Wir haben zwei Experten zum "Westerwaldmarsch" befragt.

Mitglieder der Jungen Union Hessen haben am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in einer Berliner Kneipe ein altes Heimatlied gegrölt. Ein Video der Aktion landete im Netz, der "Tagesspiegel" berichtete darüber. 

Im Video ist zu sehen, wie die Jungpolitiker lautstark das Soldatenlied singen. Nun steht die Junge Union, der Jugendverband der CDU, in der Kritik. (bento)

Das Lied – der "Westerwaldmarsch" – war im Zweiten Weltkrieg bei der Wehrmacht sehr beliebt. Die Bundeswehr warnte ihre Soldatinnen und Soldaten in einem Liederbuch davor, wann und in welchem Kontext es gesungen werden kann. 2017 wurde die Verbreitung des Liederbuchs gestoppt, der "Westerwaldmarsch" soll also de facto nicht mehr von Soldaten gesungen werden.

Nun hat sich die Junge Union erstmals in einer Stellungnahme geäußert. Auch ein hessischer CDU-Politiker mischt sich ein. Der Tenor: Alles halb so wild.

1 Was sagt die Junge Union?

Auf ihrer Homepage hat die Junge Union Limburg eine Stellungnahme veröffentlicht – und spielt den Gesang herunter. Demnach hätte die Reisegruppe erst die "Kulissen des politischen Geschehens" in Berlin erkundet und habe dann in einer Kneipe "ausgelassen und stimmungsvoll getagt". Das Motto "50% Politik, 50% Party" sei bereits seit Jahrzehnten bewährt. 

Den "Westerwaldmarsch" bezeichnet die JU als Volks- und Wanderlied "aus der Hessischen Heimat". Der Verband kann "keinerlei politische Aussage" erkennen und weißt Vorwürfe über mögliche politische Gesinnungen "in aller Deutlichkeit als Unwahrheiten zurück". Auf den Bezug zur Wehrmacht geht der Verband nicht ein. 

„"Wir bedauern, dass es nicht möglich ist, in einer Stadt, in der öffentliches Kiffen immer wieder toleriert wird, ein Deutsches Volks- und Wanderlied, mit dessen Text keinerlei politische Aussage einhergeht, zu singen."“
JU Limburg

Der JU-Landesverband Hessen gestand in einer zweiten, am Mittwochnachmittag veröffentlichten Stellungnahme zumindest, dass "Ort und Zeitpunkt des Anstimmens dieses Liedes unglücklich" gewählt worden sei.

2 Was sagt die CDU?

Der hessische Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch hat sich auf Facebook zum Vorfall geäußert – und nimmt seinen Jugendverband in Schutz: 

„"Es ist kein Wehrmachtslied, sondern eine Liebeserklärung an unsere Heimat."“
Klaus-Peter Willsch

Der Inhalt des Liedes sei "vollkommen unverdächtig" - halt nur eben zur Zeit des Nationalsozialismus entstanden. 

3 Ist das Lied so "unverdächtig"? Wir haben zwei Experten gefragt.

Michael Fischer ist geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Uni Freiburg. Er forscht zu alten Volksliedern – und wie sie im Nationalsozialismus missbraucht wurden. 

Für unverdächtig hält er das "Westerwaldlied" nicht. Für eindeutig rassistisch allerdings auch nicht:

„"Das Lied ist weder harmlos noch per se gefährlich. Problematisch ist, wie es rezipiert wird."“
Michael Fischer

Bei Liedern aus der NS-Zeit müsse man auf vier Dinge achten:

  1. Ist der Text problematisch?
  2. Oder ist es der Autor des Liedes?
  3. Ist die Intention des Textes problematisch – selbst wenn aus den Zeilen dies erst mal nicht erkennbar ist?
  4. Oder ist es die Rezeption, also die Verwendung und Aneignung des Liedes?

Laut Fischer ist der letzte Punkt beim "Westerwaldlied" problematisch. Gerade weil es von der Wehrmacht instrumentalisiert wurde, bleibe es kein harmloses Heimatlied. Durch die Geschichte würden die Lieder ihre Unschuld verlieren. 

Karin Stoverock vom Deutschen Musikinformationszentrum in Bonn sieht es ähnlich:

  • "Das 'Westerwaldlied' ist ursprünglich kein politisches Lied. Problematisch ist es aber durch seine Rezeptionsgeschichte. Das Lied wurde wie viele andere eigentlich harmlose Lieder auch während der Zeit des Nationalsozialismus rauf und runter gesungen – und dadurch in einen neuen Kontext gestellt und missbraucht."

Woher stammt der "Westerwaldmarsch"?

Das Lied soll um 1932 in einer Runde des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) entstanden sein. Der FAD hat nach dem Ersten Weltkrieg junge arbeitslose Männer beschäftigt. Nach der Machtergreifung behielten die Nazis den FAD bei und formten ihn Stück für Stück in einen Propagandaverein um.

Wenn im Lied von "marschieren" die Rede ist, ist das erst mal nicht militärisch gemeint, sondern kann sich allein aufs Wandern oder eben den Arbeitseinsatz der Männer beschränken. 

Wenn die Junge Union oder CDU-Politiker nun versuchen, den geschichtlichen Werdegang zu ignorieren, sei das falsch, sagt Historiker Fischer: "Man kann nicht einfach auf einen Nullpunkt zurückkehren." Der Verweis, es handele sich "nur" um ein traditionelles Volkslied, ändere nichts an seiner Geschichte. "Auch ein Volkslied kann rassistisch oder sexistisch sein. Und Tradition ist kein Wert an sich." 

Im Falle des "Westerwaldlieds" ist der bloße Text zwar unkritisch. Aber eben nicht der Kontext, in dem es gesungen wird. Oder wie es Fischer formuliert:

„"Es ist ein Unterschied, ob ein Kinderchor in Hessen das Lied singt – oder eben eine politische Jugendorganisation auf Bildungsreise."“
Michael Fischer




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