Bild: Norbert Müller

Politiker werden als Arschlöcher beschimpft, mit Torten beworfen und schlimmer noch: Sie erhalten Morddrohungen – ein herausgepöbeltes "Ich knall' dich ab" via Facebook oder auch ein Galgenfoto per Mail.

Jetzt wurde in Großbritannien die Labour-Abgeordnete Jo Cox, 41, von einem Mann erschossen (bento). Cox engagierte sich für Flüchtlinge und war gegen den Brexit, den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union. Dafür wurde sie angefeindet. In der Vergangenheit war Cox bereits einmal zur Polizei gegangen, um "bösartige Mitteilungen" zu melden (SPIEGEL ONLINE).

Der Fall hat Parallelen zum Angriff auf die jetzige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Ein Täter war in aller Öffentlichkeit mit einem Messer auf sie losgegangen.

Sie überlebte nur knapp.

Politiker sehen sich immer häufiger Anfeindungen ausgesetzt – einfach nur, weil jemandem ihre Haltung nicht passt.

Was macht das mit unseren Abgeordneten? Wie erleben sie Hass im Netz? Und haben sie Angst davor, dass sie ihm auf der Straße begegnen? Bei bento erzählen junge Bundestagsabgeordnete von ihren Erlebnissen:

Johannes Steiniger, 28, CDU
(Bild: Steiniger/CDU)
Wenn einem Hass entgegenschlägt, dann eher im Netz, aber nicht im realen Leben. Bei Facebook bekomme ich regelmäßig Nachrichten von einer Person: Galgenbilder, auf denen dann die Namen meiner Parteikollegen Wolfgang Schäuble oder Angela Merkel zu lesen sind. So etwas lösche ich dann sofort. Konkrete Morddrohungen gegen mich gab es noch nicht.

Auch von rechter Seite gibt es Anfeindungen: In altdeutscher Schrift ist auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund "Abschaum" zu lesen. Mit diesen Menschen versuche ich gar nicht erst zu diskutieren.

Die Nachricht vom Tod der britischen Abgeordneten hat mich sehr getroffen. Aufgrund der gemeinsamen Tätigkeit fühlt man sich verbunden. Ich finde es einfach nur schrecklich, dass man wegen seiner politischen Gesinnung angegriffen wird.

So können Drohungen aussehen:

So sehen die Drohungen aus
Sven-Christian Kindler, 31, Bündnis 90/ Die Grünen
(Bild: Sven-Christian Kindler)
Ich wurde bereits zwei Mal angegriffen: Einmal ging ein Islamist bei einer pro-israelischen Kundgebung auf mich los, ein anderes Mal griff mich ein Neonazi an. Bei der Kundgebung wurde unsere gesamte Gruppe angegriffen – die Attacke des Neonazis hingegen galt mir direkt und meiner Arbeit als Abgeordneter, denn ich setze mich aktiv gegen Rassismus ein.

Er sprach mich am hellichten Tag in Hannover an, ob ich der Grünen-Politiker sei, der gegen Frei.Wild gesprochen hatte. Ich hatte die Band bei einer Demo für ihre völkisch-nationalistischen Texte kritisiert. Als ich bejahte, beschimpfte er mich und ging gewalttätig auf mich los. Auf offener Straße angegriffen zu werden, ist schon sehr bedrohlich.

Aber ich lasse mich trotzdem nicht einschüchtern und bin weiter aktiv gegen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus. Als Politiker kann ich so einen Vorfall öffentlich machen, aber viele, die von Rechten angegriffen werden, trauen sich nicht das anzuzeigen und das publik zu machen. Zu oft werden ihre Erfahrungen als Opfer von der Polizei nicht ernst genommen.

Ich selbst habe den Angriff auf Facebook geschildert – auch, um all denen eine Stimme zu geben, die sich selbst nicht trauen, über solche Erfahrungen zu sprechen. Direkt gab es dutzende Morddrohungen und neue Hetze gegen mich. Da sieht man: Gewalt fängt nicht erst mit einem Fausthieb an, sondern schon mit der Hetze im Netz.

Die Polizei ist aber personell total überfordert, all den Hasskommentaren nachzugehen. Aber wir dürfen als Zivilgesellschaft Hetze und Hass keinen Meter Raum überlassen und müssen aktiv dagegen vorgehen.
Dennis Rohde, 29, SPD
(Bild: Rohde/SPD)
Ich bin froh darüber, dass ich hier in meinem Wahlkreis in Oldenburg in einer heilen Welt lebe. Hier werden keine Fensterscheiben eingeschlagen und ich werde nicht auf offener Straße beleidigt, so wie viele meiner Kollegen vor allem in ostdeutschen Bundesländern. Ich erkenne in meinem Wahlkreis keine Gewaltbereitschaft.

Wenn es um die politische Sache geht, streite ich gern intensiv. Ich gehe offen auf Wähler zu und werde daran auch nichts ändern. Man kann sich nie ganz vor Verrückten schützen und der Fall in Großbritannien und auch der Angriff auf Henriette Reker vor einigen Monaten machen betroffen. Dass ich als Abgeordneter des Bundestages auch Angst habe, kann ich nicht von mir behaupten. Angst bestimmt nicht mein Verhalten oder meine Gedankenwelt.
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Norbert Müller, 30, Linkspartei
(Bild: Norbert Müller)

"Ich bin seit ich 13 Jahre alt bin politisch aktiv. Und seit ich für die Linkspartei unterwegs bin, kenne ich Beleidigungen, Drohungen, Anspruckereien und auch Beschädigung von unseren Infoständen. Ich bin auch bereits mehrmals auf offener Straße von Neonazis überfallen worden. Dabei ging es für mich immer glimpflich aus – was viel mit Glück zu tun hatte.

In den vergangenen Jahren hat aber eine Verrohung über die üblichen Nazi-Kreise hinaus eingesetzt. Allein mit dem, was mich via Facebook erreicht, könnte ich dauerhaft einen Staatsanwalt beschäftigen. Ich spare mir das, lösche beleidigende und rechtsextreme Posts und blockiere die Urheber. Es sind übrigens fast immer Männer.

Inzwischen setzt da bei mir beinahe ein Gewöhnungsprozess ein. Noch vor Monaten habe ich solche Postings bei Facebook gemeldet, aber das hat nie was genützt. Eigentlich darf man sich von dem zunehmenden Gepöbel nicht einschüchtern lassen. Gleichwohl mache ich mir bei jedem Übergriff oder Mordanschlag auf PolitikerInnen Sorgen, dass mir das selbst auch mal passieren kann."

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