diplomatischen Krise könnte der nächste Stellvertreterkrieg in der Region werden. Schon jetzt unterstützen Saudi-Arabien und Iran mal direkt, mal indirekt die Kriege im Jemen, im Irak und in Syrien.
  • Andererseits: So eine ähnliche Krise gab es in den vergangenen Jahren schon einmal, mit ähnlichem Vorwurf wie jetzt. Damals bezogen sich die Auseinandersetzung nur auf Ägypten und Katar. Saudi-Arabien vermittelte schließlich – vor allem, um beide Länder gegen den Iran zu einen (Mada Masr).
Ob sich die Lage entspannt, könnte vor allem an den USA hängen. US-Präsident Trump hatte kürzlich Saudi-Arabien besucht – und sich an die Seite der Saudis gestellt. Gemeinsam brachten sich beide Länder gegen den Iran in Stellung.

Auch jetzt folgt Trump der saudischen Lesart:

Warum seine Haltung gefährlich ist, erklären wir hier:


Gerechtigkeit

Wie Kinder von Assad inszeniert werden
Jüngstes Beispiel: Der Junge aus Aleppo

Das Bild ging um die Welt: Ein kleiner Junge aus Aleppo sitzt mit leerem Blick in einem Rettungswagen. Staub bedeckt seinen Körper, Blut klebt in seinem Gesicht. Er hat gerade einen Luftangriff überlebt.

Auf dem Foto ist Omran Daqneesh zu sehen. Vergangenen August wurde es auf Twitter und Facebook von Menschen aus aller Welt geteilt. Jeder wollte Anteil am Schicksal der Kinder in Syrien nehmen, der traurige Junge wurde zum Symbolbild für einen schrecklichen Krieg (bento). 

Jetzt gibt es neue Bilder von Omran, die ihn gesund und fröhlich zeigen. Assad-Anhänger verbreiten sie im Netz.