Bild: Lionel Otaz

Vor zwei Tagen erschütterte eine Tragödie das gespaltene Großbritannien: Helen Joanne "Jo" Cox, Abgeordnete der Labour-Partei, wurde von einem Angreifer niedergeschossen und starb weniger später in einem Krankenhaus. Während des Angriffs auf die Politikerin habe Tommy M. "Britain first, keep Britain independent, Britain always comes first, this is for Britain" gesagt. Das geht aus der Anklageschrift hervor, die die Staatsanwaltschaft am Samstag dem Westminster Magistrates' Court in London vorlegte.

Die Kampagnen für und gegen den EU-Austritt setzten aus. Cox' Ehemann plädierte an die Öffentlichkeit, nun "gemeinsam gegen den Hass zu kämpfen", der die Politikerin getötet hat.

Was bedeutet der Mord an Jo Cox für junge Menschen in Großbritannien? Inwiefern bewegt die Tragödie sie?

Wir haben junge Menschen aus Großbritannien gefragt: Hat sich die Stimmung in eurem Land verändert?
Emily, 28
(Bild: Lionel Otaz)
Ich arbeite für eine NGO, die sich auf Armutsbekämpfung fokussiert. Viele meiner Arbeitskollegen kannten Jo Cox persönlich. Jeder, der im Bereich der internationalen Entwicklung arbeitet, weiß, wer sie ist. Vor ihrer Zeit als Abgeordnete arbeitete sie für Oxfam, und auch als Politikerin setzte sie sich für Entwicklungsthemen ein.

Ich selbst hatte nicht das Glück, sie kennen zu lernen, verfolgte aber seit langem ihre Arbeit. Ihr Enthusiasmus, ihre Energie und ihr Glaube daran, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, beeindruckte mich. Sie setzte viele ihrer Forderungen um. Das gab auch mir Inspiration.

Sie trat für Frauenrechte ein, was England dringend nötig hat. Weibliche Abgeordnete sind immer noch weit in der Unterzahl, viele britische Frauen glauben, politisches Engagement sei unattraktiv oder unweiblich. Jo Cox stand abseits aller Stereotype: Sie war feminin, schön, und gleichzeitig eine leidenschaftliche Politikerin mit dem Willen, die Welt zu verbessern.

Ich kann nur hoffen, dass sie auch nach ihrem Tod weiter Menschen inspiriert, diesen Weg einzuschlagen. Gestern war ich auf der Mahnwache für Jo in London. Um acht Uhr gab es eine Schweigeminute. Es war ein berührender, trauriger, aber auch schöner Moment: Es war ganz still, und dann kam die Sonne hervor und erleuchtete das Parlament.
Um was geht es in der Diskussion um den "Brexit" eigentlich? Die Fotostrecke:
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Khurram, 27
(Bild: Rena Föhr )
Ich war sehr traurig, als ich von der Nachricht erfuhr. Ich hatte zuvor noch nie etwas von Jo Cox gehört, aber alles, was ich seitdem gelesen habe, deutet darauf hin, dass sie alles andere als eine gewöhnliche Politikerin war – sondern jemand, der sich vehement für Menschen in prekären Lagen in verschiedenen Teilen der Welt einsetzte.

Sie brachte eine Menge sensibler Themen zur Sprache, sei es die Situation von palästinensischen Kindern bei israelischen Bombenangriffen oder die Situation von Flüchtlingen. Damit positionierte sie sich links, in einer Zeit, in der die politische Stimmung in Europa Richtung rechts tendiert – eine Entwicklung, von der wir nicht wissen, ob sie indirekt zu ihrem Tod beigetragen hat.

Die Motive des Täters sind unklar, doch zweifellos wird das Verbrechen anders bewertet, als wenn es von einem Immigranten begangen worden wäre. Ethnische Minderheiten werden sehr offen beschuldigt, wenn eines ihrer Mitglieder ein Verbrechen begeht. Da das Verbrechen von einem Mann britisch-weißer Herkunft begangen wurde, wird es als einzelne Tat einer psychisch verwirrten Person dargestellt.

Wie auch immer: Ich glaube nicht, dass der Vorfall eine andauernde Auswirkung für Großbritannien hat. Außer, dass vielleicht die Sicherheitsvorkehrungen für Abgeordnete verschärft werden.
Rory, 20
(Bild: Rory)
Als ich Jo Cox letztes Jahr erstmals bei einer Rede im Fernsehen gesehen habe, war mein erster Gedanke: Wow, sie ist sehr jung. Sie war da 41, aber sie sah noch jünger aus. Als ich von dem Mord erfuhr, war ich völlig schockiert und verwirrt. In England rechnen wir mit so etwas überhaupt nicht. So tragisch die Amokläufe in den USA sind – hier, mit strengem Waffengesetz, und dann in so einer kleinen Stadt, wirkte die Tat total wahllos. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Abscheu empfinde ich.

Ich befürchte leider, dass die verschiedenen politischen Lager den Vorfall für ihre Ziele instrumentalisieren werden, vor allem, falls der Angreifer wirklich "Britain First" gerufen hat. Das macht den ganzen Diskurs rund um das Referendum viel komplizierter.

Obwohl ich selbst für den Verbleib in der EU bin, fände ich es schlimm, falls nun EU-Befürworter sagen: 'Schaut auf diejenigen, die austreten wollten, das sind Mörder'. Das macht eine Tragödie zu einem politischen Fall, was sie vielleicht gar nicht ist.

Doch ich denke auch, dass einige Menschen nun beginnen, die Arbeit von Abgeordneten stärker zu respektieren. Viele halten den Politikerjob für einen Witz, vor einigen Jahren dachte ich auch noch so.

Ich habe den Eindruck, die Menschen fühlen Trauer und Betroffenheit für ihre Familie. Aber trotzdem: Es regt sie deshalb nicht unbedingt zum Nachdenken über die Situation in unserem Land an.
Sarah, 31
(Bild: Sarah)
Ich schreibe gerade an einer Psychologie-Hausarbeit zum Thema: Wie kleine Kinder den Tod eines Elternteils verarbeiten. Dabei muss ich unentwegt an die Tragödie denken. Ich empfinde eine tiefe Trauer für ihre Familie und besonders ihre beiden kleinen Kinder.

Nach der Nachricht begann ich, mehr über Jo Cox zu lesen. Und je mehr ich über sie erfuhr, desto mehr identifizierte ich mit ihr: Sie wirkte so erfrischend im Vergleich zu älteren männlichen Politikern, sie war so redegewandt.

Großbritannien hat eine wichtige Persönlichkeit verloren. Ich fühle mich angesichts der Art und Weise, wie die Medien Verbrechen porträtieren, verunsichert. Ich bin auch besorgt, dass psychische Krankheiten als einzige Ursache für ein Verbrechen herangezogen werden. Solche Vorfälle haben komplexe Ursachen, man kann Verbrechen nicht einfach in Schubladen einordnen.

Ich fühle mich zur Zeit unwohl in meinem eigenen Land. Andererseits bin ich jetzt auch entschlossener, etwas Positives dagegenzusetzen. Eigentlich wollte ich gestern Flugblätter für die eine Kampagne verteilen, die sich gegen den Brexit ausspricht, doch nun pausieren die Kampagnen; nächste Woche werde ich definitiv etwas tun. Seit einiger Zeit bin ich Mitglied der Labour Party, und generell bemühe ich mich, politisch gut informiert und engagiert zu sein.


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