Bild: Iuventa10/Solidarity at Sea
Sie ist nicht die einzige. Dabei sind die angeblichen Beweise fragwürdig.

In einer Nacht im Juni 2017, erzählt Zoe, mussten sie mitten in einem Rettungseinsatz umkehren. Die Schwimmwesten waren schon auf dem Schlauchboot verteilt, das zu kentern drohte. Doch ein anderes Flüchtlingsboot vor der libyschen Mittelmeerküste sank schneller. Wen rettet man zuerst? Vor solchen Entscheidungen stand die damals 20-jährige Deutsche fast täglich. Seenotrettung kann zynisch sein. "Die leuchtenden Augen der Menschen, die wir alleine in der Dunkelheit auf dem Meer zurückließen, werde ich nie vergessen." Erst Tage später erfuhr sie, dass die Menschen von einem anderen Schiff gerettet wurden.

Migrantinnen und Migranten im April 2017 an Bord der "Iuventa". 

(Bild: IUVENTA Jugend Rettet e.V./dpa)

Dass Zoe überhaupt Menschen zurückgelassen hat, dürfte in Italien viele überraschen. Für die dortigen Medien sind sie und die anderen jungen Menschen von der "Iuventa" das "Taxi di Mare" – das Wassertaxi, das Migranten am liebsten gleich in Libyen am Strand abgeholt und nach Europa gebracht hätte. Italiens rechtsnationaler Innenminister Matteo Salvini ist mit dieser Stimmung ins Amt gekommen. 

Schon das Wort "Wassertaxi" zeigt, wie sich der Ton in der Flüchtlingsdebatte verschärft hat – und Zoes Geschichte als Helferin steht beispielhaft dafür. Sie begann in Deutschland und führte die Freiburgerin aufs Mittelmeer. In einigen Monaten wird sie voraussichtlich in in einem sizilianischen Gerichtssaal enden, zumindest vorerst.

Die italienische Justiz wirft Zoe und neun anderen Personen der Hilfsorganisation "Jugend rettet" Beihilfe zur illegalen Einwanderung vor. Die als "Iuventa10" bekanntgewordene Gruppe soll sich mit Schleppern abgesprochen und sogar leere Flüchtlingsboote zurück in Richtung Libyen gebracht haben. Die Höchststrafe dafür liegt in Italien bei 20 Jahren Haft. Zum Vergleich: Die Mindeststrafe für einen Mord liegt in Deutschland bei 15 Jahren. Bei einer Verurteilung könnte das Gericht für jede illegal gerettete Person 15.000 Euro Strafe verlangen. Es wäre am Ende wohl eine unbezahlbare Summe: Allein Zoe rettete Hunderte Menschen. Insgesamt barg die "Iuventa" nach eigenen Angaben 14.000 Menschen aus dem Mittelmeer.

Was ist dran an den Vorwürfen? 

Sind die Aktivisten in ihrem Eifer vielleicht wirklich zu weit gegangen? Oder waren die jungen Helferinnen und Helfer einfach nur leichte Beute für einen politisch motivierten Prozess, der die "Festung Europa" endgültig abriegeln soll?

Von den Antworten auf diese Fragen dürfte abhängen, ob es künftig überhaupt noch Menschen geben wird, die im Mittelmeer freiwillig auf Rettungsmission gehen – vorausgesetzt es gibt Schiffe dafür. Nicola Canestrini, der italienische Anwalt von "Jugend rettet" sagt deshalb: "An diesem Urteil wird sich zeigen, ob Europa weiterhin für Grundrechte und Solidarität steht."

Canestrini sieht die Ausgangslage der "Iuventa"-Crew nüchtern:

Wir sind schon verurteilt. In den italienischen Medien sind wir zu 100 Prozent erledigt.
Nicola Canestrini, Anwalt der "Iuventa10"

Dazu beigetragen haben auch Bilder, die die Staatsanwaltschaft im August 2017 präsentierte. Damals wurde die "Iuventa" in einer Nacht-und-Nebel-Aktion beschlagnahmt. Sie liegt seitdem im Hafen von Trapani fest, unweit von Siziliens Hauptstadt Palermo.

Die Bilder, die kurz darauf als Beweismittel präsentiert wurden, sollen belegen, wie die "Iuventa"-Crew mit Schleppern zusammenarbeitet. Zeitungen in aller Welt druckten sie ab. Für Zoe waren es nicht irgendwelche Fotos – die Person, die man auf fast allen Bildern als verschwommenen Umriss sehen konnte, war sie selbst.

