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Die Verantwortung liegt mal wieder bei den Frauen.

Es gibt für Frauen viele Möglichkeiten, sich gegen Übergriffe und sexualisierte Gewalt von Männern zu wehren: Einen Drachen haben, eine Waffe haben, Kung Fu Meisterin sein, usw. usw., alles möglich, bloß hat man das Schwert dann leider doch immer im entscheidenden Moment nicht dabei, schade.

Das ist natürlich zynisch. Es ist ja klar, dass wir Frauen versuchen, uns zu wehren: Wir machen Selbstverteidigungskurse und kaufen Pfefferspray, klemmen Schlüssel auf dem Heimweg zwischen Finger und solidarisieren und in Clubs mit fremden Frauen, wenn die Männer zu aufdringlich werden, kurz, wir versuchen, uns nicht einschüchtern zu lassen in einer Gesellschaft, die uns immer noch ständig zu Opfern macht, die unsere Bedürfnisse nicht ernst nimmt und es nicht schafft, uns ausreichend zu schützen.  

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Aber spätestens wenn jemand auf die Idee kommt, einer Frau K.o. Tropfen ins Glas zu mischen, würden viele dieser Maßnahmen nicht greifen. 

Weil man ja leider ohnmächtig und kampfunfähig wird, bevor man dem Täter in die Eier treten kann. Auch schade. 

Wie viele Sexualdelikte mithilfe von GHB, GBL oder ähnlichen Substanzen (also K.o. Tropfen) begangen wurden, ist schwer zu recherchieren. Schon 2010 wurden die sogenannten "Date Rape Drugs" aber in einem Drogenbericht der Vereinten Nationen als größtes Problem in der Drogenszene bezeichnet - weil sie so leicht zu bekommen sind und so schwer nachzuweisen. (SPIEGEL ONLINE)

"K.o.-Tropfen"

Unter dem Begriff "K.o.-Tropfen" werden umgangssprachlich viele verschiedene Substanzen zusammengefasst. Darunter zählen GHB und GBL (auch bekannt als "Liquid Ecstasy"), Benzodiazepine oder Ketamin. Insgesamt sind weit über 100 Stoffe bekannt, die eingesetzt werden könnten. Das Armband testet das Getränk laut Webseite auf GHB, andere Substanzen werden nicht erwähnt.

Der wirksamste Schutz besteht also nach wie vor darin, keine der Substanzen aufzunehmen. Was schwierig ist, denn viele  sind geschmack- und geruchlos und in Sekunden im Getränk gelandet. Wie sehr man genau darauf aufpasst, ändert sich, wie wir wissen, ja auch von Bier Nr. 1 bis zu Schnaps Nr. 4 rasant.

Und wieder gibt es eine kluge Frau, die etwas erfunden hat, damit Frauen sich schützen können: Kim Eisenmann hat ein Armband entwickelt, das man über den Online-Shop bei DM beziehen kann. 

Auf dem Armband gibt es Testfelder, die sich blau färben sollen, wenn in dem Getränk K.o.-Tropfen sind. Eigentlich sollte es das Armband auch in den Clubs selbst geben – aber viele Clubbesitzer wollten das nicht. Sie sollen befürchtet haben, der Verkauf der Armbänder würde suggerieren, dass der Club ein Problem habe, erzählte Eisenmann. (tz

Aber zurück zum Armband: Eigentlich ist das natürlich genial. Und notwendig. Und eine elegante, schnelle Lösung für ein Problem, das viele Frauen verunsichert.   

Und gleichzeitig ist die Tatsache, dass es dieses Armband gibt, für mich ein Symptom unserer Zeit. Denn die Frage, die sich natürlich stellt, ist: Warum muss es dieses Armband überhaupt geben? Weil es Menschen, darunter wohl viele Männer, gibt, die K.o.-Tropfen in Getränke mischen. Und wieder einmal ist es Aufgabe der Frau, sich zu schützen. Wieder einmal wird die Verantwortung den zumeist weiblichen Betroffenen aufgedrückt. Wer ein Schwert hat, kann sich verteidigen. Wer keines hat, eben nicht. Problem gelöst. 

Dass Menschen nicht wie Häuser funktionieren, die man abschließen und überwachen kann, damit keiner einbricht, ist dabei vielen in Diskussionen nicht ganz klar. Noch weniger klar zu sein scheint, dass wir nicht die Frauen dafür verantwortlich machen dürfen, dass sie nicht vergewaltigt werden.

Sondern dass es Vergewaltigern schwer gemacht werden muss, eine Tat zu begehen. 

Das ist etwas, das sich nicht einfach mit langen Röcken, K.o.-Tropfen-Tests und Pfefferspray lösen lässt. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Hier geht es um Macht und Strukturen. Und nicht um die einzelne Vorsorge einer einzelnen Frau. Und es sollte genau jene auch nie sein.

Das heißt natürlich nicht, dass Frauen aufhören sollten, Armbänder zu benutzen, Selbstverteidigungskurse zu besuchen und sich zu solidarisieren. 

Wir dürfen nur nicht darauf hereinfallen, dass Armbänder oder Schwerter oder Kung Fu das Problem lösen. Sie sind nur eine Übergangslösung, ein Provisorium. Aber wenn wir uns zu sehr mit ihnen trösten, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nur auf sie lenken, vergessen wir, nach den Verantwortlichen zu suchen – und sie zur Verantwortung zu ziehen. 

Denn es gäbe durchaus andere Vorschläge, zum Beispiel wurde diskutiert, dem GBL Bitterstoffe hinzuzufügen, so dass es nicht mehr unbemerkt in den Drink geschüttet werden kann. (ntv) Allein: Der Begriff K.o.-Tropfen beinhaltet eine Vielzahl von Substanzen, schmeckt eine bitterer, wird etwas anderes beliebter. 

Die Frage, die bleibt, ist wohl: Warum können Täter überhaupt unbemerkt solche Flüssigkeiten mit in einen Club schmuggeln? Was für ein Frauenbild müssen sie haben, um Übergriffe vor sich zu rechtfertigen, ganz egal, mit welchen Mitteln sie sie begehen?  Wieso müssen Frauen überhaupt ständig auf der Hut sein? Und wieso ist es am Ende immer noch ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie nicht vergewaltigt werden? 

Das Armband ist für mich ein Symbol, es zeigt, in welcher Welt wir leben. In einer, die für Frauen noch immer gefährlich ist. In einer, in der es noch immer an uns liegt, uns zu schützen. In der Strukturen dafür sorgen, dass bestimmte Männer finden, dass Frauen und ihr Körper ihnen gehört. Und für eine Gesellschaft, die es ihnen einfach macht, indem sie Opfer immer wieder in die Verantwortung nimmt für die Taten, die sie nicht verhindert haben, weil sie es nicht konnten.


Future

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Elyaz, 29, aus Hannover arbeitet nebenberuflich als Callboy.