Codewort "Pizza"

Energisch bläst Jordi Vives den Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette aus. "Natürlich habe ich Angst", sagt er. "Die spanische Polizei könnte mich jetzt schon verhaften." Wochenlang  hat der 24-Jährige Flugblätter verteilt und Reden gehalten. Das Ziel: ein unabhängiges Katalonien.

"Universitäten für die Republik" heißt seine Organisation, der Geschichtsstudent ist einer der zwei Sprecher der Studentenbewegung. Im Verlauf der vergangenen Wochen ist die Organisation immer wichtiger für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geworden. 

Bisheriger Höhepunkt: Der 1. Oktober, an dem Tag stimmten die Katalanen über eine Abspaltung von Spanien ab. 

Lange hatten Vives und seine Mitstreiter sich auf diesen Tag vorbereitet – insbesondere auf das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Denn die Abstimmung war verfassungswidrig, Gerichte hatten sie schon lange vorher für illegal erklärt. 

Die Guardia Civil versuchte, Urnen zu beschlagnahmen – und offenbar auch, die Websites der katalanischen Regierung vom Netz zu nehmen und die Internetverbindung der Wahllokale zu unterbrechen.

Die Studenten versuchten, das zu verhindern. Ihre stärkste Waffe: die sozialen Netzwerke. 

Jedes Wahllokal hatte eine eigene WhatsApp-Gruppe. Eine Karte bei Google Maps zeigte beinahe in Echtzeit, wo die spanische Polizei gerade war. "Wir haben den Informationsvorsprung genutzt, um vor allem älteren Bürgern zu sagen, wo sie sicher wählen können", sagt Vives. Sie schickten die Wähler zu Wahllokalen, in die die Polizei noch nicht vorgedrungen war.

"Wir wurden so für die Unabhängigkeitsbewegung zur wichtigsten Informationsquelle, obwohl wir nur rund 500 aktive Mitglieder haben, sagt Vives. Später stiegen die Studenten auf verschlüsselte Messenger wie Telegram und Signal um, koordinierten sich so auch mit einer Gruppe katalanischer Feuerwehrmänner, die sich später zwischen spanische Polizisten und katalanische Wähler stellten.

Sie folgten damit dem Rat von Julian Assange. Eine von Vives' Mitstreiterinnen hatte dem WikiLeaks-Gründer auf Twitter geschrieben. Assange ließ sich per Videokonferenz zuschalten. Auf einem riesigen Bildschirm verfolgten die Studenten wenige Tage vor der Abstimmung Assanges Rede. 

Der WikiLeaks-Gründer versicherte den Studenten öffentlich seine Unterstützung, warnte sie vor möglicher Überwachung durch den spanischen Staat, den er mit dem autoritären Regime in China verglich – und gab Tipps:

  • "Er hat uns erzählt, welche Messenger wir verwenden sollen, wie wir uns per VPN mit dem Internet verbinden können, ohne von der spanischen Polizei überwacht zu werden", sagt Aina Clínic.
  • Für den Fall, dass das gesamte Internet blockiert würde, habe Assange Messenger empfohlen, die mit Bluetooth arbeiten. 

Die Studentin war eine von rund 300 jungen Menschen, die Assanges Rede auf dem Platz vor der Universität von Barcelona hörten.

Assange hat sich in den vergangenen Tagen immer wieder öffentlich für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung starkgemacht. Da ist nicht wirklich überraschend. Es passt auch zu dem Verdacht, dass sich Assange in der Vergangenheit mit seiner Organisation WikiLeaks zu einem Werkzeug Russlands gemacht haben soll.

Auch die russische Regierung könnte tatsächlich ein Interesse an der Unabhängigkeit Kataloniens haben, weil sie indirekt auch die Rechtfertigung der Abspaltung der Krim von der Ukraine leichter machen könnte.

Dass die WhatsApp- und Telegram-Gruppen der katalanischen Studenten oder anderer Unabhängigkeitsbefürworter überwacht werden, wie Assange behauptet, ist nicht erwiesen. Völlig abwegig ist die Annahme aber nicht: Die spanische Polizei verhaftete im Vorfeld des Referendums wichtige Mitarbeiter der katalanischen Regierung, die die Abstimmung geplant hatten.

Auch deshalb kommunizieren einige Studenten seit Wochen mit Codewörtern. Statt "Urne" schreiben sie beispielsweise von einer "Pizza", die sie abholen wollen.

In den kommenden Tagen dürfte die Situation für die Studenten noch schwieriger werden. Derzeit eskaliert der Konflikt um eine mögliche Unabhängigkeit Kataloniens, weder Katalanen noch Spanier wollen nachgeben.

Sollte der katalanische Präsident die Unabhängigkeit erklären, könnte die spanische Justiz führende Regierungsmitglieder verhaften und die Kontrolle über die bisher autonome Region übernehmen. Der Kampf um die Mehrheit in Katalonien, um die Deutungshoheit geht gerade in die heiße Phase. 

Deswegen will Jordi Vives mit seinen Freunden weiter auf die Straße gehen. 

"Wir stehen bereit", sagt er. Auch er hat Angst, dass sich Szenen wie die vom 1. Oktober wiederholen, als die spanische Polizei auf Bürger eindrosch und sogar Gummigeschosse abfeuerte. 

Aber zu lange schon ist Jordi Vives schon für ein unabhängiges Katalonien auf die Straße gegangen, nachgeben ist für ihn keine Option mehr.

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