Bild: AP/dpa/Santi Palacios
Ein Video, Millionen Views, viele Unwahrheiten

Mit feuchten Augen steht die junge Frau vor der Kamera, ganz nah geht sie an die Linse, der Hintergrund ist unscharf. "This is Barcelona. Catalonia. Europe", sagt sie auf Englisch. "Help Catalonia" fleht sie schließlich. 

Sie lebe in einer solidarischen, demokratischen und offenen Gesellschaft, erklärt die Frau dem Zuschauer weiter. Das alles stehe nun auf dem Spiel, denn der spanische Staat habe die Polizei geschickt. 

Dramatische Musik setzt ein. Plötzlich ändert sich auch die Bildsprache des Videos: Der Zuschauer sieht prügelnde Polizisten, blutende Menschen im Rentenalter, eine Frau bringt ein Kind in Sicherheit. Zwischendurch werden immer wieder friedlich demonstrierende Katalanen gezeigt. "Wir brauchen Deine Hilfe, um Frieden und Demokratie zu verteidigen", sagt die Frau. "Jetzt, bevor es zu spät ist: Help Catalonia. Save Europe."

Es ist schwer, sich der Macht dieser Bilder zu entziehen. 

Wer sich nur dieses eine Video anschaut, könnte meinen, dass in Spanien ein verbrecherisches Regime ein friedliebendes Volk unterdrückt. 

(Bild: dpa/Francisco Seco)

Das ist falsch, aber genau so hat es "Omnium Cultural" geplant. Die Organisation ist eine der zwei goßen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die die katalanische Unabhängigkeitsbewegung organisieren. Sie hat das Video auf YouTube hochgeladen, Millionen Menschen haben es inzwischen gesehen, ganz Spanien spricht darüber. 

Es ist die zentrale Botschaft der Unabhängigkeitsbefürworter: Spanien sei keine richtige Demokratie – und unterdrücke die Katalanen. 

Ein richtiges Bild vom Konflikt zwischen spanischer und der katalanischen Regionalregierung vermittelt das einseitige Video nicht. Aber es zeigt, wie sehr die katalanische Unabhängigkeitsbewegung auf eine clevere PR-Strategie setzt – und wie die Kampagne es schafft, die katalanische Bevölkerung zu spalten und zumindest bei einem Teil der Gesellschaft das Bild der unterdrückten Katalanen zu verfestigen. 

Das Video hat vor allem ein Ziel: Es soll emotionalisieren. 

Vielleicht auch deshalb ähnelt es dem weit verbreiteten Video "I am a Ukranian", in dem eine junge Frau 2014 auf dem Maidan um Hilfe für das ukrainische Volk bat. Zum Vergleich:

Damit die Emotionen bestmöglich rüberkommen, haben die Macher offenbar eine Schauspielerin engagiert. Die Frau im Video ist nach übereinstimmenden Medienberichten Anna Maruny, 26, aus Barcelona. Im katalanischen Fernsehen parodierte sie ihr Video einen Tag später sogar. Seitdem hat sie ihre Social-Media-Profile gelöscht.

Und die Fakten? Das Video steckt voller Halbwahrheiten und auch falschen Tatsachen, so wird die Lage dramatisiert. 

Knapp an der Wahrheit vorbei – hier sind vier Beispiele, wie das Video manipuliert:
  • Menschenrechte, Frieden, gar die Demokratie an sich sei in Gefahr, wird im Video behauptet. Naja. Spanien ist eine liberale Demokratie. Die Regierung setzt die Verfassung durch, der auch eine Mehrheit der Katalanen einst zugestimmt hat. Nur wenige Regionen in Europa haben so viel Rechte und Autonomie wie die Katalanen. Es gibt ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung, in katalanischen Schulen wird auf Katalanisch unterrichtet. (El País)
  • Polizeigewalt: Ja, spanische Polizisten haben am 1. Oktober auf katalanische Wähler eingeknüppelt, das hat sogar Human Rights Watch kritisiert. Allerdings war die Abstimmung über die Abspaltung von Spanien verfassungswidrig und deshalb illegal. Die Polizei wollte vor allem die Wahlurnen sicherstellen, so hatte es die Justiz angeordnet. Der Einsatzgrund war rechtmäßig, die Gewalt unverhältnismäßig. Der Zusammenschnitt im Video suggeriert ein Ausmaß an Gewalt, das es nicht gab und eher an Szenen aus dem dystopischen "Tribute von Panem" erinnert. Eine Szene stammt von einer Demo in Galizien (La Voz de Galicia). Insgesamt begaben sich zwar Hunderte Menschen in Behandlung, aber nur zwei Menschen wurden schwer verletzt – und auch die sind inzwischen wieder zu Hause.
  • 90 Prozent der Katalanen hätten am 1. Oktober für die Unabhängigkeit gestimmt, wird behauptet. Das stimmt nur zum Teil. Tatsächlich sind die Wähler, die gegen eine Abspaltung von Spanien sind, einfach nicht zur Wahl gegangen. Insgesamt stimmten nur rund 42 Prozent der Wahlberechtigten ab. (El País)
  • Die spanische Regierung hat die Abstimmung für illegal erklärt, wird im Video behauptet, das ist nicht ganz richtig. Es war nicht in erster Linie die Regierung sondern vor allem das Verfassungsgericht. (El País)
Wie sind solche Videos zu bewerten?

