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Mein Herz bebt.

Das sagt Laura Sans, 19, und faltet die Hände wie zum Gebet. Mit Sergi Romero, 24, ist sie an den Triumphbogen in Barcelona gekommen, um einen historischen Moment mitzuerleben. Geht es nach den beiden Katalanen wird Carles Puigdemont wenige Meter entfernt die Unabhängigkeit der Region von Spanien ausrufen.

(Bild: Steffen Lüdke)

Um die Schultern tragen Laura und Sergi die Estelada, die inoffizielle Flagge der katalanischen Separatisten. Stundenlang schon stehen die beiden vor der Großleinwand in der Hitze, dann spricht Puigdemont die entscheidenden Worte:

Ich nehme den Auftrag an, dass Katalonien sich in einen unabhängigen Staat in Form einer Republik verwandelt.
Carles Puigdemont

Sergi und Laura schreien auf, Jubel bricht aus den Unabhängigkeitsbefürwortern heraus.

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Doch dann spricht Puigdemont weiter:

Die Regierung und ich schlagen vor, dass das Parlament die Konsequenzen dieser Unabhängigkeitserklärung aussetzt, um in den kommenden Wochen einen Dialog aufzunehmen.
Carles Puigdemont

Plötzlich herrscht Stille unter dem Triumphbogen. Laura zieht die Augenbrauen hoch, Sergi schlägt die Hände vor sein Gesicht. Entsetzen.

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So wie Sergi Romero und Laura Sans geht es am Dienstagabend vielen Separatisten in Katalonien. Mit zwei Sätzen hat es Puigdemont geschafft, gleichzeitig die Unabhängigkeit zu erklären - und doch wieder nicht.

Wie der katalanische Präsident gezielt Verwirrung stiftet

Den Auftrag anzunehmen, Katalonien in einen eigenständigen Staat zu verwandeln, ist keine klare Formulierung. Um die Verwirrung perfekt zu machen, verschickte die katalanische Regierung mehr als eine Stunde nach Puigdemonts Rede noch eine Presseerklärung, in der sie verkündete, nicht die "Konsequenzen der Unabhängigkeitserklärung", sondern die Unabhängigkeitserklärung an sich aussetzen zu wollen.

Anschließend unterzeichnete Puigdemont gemeinsam mit Parlamentariern aus seiner regierenden Koalition nach dem Ende der offiziellen Parlamentssitzung ein Dokument: Die Unabhängigkeitserklärung, die nun erst mal nicht in Kraft treten wird. Darin heißt es unter anderem: "Wir gründen die katalanische Republik als unabhängigen und souveränen Staat." Die Erklärung hat wohl nur symbolischen Wert, weil das Parlament nicht über sie abgestimmt hat (hier kannst du die Erklärung im Original nachlesen).

Warum Puigdemonts Rede so wirr sein musste

Die Unklarheit ist Absicht, sie ist Puigdemonts Versuch, sich aus der Sackgasse zu befreien, in die er sich selbst manövriert hat.

Die spanische Zentralregierung in Madrid hatte nach dem Referendum am 1. Oktober offen gedroht, die Autonomie Kataloniens aufzuheben und Puigdemont ins Gefängnis zu werfen. Zudem hatten im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Rede viele Unternehmen ihren Sitz in andere Regionen Spaniens verlegt. Selbst in Puigdemonts eigenen Partei PDeCat rumorte es daraufhin. Eine offizielle, deutliche Erklärung der Unabhängigkeit hätte fatale wirtschaftliche Folgen gehabt - und kam deswegen nicht in Frage.

Warum die eigenen Koalitionspartner auch nicht glücklich sind

Gleichzeitig ist Puigdemont abhängig von der linksradikalen Partei CUP, die für ihn im Parlament Mehrheitsbeschaffer spielt. Ihr und den vielen Unabhängigkeitsbefürwortern auf den Straßen musste er ebenfalls etwas bieten - sonst wäre seine Regierung am Ende gewesen. Gelungen ist ihm das nur in Teilen. Die CUP zeigte sich enttäuscht, sie wollte die sofortige Unabhängigkeit. Ihre Jugendorganisation sprach am Dienstagabend sogar von einem "inakzeptablen Verrat" des Präsidenten.

