"Für mich ist der Sozialismus wichtiger als die Unabhängigkeit”
Was ist passiert?

Damit hatte kaum noch jemand gerechnet: Am Wochenende haben sich in Katalonien radikal-linke Antikapitalisten und ein Parteibündnis aus Wirtschaftsliberalen und Linksrepublikanern doch noch auf einen gemeinsamen Präsidenten geeinigt. Carles Puigdemont ist Nationalist und hat nur ein Ziel: Er will Katalonien von Spanien abspalten. Innerhalb von 18 Monaten soll die spanische Region ein unabhängiger Staat werden. Die Ernennung Puigdemonts zeigt: Das Streben nach Unabhängigkeit überwindet in Katalonien derzeit alle ideologischen Gräben.

Warum wurde monatelang kein neuer Präsident gewählt?

Schon am 27. September hatten die Katalanen ein neues Parlament gewählt. Vom damaligen Regionalpräsidenten Artur Mas war die Wahl zuvor zu einer Abstimmung über die Unabhängigkeit erklärt worden. Zwar gewann er die Wahl, zu einer absoluten Mehrheit reichte es für sein Bündnis “Junts pel Sí” (Gemeinsam fürs Ja) aber nicht.

Als möglicher Koalitionspartner kam nur die antikapitalistische Candidatura de Unidad Popular (CUP) infrage. Sie tritt als einzige weitere Partei ebenfalls für eine Abspaltung ein – lehnt aber den konservativen Artur Mas als Präsidenten ab.

Mas hielt lange an seinen Ambitionen fest – bis er am vergangenen Samstag nachgab und seine Kandidatur Carles Puigdemont überließ, dem Bürgermeister von Girona. Er ist in der gleichen Partei wie Mas, genießt aber die Unterstützung der linksradikalen CUP. Ohne die Einigung in letzter Minute hätte es keine neue Regierung und damit Neuwahlen gegeben – mit unklarem Ausgang.

Wie geht es jetzt weiter?

In Katalonien steht damit die Koalition der Separatisten. Ihr größtes Problem: Die Abspaltung einer spanischen Region und auch Abstimmungen darüber sind nach der spanischen Verfassung illegal. Konflikte mit der spanischen Zentralregierung sind deshalb wohl nur eine Frage der Zeit. Auch die katalanische Gesellschaft ist tief gespalten:

Was sagen junge Katalanen zur möglichen Abspaltung von Spanien?
(Bild: Steffen Daniel Meyer)
Clara Mas, 19, studiert Gesundheits- und Krankenpflege. Sie hält die Entscheidung für richtig:
Die Zentralregierung stiehlt uns viel Geld.

“Ich habe für Junts pel Sí gestimmt und finde, wir sollten weiter Richtung Unabhängigkeit gehen. Viele Studien zeigen, dass Katalonien besser dran ist, wenn es sich abspaltet. Die Zentralregierung stiehlt uns viel Geld und will daran nichts ändern. Wenn wir es mit der Unabhängigkeit ernst meinen, wird sie aber auf uns hören und ihre Politik überdenken müssen. Allerdings habe ich auch Zweifel: Die Familie meiner Mutter lebt außerhalb Katalonien, und ich frage mich: Wird das ein Problem sein, wenn wir ein eigener Staat sind?”

(Bild: Steffen Daniel Meyer)
Bei Mario Villarreal, 19, Student der Internationalen Beziehungen, überwiegen die Zweifel:
Ich glaube, wir müssen zuerst die Wirtschaftskrise überwinden und dann wird alles besser.

