Fünf junge Stadtratsmitglieder erzählen:

Nach den miserablen Ergebnissen für CDU und SPD bei der Europawahl lautete eine Interpretation: Die großen Parteien haben die Jugend vernachlässigt. Sie haben den "Rezo-Effekt" verschlafen und die "Generation Greta" ignoriert (bento).

Neben dem Europaparlament wurden dabei in neun Bundesländern auch die Stadt- und Gemeinderäte neu gewählt.  Auch hier lautet die Diagnose: Politik wird ohne junge Menschen gemacht. Nur 11,4 Prozent der Ratsmitglieder sind unter 40. Das zeigt eine WDR-Recherche aus dem vergangenen Jahr.

Derzeit konstituieren sich die neuen Kommunalparlamente.

Wir haben fünf junge Ratsmitglieder aus fünf Parteien und fünf Städten gefragt: Was reizt dich an der Kommunalpolitik? Und warum sind junge Menschen in den Stadtparlamenten so unterrepräsentiert?

Lilli Fischer ist mit 19 Jahren für die CDU in den Erfurter Stadtrat eingezogen – und stellvertretende Vorsitzende ihrer Fraktion

"Ich glaube schon, dass unsere Fraktion den Schuss gehört hat und weiß, wie wichtig es ist, junge Leute ranzulassen. Sechs von zehn Amtsträgern sind unter 40 Jahren. Wir haben im Wahlkampf sehr stark wahrgenommen, dass die Leute junge Gesichter wollten. Die wählten uns, weil sie sagten: Die sind unverbraucht, denen will ich eine Chance geben.

Wenn man sich aber so jung in der Politik engagiert, dann muss man manchmal schon darum kämpfen, überhaupt ernst genommen zu werden. Das war vor der Wahl schwieriger als danach. Da sind viele Kandidaten, die jahrelange Erfahrung haben, die kennen das Geschäft.

Nach der Wahl kam ein CDU-Kollege zu mir, ein sehr sympathischer Mann, der den jungen Leuten vielleicht aber auch etwas kritischer gegenübersteht. Er sagte zu mir: 'Frau Fischer, ihnen hätte ich es ja nicht zugetraut – aber bravo!'

„Den Zweiflern habe ich es also gezeigt, aber jetzt muss ich auch beweisen, dass ich mein Mandat ausfüllen kann.“
Lilli

Marilena Geugjes ist 27 Jahre alt, sitzt für die Grünen im Gemeinderat in Heidelberg – ihre Partei wurde stärkste Kraft.

"Der Kommunalpolitik hängt vielleicht oft so ein Ruf an: Die beschäftigen sich nur mit Zebrastreifen. Das finde ich gar nicht und das will ich jungen Leuten auch klar machen. Städte werden immer wichtiger, immer mehr Menschen leben in der Stadt. Und das ist eine ganz konkrete Macht, die die Kommunen haben. Wir sehen gerade, dass sich Städte zusammenschließen, wenn es ihnen auf Bundesebene nicht schnell genug geht.

Gerade hat der Heidelberger Oberbürgermeister, neben Konstanz oder Erlangen, den Klimanotstand ausgerufen (bento). So entstehen Netzwerke von Städten, die zusammen vorangehen und Druck ausüben.

Die Idee hinter einem Gemeinderat ist doch, dass er eine Stadt repräsentiert. Heidelberg ist die jüngste Stadt Deutschlands – also ergibt es auch Sinn, dass sich das im Rat wiederfindet. Als Argument der Älteren höre ich dann oft: 'Wenn wir jetzt jemanden Junges auf dieses Amt setzen, dann ist er in einem Jahr sowieso wieder weg.' Und da ist ja auch was dran – ich hatte bei der letzten Kommunalwahl auch schon die Gelegenheit, für den Gemeinderat meiner Heimatstadt Weinheim zu kandidieren, aber ich lehnte wegen eines Auslandsaufenthalts ab.

„Aber meine Position ist mittlerweile: Ja und?“
Marilena

Dann muss man eben etwas an den Strukturen ändern und flexiblere Formate schaffen, um sich einzubringen. In der Politik sollte es nicht darum gehen, so lange wie möglich auf Posten zu sitzen."

Timo Neder, 28 Jahre alt, studiert in Greifswald. Dort ist er für Die Linke in die Bürgerschaft gewählt worden.