Das Video ist ein extremer Erfolg für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung, aber kein Einzelfall. Als die spanische Polizei vor wenigen Tagen zwei Führer der Unabhängigkeitsbewegung festnahm, posteten Helfer innerhalb von Minuten vorbereitete Videos der beiden. "Wenn ihr dieses Video seht, hat der spanische Staat entschieden, meine Freiheit zu beschneiden", sagt einer der beiden Separatistenführer auf Katalanisch. Das Ziel: Die Festnahme sofort politisch nutzen, die Deutungshoheit behalten. (YouTube)

Argumente wie im Video "Help Catalonia. Save Europe." sind einer der Gründe, warum viele Menschen in Spanien derzeit kaum noch miteinander über den Konflikt reden können. Die Fronten sind längst verhärtet, sie verlaufen quer durch Familien und Freundeskreise.

Rechtlich haben die Independentistas wenig Handhabe gegen den spanischen Staat, der nun in Katalonien die Kontrolle übernehmen und Neuwahlen ausrufen wird. Also setzen sie voll auf ihre Marketingkampagne, auch Präsident Carles Puigdemont macht mit.

Wie Spanien nun die Kontrolle über Katalonien übernimmt

Die Regierung Spaniens hat am Samstag entschieden, Neuwahlen zum Regionalparlament von Katalonien abhalten zu lassen. Beim spanischen Senat beantragt Madrid außerdem die Absetzung des katalanischen Regierungschefs Carles Puigdemont und seines Vizes. Eine Neuwahl des katalanischen Parlaments soll binnen sechs Monaten stattfinden.

Immer wieder betont er, zum Dialog mit der spanischen Regierung bereit zu sein, präsentiert seine Region als Opfer von Unterdrückung und Willkür. Das große Ziel: Die Deutungshoheit gewinnen und eine Mehrheit der Katalanen von der Unabhängigkeit überzeugen. So soll so viel Druck aufgebaut werden, dass die EU den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy zu Verhandlungen über die Unabhängigkeit zwingt. Auch deshalb gibt der katalanische Präsident immer wieder großen internationalen Medien Interviews und twittert auf Englisch.

Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung hat diese populistische Kampagne seit sieben Jahren vorbereitet.

Das sagt Fernando Vallespín zu bento. Er ist Politik-Professor in Madrid. 

"Sie tut so, als sei es okay, das Gesetz zu brechen, wenn die Mehrheit der Menschen es so will." Die Kampagne lebe von epischen Bildern und der großen Geschichte einer unterdrückten Nation, sagt Vallespín.

(Bild: AP/dpa/Felipe Dana)

Tatsächlich sei die katalanische Gesellschaft gespalten. Die geeinte, katalanische Nation, von der auch das Video "Help Catalonia. Save Europe", fantasiert, gebe es nicht.

Diese repräsentative Umfrage aus dem Frühsommer zeigt die Einstellung der Katalanen, sie wurde von der katalanischen Regierung in Auftrag gegeben. Die Frage lautete: Was für eine Organisationsform sollte Katalonien haben?




In der Tat erinnert die Kampagne in einem Aspekt an die Monate vor der "Brexit"-Abstimmung in Großbritannien. Auch dort spielten die Fakten irgendwann keine Rolle mehr. Die Brexit-Befürworter kamen mit Lügen durch, die nun nach und nach auffliegen.

Und was macht die spanische Regierung?

Sie spielt den Separatisten in die Hände: Ministerpräsident Rajoy spricht immer nur vom Gesetz – und klingt dabei wie ein Bürokrat. Die Gegner der Unabhängigkeit betreiben keine so effektive Kampagne wie die katalanische Regierung.

Das Gerede vom Gesetz ist natürlich nicht sexy, es verfängt nicht.
Fernando Vallespín

Ein Ausweg könnte eine Verfassungsänderung sein. Mehr Autonomie für Katalonien, dafür bleibt die Region Teil Spaniens, ein Neuanfang, ein neuer Deal – das wäre eine Geschichte, mit der die Spaltung überwunden werden könnte. Die spanischen Sozialisten haben genau das bereits vorgeschlagen. Selbst Rajoy scheint nicht abgeneigt.

Nun muss die Geschichte nur noch jemand erzählen, am besten so geschickt wie die katalanischen Separatisten.


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Neue Staffel "The Walking Dead": Wie viel Rick Grimes steckt in dir?

Ohne Rick ist "The Walking Dead" für dich nicht vorstellbar. Seit er aus dem Koma erwachte und mit einer Welt voller Untoter konfrontiert wurde bangst, trauerst und freust du doch mit ihm. Du hast hautnah miterlebt, wie sich der ehemalige Polizist immer weiter verändert hat. Seine Familie und Freunde am Leben zu erhalten, hat ihn viel gekostet. 

Er hat Dinge und Sachen getan, die seine Transformation vom Gesetzeshüter zum knallharten Überlebenskämpfer prägten. Du hast bestimmt ebenfalls oft gegrübelt, was du in bestimmten Situationen gemacht hättest. 

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