Zwölf junge Menschen wollen Europa verändern.

Jugendarbeitslosigkeit, Finanzkrise, rechtspopulistische Parteien: Europa hat einen schlechten Ruf.

Zwölf junge Menschen aus elf Ländern nervt die Untergangsstimmung. Sie haben sich auf Reisen kennen gelernt, miteinander gesprochen, das "Young European Collective" gegründet – und ein Manifest verfasst. "Wer, wenn nicht wir?", heißt es. Wir alle sind Europa und haben die Zukunft in der Hand, schreiben sie darin. Wir sollen uns nur vernetzen, dann könnten wir gemeinsam etwas bewegen und Europa nach unsere Vorstellungen gestalten.

Hier erklären sie, was sie damit meinen:

Wir werden Europa verändern!

Vincent-Immanuel Herr, 27, 
Deutschland: Auf Reisen in europäischen Ländern habe ich oft junge Leute mit wunderbaren Ideen, Vorstellungen und viel Energie kennengelernt.

Und dennoch fehlte ihnen meistens das Selbstvertrauen, um an ihre Stimmen und Ideen zu glauben. Für viele junge Menschen in Europa scheint es so, als wäre ihre Meinung unwichtig und als würden sie an maßgeblichen Veränderungen in der Gesellschaft nie teilhaben können. Aber das stimmt nicht!

Eine gerechte und sichere Zukunft für Europa können wir nämlich nur dann aufbauen, wenn wir uns auf das Potenzial und die Vorstellungskraft unserer Generation verlassen.


Feiern wir Europas Unterschiede!

Katharina Moser, 32, Österreich: Mit 18 habe ich in einer WG mit sieben Leuten aus sechs Ländern gelebt. Diese Zeit hat mir gezeigt, wie wertvoll Unterschiede sind. Sie hat mir gezeigt, wie wir durch unsere Unterschiedlichkeit voneinander lernen, uns austauschen und unsere Welt verstehen können.

Ich glaube wahrhaftig daran, dass es dort anfängt: auf der persönlichen Ebene. Nur, wenn wir uns vernetzen und Interesse aneinander schaffen, werden wir auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene zusammenarbeiten können.

Europa ist nichts Abstraktes, das nur Leute mit einem Abschluss in Politik etwas angeht. Es ist etwas, dass uns alle betrifft, jeden Einzelnen.

Denken wir über Landesgrenzen hinaus!

Antje, 28, Deutschland (lebt in England): Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir eine bessere Zukunft erreichen wollen.

Obwohl wir die gleichen Probleme haben, versucht jeder, sie für sich selbst zu lösen. Die Kriege auf der ganzen Welt, der Klimawandel und Migration können aber nicht auf individueller beziehungsweise einzelstaatlicher Basis angegangen werden.

Darum glaube ich daran, dass die Menschen in Europa sich zusammenfinden und die Probleme gemeinsam lösen können.

Setzen wir uns für Frieden ein!

Nini Tsiklauri, 23, Ungarn/Georgien (lebt in Österreich): Ich war 15, als ich 2008 den Kaukasuskrieg zwischen Russland und Georgien aus nächster Nähe erlebte.

Durch den Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland in Syrien wird etwas deutlich: Wir sehen uns einem neuen Kalten Krieg gegenüber, mit den USA und Europa auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Der europäische Geist ist so bedroht wie nie zuvor.

Ich glaube an die Kraft unserer Generation, die nie vergessen darf, wofür das Projekt Europa ursprünglich geschaffen wurde: um Frieden zu sichern.

Europa ist nicht nur für Europäer da!

Amy Baldauf, 25, USA (Halbfinnin, lebt in Deutschland): Europa bietet viele Chancen, man kann sich hier verwirklichen - und zwar nicht nur, wenn man Europäer ist.

Ich bin in den USA aufgewachsen, aber regelmäßig nach Mittel- und Nordeuropa gereist, da mein Vater Finne ist.

Schon von früh an habe ich Kulturen verglichen, gesellschaftliche Unterschiede erlebt und Stärken im Umgang mit anderen Kulturen entwickelt. Ich habe meine doppelte Staatsbürgerschaft immer ernstgenommen und bin mir bewusst, was es heißt, eine Weltbürgerin zu sein.

Mischen wir uns ein!

Martin Speer, 29, Deutschland: Europas Zukunft liegt in unseren Händen.

Wer beim Spiel um die Zukunft mitspielen will, muss sich einmischen. Dieses Engagement ist besonders heute nötig, einer Zeit, in der Europa vor großen Herausforderungen steht.

Ich beobachte, dass viele Menschen, aber auch Organisationen, ihr Potential nicht voll ausleben und dem Kontinent damit wertvolle Ideen verloren gehen. Ängste und verkrustete Strukturen hindern uns daran, ein aktiveres Leben zu führen.

Europa braucht keine Ausreden!

Zlatin, 28, Bulgarien: Wir alle müssen aufhören, zu nörgeln und uns Sorgen zu machen. Wir müssen anfangen, Entscheidungen zu treffen. Jeden Tag.

Je älter wir werden, desto besser werden wir darin, Ausreden zu suchen. Niedriges Gehalt? Der Chef ist schuld. Schlechte Lebensbedingungen? Die Regierung. Probleme beim Erwachsenwerden? Unsere Eltern haben uns nicht genug unterstützt. Nie sind wir schuld.

Natürlich beschweren wir uns in vielen Fällen zurecht über Dinge, aber das ändert nicht wirklich viel. Veränderungen treten dann ein, wenn wir Entscheidungen treffen, also müssen wir darin besser werden.

Denken wir nicht nur an uns selbst!

Krzysztof, 25, Polen (lebt in Deutschland): Wir sind alle "Politiker". Man kann sich nicht enthalten. Auch die Entscheidung, nichts zu tun, ist eine Handlung.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich jeder mit den Möglichkeiten, die sich uns heute in Europa bieten, als "Politiker" fühlen sollte. Damit meine ich, dass jeder jeden Tag etwas für das Allgemeinwohl tun sollte. Es muss nicht viel sein.


Ihr Manifest gibt es zunächst zur gedruckt. Die europäischen Kollektivisten wollen es in Europa verbreiten, etwa in Schulen, an Universitäten, über Jugendverbände und in Flüchtlingsunterkünften. Die Leser sollen sich vernetzen, indem sie ihre Kontaktdaten in das eigene Exemplar zu schreiben und es zum Beispiel an einem Bahnhof liegen lassen - in Zeiten von Facebook eine ungewöhnliche Idee.

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