"Wir hatten gerade vor ein paar Tagen die erste Bürgerschaftssitzung in der neuen Legislatur: Greifswald hat dabei den Klimanotstand ausgerufen. Dazu gehören Forderungen wie die, den Strom komplett auf erneuerbare Energien umzustellen oder den Verkehr auf öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern. Das ist die Stärke von Kommunalpolitik: 

„Das man Entscheidungen trifft, die ganz unmittelbar sichtbar sind.“
Timo

In Estland, wo ich schon studiert habe, gibt es den kostenlosen ÖPNV in der Hauptstadt Tallinn schon seit Jahren. Dafür setzen wir uns in unserer Fraktion auch ein: Wir wollen den öffentlichen Nahverkehr schrittweise kostenlos machen, und zwar so, dass die Bürger nicht über Umwege doch dafür bezahlen müssen. Das ist ein echtes Zukunftsprojekt.

Wenn es nach den Wahlversprechen geht, gibt es in der Bürgerschaft sogar eine Mehrheit dafür. Jetzt ist die Frage, ob auch alle mitziehen."

Eric Spaniol, 21 Jahre alt, wohnt in Lebach im Saarland. Die FDP erreichte dort das landesweit beste Ergebnis.

"Ein großes Problem im Saarland ist der demografische Wandel. Viele jüngere Leute ziehen weg, wenn sie studieren. Ich habe mir für meine Arbeit im Stadtrat vorgenommen, diesen Menschen ein gutes Angebot zu machen: Dass sie zu uns kommen – und auch hier bleiben. Dazu gehört das Thema Generationen-Gerechtigkeit: Die Kommunen sind so stark verschuldet und das ist nicht fair gegenüber den kommenden Generationen, die auf den Schulden sitzen bleiben.

„Natürlich habe ich mich vor meiner Kandidatur gefragt, ob ich mir so ein Mandat zutraue.“
Eric

Aber ich denke, das ist genau der Punkt, an dem viele junge Menschen schon aussteigen. Sie fragen sich: Kann ich das überhaupt? Aber warum denn nicht – auch die anderen im Rat sind ganz normale Leute, die tagsüber arbeiten und sich abends ehrenamtlich engagieren.

Mich hat im Wahlkampf überrascht, wie viel Anerkennung mir entgegengebracht wurde. Sobald die Plakate aufgehängt waren, wurde ich oft angesprochen. Viele Jugendliche sagten mir, dass sie gut finden, dass ich mich einsetze. Ich glaube, dass die Leute im Kommunalen noch mehr Achtung haben, wenn sich jemand zur Wahl stellt – bei der letzten Bundestagswahl hatten wir beispielsweise ein großes Problem mit Vandalismus gegen unsere Wahlplakate, bei der Kommunalwahl gar nicht."

Jana Schneiß, 27, sitzt für die SPD im Mainzer Stadtrat – und ist  stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

"Dieses Vorurteil, die Jugend engagiere sich zu wenig, ist nicht mehr zu halten. 'Fridays for Future' hat das sichtbar gemacht, aber Jugendliche waren auch zuvor schon in Parteien engagiert.

„Aber sobald es darum geht, dass Ämter verteilt werden, werden manche Ältere hibbelig.“
Jana

Die denken dann: Ich bin doch jetzt zehn Jahre dabei, dann will ich auch mal ran.

Außerdem haben wir bei Kommunalwahlen auch ein Wahlsystem, das es noch begünstigt, dass die schon Bekannten noch weiter hoch gewählt werden. Das sind vielleicht Gründe, warum junge Menschen in den Stadträten nicht so gut vertreten sind. Wir haben als Jusos vor der Wahl klar gesagt: Wir wollen aus unseren Reihen eine Person auf so einen guten Listenplatz setzen, dass sie später auch klar in den Rat kommt. Das ist aber auch nicht in allen Städten passiert.

Trotzdem: Auch, wenn ich eine Frauenquote bei der Listenaufstellung wichtig finde, bin ich gegen eine Quote für junge Leute. Wenn wir zu viele Quoten anwenden, nehmen wir uns auch die Flexibilität, besonders gute Leute nach vorne zu bringen.


Trip

Quiz: Wie viele Tage Festival schaffst du?

Festivals dauern in der Regel zwei bis drei Tage. So zum Beispiel das Wireless Festival, das bald in Frankfurt am Main stattfindet: ein geiles Wochenende lang feiern, tanzen, jubeln – und wieder heim. Festivals, die eine ganze Woche dauern, sind schon eher was für Profis. Und dann gibt es so Veranstaltungen wie dieses eine Festival in Georgien, das einen ganzen Monat lang elektronische Musik in die Landschaft pumpt. Wer sich das antut, muss schon ziemlich krass drauf sein. 

Denn so ein Festival zehrt an den Kräften: weniger Schlaf, weniger Hygiene, viel Tanzen und Hüpfen – dafür muss man geschaffen sein. Mit unserem kleinen Quiz kannst du jetzt endlich deine Grenzen austesten. Damit du dich beim Feiern bloß nicht überforderst ;)