“Mein Vater arbeitet für die spanische Regierung hier in Barcelona. Wird er seinen Job behalten, wenn Katalonien unabhägig wird? Auch sonst habe ich Angst vor dem Unbekannten: Wir wissen nicht, ob es besser oder schlechter für die Region ist, und wir wissen auch nicht, ob die EU uns aufnehmen wird. Die spanische Regierung muss da ja zustimmen, und die sagt Nein. Ich glaube, wir müssen zuerst die Wirtschaftskrise überwinden und dann wird alles besser. Deswegen habe ich Ciudadanos gewählt, eine neu gegründete wirtschaftsliberale Mitte-Rechts-Partei. Viele Katalanen denken, mit der Unabhängigkeit könnten wir die Krise überwinden. Aber das ist nicht die Lösung.”

Josep Moreno, 23, Ökonomie- und Recht-Student, sieht das anders:
Ich möchte, dass Katalonien sich von Spanien abspaltet, aber in der Europäischen Union bleibt.

Die Unabhängigkeit ist die letzte und schlechteste Lösung – doch sie ist unsere einzige. Wir treiben Innovationen voran und generieren Wohlstand, doch die Regierung in Madrid presst uns immer mehr aus. Und wir sind nicht so reich, wie viele Leute in Spanien denken. Ich möchte, dass Katalonien sich von Spanien abspaltet, aber in der Europäischen Union bleibt. Wir sollten weiter Teil eines liberalen, marktwirtschaftlichen Systems sein, deswegen habe ich Junts pel Sí gewählt. Die Zusammenarbeit mit den Sozialisten war notwendig, doch die Verhandlungen haben zu lange gedauert. Das hat Unsicherheit geschürt, was nicht gut für die Märkte war.”

(Bild: Steffen Daniel Meyer)

Maria Masalles Sabaté (links), 21, und Anna Prats Marín, 20, sind beide Journalistik-Studentinnen, sie haben die linksradikale CUP gewählt, vertreten jedoch verschiedene Ansichten.

Maria etwa spricht sich für die neue Koalition aus:
Artur Mas steht für Sparen und Korruption.

Ich bin für Feminismus, Sozialismus und die Unabhängigkeit und unterstütze CUP deswegen auch im Studierendenparlament. Mit der Ideologie von Junts pel Sí stimme ich zwar überhaupt nicht überein, aber die Abspaltung von Katalonien ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Mir war es allerdings wichtig, dass Artur Mas nicht noch einmal Präsident wird. Er steht für Sparen und Korruption.”

Anna ist gegen die Übereinkunft von CUP und Junts pel Sí:
Für mich ist der Sozialismus wichtiger als die Unabhängigkeit.

“Was bringt es, einen neuen Staat zu gründen, der von einer Partei angeführt wird, die eine Geschichte voller Korruption aufweist? Außerdem verfolgt auch der neue Präsident Carles Puigdemont wie Mas eine neoliberale Ideologie. Für mich ist der Sozialismus wichtiger als die Unabhängigkeit.”

(Bild: Steffen Daniel Meyer)
Jorge Correa, 28, Rezeptionist in einem Hostel in Barcelona, befürwortet einen dritten Weg:
Ich denke nicht, dass ein eigener Nationalstaat die richtige Lösung ist.

“Ich habe ‘Catalunya Si Que Es Pot’ (Katalonien Ja Wir Können) gewählt, gewissermaßen der Ableger von Podemos in der Region. Ich denke, die Katalanen sollten in einem Referendum darüber abstimmen können, ob sie bleiben oder gehen wollen. Es ist ihr Recht. Ich persönlich würde jedoch mit Nein stimmen. Viele Katalanen denken, dass alle Spanier gegen sie sind und sie zwingen wollen, Castellano zu sprechen, die Hauptverkehrssprache in Spanien. Aber das stimmt einfach nicht. Ich lebe erst seit sieben Jahren in Barcelona, ursprünglich komme ich aus Südspanien: Niemand kümmert sich dort darum, ob die Katalonen jetzt katalanisch oder kastilisch sprechen. Es stimmt allerdings, dass Katalonien viel Geld an die Zentralregierung zahlen muss, vielleicht kann man das ändern. Aber ich denke nicht, dass ein eigener Nationalstaat die richtige Lösung ist.

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