Wie die spanische Regierung reagiert

Die spanische Regierung weiß offensichtlich noch nicht, wie sie auf Puigdemonts Rede reagieren soll. Ein Sprecher interpretierte Puigdemonts Worte als "implizite Unabhängigkeitserklärung", die unzulässig sei. Der spanische Justizminister sprach hingegen von einer "Nicht-Erklärung der Unabhängigkeit". Die stellvertretende Ministerpräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría nannte die Erklärung "inakzeptabel", Puigdemont habe Katalonien "in die größtmögliche Ungewissheit gestürzt".

Wie die konservative Regierungspartei reagieren wird, wird wohl erst am Mittwochnachmittag klar sein. Dann tritt der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy vor das Parlament. Davor trifft er sich zunächst mit seinem Kabinett.

Wie Puigdemont Rajoy unter Druck setzt

Puigdemont hat Rajoy mit seiner Rede geschickt den Ball zugespielt, indem er auf dramatische Weise erneut zum Dialog aufgerufen hat. Es ist die bewährte Strategie der katalanischen Separatisten. Ihr Narrativ: Wir zivilisierten, friedlichen Demokraten werden von den Spaniern unterdrückt. "Wir sind keine Verbrecher, wir sind keine Putschisten", sagte Puigdemont in seiner Rede. 

Diesen Eindruck hat er am Dienstagabend tatsächlich geflissentlich vermieden - und Rajoy eine Falle gestellt. Der könnte Katalonien schon bald unter Zwangsverwaltung stellen, das erlaubt ihm die spanische Verfassung, wenn eine Region so offen rebelliert wie Katalonien.

Die Sozialisten haben bereits angekündigt, ihn in seiner Reaktion unterstützen zu wollen, wie sie auch ausfallen möge. Die liberalen Ciudadanos fordern schon lange die Aufhebung der Autonomie Kataloniens. Trotzdem kann Rajoy den Entzug der Autonomie nicht so einfach rechtfertigen, schließlich hat Puigdemont die Unabhängigkeit ja nicht vollzogen. Das ist nur der nächste Zug im Schachspiel, das nach dem Willen der Separatisten irgendwann zur Unabhängigkeit Kataloniens führen soll.

(Bild: Steffen Lüdke)

Laura Sans und Sergi Romero haben für dieses Taktieren zwar Verständnis. "Ich bin trotzdem enttäuscht", sagt Sergi und guckt mit leerem Blick in Richtung Leinwand. Statt in einem kollektiven Freudentaumel endete der Abend für überzeugte Befürworter der Unabhängigkeit mit einer Enttäuschung.

(Bild: Steffen Lüdke)

Schon wenige Minuten nach dem Ende der Rede Puigdemonts beginnt sich der Platz vor dem Triumphbogen in Barcelona zu leeren.

Für den Rest Spaniens ist Puigdemonts Einlenken jedoch eine gute Nachricht. Die Hoffnung auf eine Verhandlungslösung lebt.


Gerechtigkeit

Katalanischer Regierungschef lenkt ein: Unabhängigkeit ausgesetzt

Der katalanische Präsident Carles Puigdemont hat nach dem umstrittenen Referendum auf die sofortige Ausrufung eines katalanischen Staates verzichtet. Puigdemont sprach am Dienstagabend im Regionalparlament in Barcelona. 

Er nehme den Auftrag an, Katalonien zu einem unabhängigen Staat in Form einer Republik zu machen, sagte Puigdemont. Die Unabhängigkeit will er jedoch aussetzen, um zunächst mit der spanischen Regierung zu verhandeln.