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Ein irrer Tag in Barcelona und seine Folgen.

Plötzlich ist alles ganz still. Hunderte Studenten und Auszubildende stehen auf dem Plaça Sant Jaume vor dem katalanischen Regierungssitz in Barcelona. Unter ihnen Gemma Vior, 24, und Christian Bonilla, 19. Bis eben haben die Unabhängigkeitsbefürworter noch geschrien, immer wieder die "Independencia" gefordert, gehofft, dass der katalanische Präsident Carles Puigdemont sie hinter den Mauern des mittelalterlichen Gebäudes hören kann. Jetzt hängen alle über ihren Handys, per Radio hören sie ihrem Präsidenten zu. Wer spricht, wird ermahnt. "Pssst", zischt Gemma Vior.

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Ich war bereit, Wahlen anzusetzen, wenn Garantien gegeben worden wären.
Carles Puigdemont in seiner Rede

Aber diese Garantien habe es nicht gegeben. Die spanische Regierung habe nicht versichert, dass die Katalanen ihre Selbstregierungsrechte behalten dürften. Jetzt solle das Parlament über die nächsten Schritte entscheiden.

Vior und Bonilla schreien auf – vor Glück. Keine Neuwahlen. Das Parlament kann über die Unabhängigkeit Kataloniens abstimmen. Bis vor wenigen Minuten haben die beiden Azubis noch geglaubt, dass es erst mal vorbei sei mit der katalanischen Unabhängigkeit. Jetzt die Wende.

Die Sätze Puigdemonts sind der Höhepunkt eines irren Tages in Barcelona:

Von Minute zu Minute ändert sich an diesem Donnerstag die Nachrichtenlage, stundenlang weiß niemand, was los ist. Neuwahlen? Sofortige Unabhängigkeitserklärung? Ein Rücktritt Puigdemonts? Alles möglich. Für jede Möglichkeit findet sich eine anonyme Quelle, die den spanischen Medien versichert, dass es genau so kommen wird.

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Begonnen hat das Verwirrspsiel bereits am Vormittag.

Überraschend kündigt Puigdemont eine Rede um 13.30 Uhr an. Fast alle spanischen Medien melden, dass Puigdemont Neuwahlen für den 20. Dezember ansetzen will. In einer langen Sitzung mit seinen Vertrauten habe er sich davon überzeugen lassen, im Streit mit der spanischen Regierung einzulenken. Er wolle nicht wie bis Mittwochabend noch vorgesehen, die Unabhängigkeit Kataloniens erklären.

Zur gleichen Zeit wird im spanischen Senat über die Anwendung des Artikels 155 der spanischen Verfassung debattiert. Die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy würde damit die Kontrolle über die katalanische Region übernehmen: Er könnte Puigdemont und seine Minister absetzen, zentrale Schaltstellen in der Verwaltung übernehmen, auch die katalanische Polizei kontrollieren.

In letzter Minute verschiebt Puigdemont schließlich seine Rede. Dann noch einmal.

Was sich in diesen Stunden zwischen Madrid und Barcelona abspielt, böte wohl Stoff für eine ganze Staffel House of Cards.

Noch ist nicht alles bekannt, einige Details sind aber durchgesickert: Offenbar hat in den vergangenen Stunden der Präsident des Baskenlandes, Iñigo Urkullu, zwischen Rajoy und Puigdemont vermittelt. So berichten es spanische Medien übereinstimmend. Das Ziel: Puigdemont könnte Neuwahlen ausrufen, Rajoy Artikel 155 der Verfassung nicht anwenden, der Konflikt wäre erst mal gelöst.

Zunächst läuft alles nach Plan.

Dann aber bekommt Puigdemont plötzlich Druck aus den eigenen Reihen.

Mehrere Abgeordnete seiner Partei treten aus Protest gegen Puigdemonts Entscheidung zurück. Sie halten nichts von Neuwahlen. Puigdemonts Partner, die linksrepublikanische ERC und die linksradikale CUP, drohen offen damit, die Koalition platzen zu lassen. Auch Gemma Vior und Christian Bonilla sind wütend. Gemeinsam mit Hunderten anderen Studenten ziehen sie vor den Regierungssitz, beschimpfen Puigdemont als "Verräter".

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Auch in Madrid ist längst nicht alles geklärt. Die Sozialisten machen Druck, dass Rajoy den Artikel 155 nicht anwendet, nicht die Kontrolle in Katalonien übernimmt. Doch die Verhandlungen scheitern, vorerst.

Puigdemont macht einen Rückzieher vom Rückzieher.

Warum genau die Verhandlungen gescheitert sind, ist unklar. Puigdemont gibt Rajoy die Schuld, er habe keine Garantien ausgesprochen. Spanische Medien wiederum berichten, dass Puigdemont auch die Freilassung der beiden festgenommenen Unabhängigkeitsführer und den Abzug der Polizeikräfte gefordert haben soll.

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Und nun?

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Konflikt nun endgültig eskaliert. Am Freitag wird die konservative spanische Regierung wohl die Maßnahmen nach Artikel 155 beschließen. Die notwendige Mehrheit im Senat hat sie.

Anschließend könnte das katalanische Parlament reagieren – und sogar die Unabhängigkeit ausrufen, die Puigdemont nun schon zum zweiten Mal aufgeschoben hat. Ob es dafür überhaupt noch eine Mehrheit gibt, ist unklar. Selbst Puigdemonts Partei PDeCat scheint gespalten.

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Der katalanische Präsident selbst ist geschwächt, er hat die Entscheidung dem Parlament überlassen.

"Besser so", meint Gemma Vior, nachdem sie Puigdemonts Rede gehört hat.

Sie hofft auf eine Unabhängigkeitserklärung am Freitag.

Ihm fehlt der Mut.
Gemma Vior über den katalanischen Präsidenten
Noch aber bleibt Zeit.

Puigdemont und Rajoy haben sich am Donnerstag angenähert. Viel fehlt für eine Einigung nicht mehr. Es ist durchaus denkbar, dass sich spanische und katalanische Regierung am Freitagmorgen auf Neuwahlen verständigen und Madrid den Artikel 155 nicht anwendet. Dazu müsste Carles Puigdemont abermals seine Haltung ändern, es wäre ja aber nicht das erste Mal.


Fühlen

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