Bild: Twitter/BMEL
Und Rezo zeigt, warum unsere Generation darauf nicht länger hereinfällt.

Es war mal wieder Rezo. Mit einem kurzen Tweet antwortet er auf ein Video von Julia Klöckner – und tritt damit eine Diskussion über die Nähe von Politik und Wirtschaft los. 

Die Verbraucherschutzministerin hat sich Schulter an Schulter mit Nestlés Deutschland-Chef Marc-Aurel Boersch vor die Kamera gestellt und für weniger Zucker, Salz und Fetten in Lebensmitteln geworben. Die Ministerin darf kurz über Produkte reden, "die die Bürger gerne mögen" – dann kommt Boersch und zählt angebliche Erfolge auf, die Nestlé umgesetzt hat.

Rezos Kommentar aus der Influencer-Ecke: Hätte er so ein Video mit einem Firmenchef gepostet, hätte er es als Werbung kennzeichnen müssen. Damit spielt er auf einen wichtigen Punkt an: Der Schulterschluss zwischen Politikern und CEOs war bisher ganz normal. Für die Generation, die es gewohnt ist, finanzielle Interessen mit einem #Werbung oder #Anzeige gekennzeichnet zu bekommen, ist er das nicht mehr.

Wir sind auf Instagram und YouTube zuhause, wir kommunizieren ständig für alle sichtbar miteinander – mit Hinterzimmergesprächen können wir nichts mehr anfangen. 

Klar, Klöckners Anliegen ist wichtig. Viele Lebensmittel enthalten ungesund hohe Anteile an Zucker und Fetten. Auch Salz, das der Mensch nur sehr dosiert zu sich nehmen sollte, ist überall mit drin. Klöckners Ministerium hat daher kürzlich eine "Reduktions- und Innovationsstrategie" verabschiedet, mit der sie Firmen dazu bringen will, auf freiwilliger Basis ihre Zutaten zu überarbeiten. Für den Kampf gegen Übergewicht sollen viele Fertigprodukte bis 2025 neue Rezepturen bekommen. 

Im Video wird das angesprochen – aber dann wird es doch zu einer PR-Show für Nestlé. Die Firma kann sich als Saubermann darstellen, der ganz freiwillig die Ideen der Ministerin umsetzt.

Das Video von Julia Klöckner und dem Nestlé-Chef zeigt die schwierige – und schmierige – Nähe zwischen Politik und Wirtschaft.

Dass der Vorwurf nun ausgerechnet von Rezo kommt, ist dabei kein Zufall. Klar, der YouTuber muss sein Image als "CDU-Zerstörer" aufrecht erhalten – viel mehr noch steht er aber für eine Generation, die anders auf Politiker blickt, als Ältere.

Ein Video mit einem Firmenchef wirkt da nicht innovativ, sondern einfach nur befremdlich. Politikerinnen und Politiker sollen Vertrauenspersonen sein. Julia Klöckner Schulter an Schulter mit dem Nestlé-Chef suggeriert, dass wir ohne weitere Bedenken zum Nestlé-Müsli im Regal greifen können. Und genau da liegt das Problem. Denn Nestlé ist nicht unschuldig.

  • Greenpeace wirft dem Unternehmen vor, für Palmöl ganze Regenwälder zu zerstören. (Greenpeace)
  • Kritiker sagen, die Firma zapft Entwicklungsländern das Wasser ab, um es dann teuer zu verkaufen. (ORF)
  • Verbraucherschützer bemängeln zudem, dass in vielen Lebensmitteln für Kinder der Zuckergehalt – trotz Selbstverpflichtung –  zu hoch ist. (Foodwatch)

All das spielt im kurzen PR-Clip auf Twitter aber keine Rolle. Das muss es auch nicht unbedingt, immerhin geht es hier ja um eine gute Sache: Politik und Wirtschaft tun sich zusammen, um Dinge besser zu machen. 

Genau so verteidigt sich auch Klöckner. Die Kritikerinnen und Kritiker ihres Videos nennt sie in absurder Überhöhung "Hatespeaker", denn in Wahrheit nehme sie hier ja Unternehmen in die Verantwortung.

Aber genau das ist es eben nicht: Wenn Politikerinnen von Firmenchefs mündliche Zusagen bekommen, haben sie diese nicht in Verantwortung genommen. Sondern ihnen die Verantwortung überlassen.

Wenn man im Twitterfeed von Julia Klöckner oder ihrem Ministerium herunterscrollt, sucht man ähnliche Videos mit Nichtregierungsorganisationen, Verbraucherschutzverbänden oder Ehrenamtlichen vergeblich. Dabei hätten die ein bisschen Lobbyhilfe von der Politik redlich verdient.

Es ist schön, wenn Julia Klöckner so eine gute Vertrauensbasis mit dem Nestlé-Chef hat. Es wäre besser, wenn es zum Vertrauen aber auch Verpflichtungen gebe.

Zum Beispiel in Form von Gesetzen. Die Regierung könnte Ernährungsampeln auf Lebensmittelpackungen verpflichtend einführen. Oder Regeln definieren, wie Lebensmittel für Kinder beworben werden dürfen. Oder einfach festschreiben, wie hoch der Salz-, Fett- oder Zuckergehalt in Lebensmitteln sein darf. 

So schreibt es nun der Nestlé-Chef selbst fest. Und das ist dann nichts anderes als Laissez-faire-Lobbyismus.

Unsere Generation lässt das zum Glück nicht mehr gelten. Auf Klöckners patzige Verteidigungsversuche ("Hatespeaker"), kontern Nutzerinnen und Nutzer ironisch bis informiert. Auf jeden Fall zeigen sie: So billig kommen Sie uns nicht davon.

Vielleicht wollte Julia Klöckner das Netz ja auch einfach mit maximaler Transparenz überraschen, indem sie das Video vom Lobbytreffen mit Nestlé gleich selbst hochlud.


Trip

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Fragen an einen Bahn-Nerd

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Warum kommt man für 20 Euro mit Ryanair einmal quer durch Europa, mit dem Zug aber oft nicht einmal bis zum Airport? Was müsste sich tun, damit Bahnreisen schneller und attraktiver werden?

Über diese Fragen haben wir mit Lukas Iffländer gesprochen. Der 29-jährige Informatiker ist ehrenamtlich im Bundesvorstand des Fahrgastverbandes "Pro Bahn" aktiv und fährt selbst fast täglich mit dem Zug.