(Bild: bento)

Trifft man sie heute, fast zwei Jahre später, braucht es viel Fantasie, um sie sich als Schlepperin vorzustellen. Zoe trägt einen roten Filzmantel. Die dunkelblonden Haare hat sie locker zum Dutt gebunden, an den Ohrläppchen hängen goldene Stecker. Denkt man in Klischees, könnte sie auch Jurastudentin oder junge Ärztin sein. Tatsächlich ist Zoe gelernte Bootsbauerin. Sie weiß, wie man Jachten baut und Schiffe auf Vordermann bringt.

Wie kommt man vom Schwarzwald aufs Mittelmeer?

Zoe wuchs in Freiburg in behüteten Verhältnisse auf. Schon als Kind segelte sie mit ihrem Vater auf dem Schluchsee. Irgendwann machte sie den Bootsführerschein. 

Zum ersten Mal in Kontakt mit Geflüchteten kam Zoe 2015, als innerhalb weniger Wochen Hunderttausende Menschen Deutschland erreichten. Wie in vielen Städten bildete sich auch in ihrer Heimat Freiburg ein spontanes Netzwerk von Freiwilligen, die helfen wollten. Zoe lernte damals fürs Abitur, nebenbei half sie jungen Geflüchteten im Alltag, kochte mit ihnen, spielte nachmittags Fußball. Abends sah sie im Fernsehen, wie viele Menschen weiter im Mittelmeer ertranken. Die tödlichste Fluchtroute der Welt, sagte die Uno. "Ärzte ohne Grenzen" begann eine private Rettungsmission, doch das Sterben ging weiter.

Einige Monate später hörte Zoe von zwei Abiturienten aus Berlin. Sie hatten eine kleine Hilfsorganisation namens "Jugend rettet" gegründet und ein altes Schiff namens "Iuventa" gekauft. Jetzt suchten sie Freiwillige für eine Rettungsmission. Kurz nach dem Abi, im Herbst 2016, schickte Zoe der Gruppe eine Chat-Nachricht: "Ich habe die notwendigen Bootsführerscheine und kenne nautische Begriffe auf Englisch. Ich will helfen."

Zoe wurde das jüngste Crew-Mitglied auf der "Iuventa".

Ein halbes Jahr später reist sie in Richtung Süden. Auf der "Iuventa" kommen Menschen aus ganz Europa zusammen. Bei dieser Mission sind es 14 Crew-Mitglieder. Manche wie Dariush, der deutsche Kapitän, sind schon über 40 Jahre alt. Die meiste eher Mitte Zwanzig. Laura, eine Medizinstudentin aus Manchester. Miguel und Miguel, ein spanischer Feuerwehrmann und ein portugiesischer Astrophysiker. Zoe, die gerade eine Ausbildung zur Bootsbauerin begonnen hat, ist mit 20 die jüngste im Team. Wie viele andere habe sie ihren gesamten Jahresurlaub genommen, um helfen zu können, erzählt Zoe.

Damit die Crew trotz ihrer Unterschiede gut zusammenarbeiten kann, gibt es feste Aufgaben. Zoes Aufgabe ist es, zusammen mit einem der beiden Miguels das Beiboot zu steuern. Während der zwei Wochen auf See rettet die Crew oft von morgens um vier bis in die nächste Nacht hinein. Die Aufträge kommen von der Seenotrettungsleitstelle MRCC in Rom. Wird ihr ein Notfall gemeldet, bittet sie nahegelegene Schiffe um Hilfe. Oft meldet sich die "Iuventa".

Die Motoren werden immer schwächer, die Boote immer voller

Die Flüchtlingsboote, um die es geht, sind marode und überfüllt. Wo Platz für 30 Personen vorgesehen war, saßen oft viermal so viele Menschen, erzählt Zoe. Viele sind dehydriert. Es ist Hochsommer, die Sonne brennt am Himmel. Doch in dieser Zeit gilt die Flucht wegen des ruhigeren Seegangs als am sichersten. Täglich starten neue Holzkutter und Schlauchboote. Viele sind kaum noch für die Überfahrt nach Europa geeignet. Für "Jugend rettet" ist deshalb klar, dass es sich um Notfälle handelt. "Wenn ein überfülltes Schlauchboot voller Nichtschwimmer 25 Kilometer vor der Küste treibt, sind die Menschen darauf in Lebensgefahr. Man muss sie retten. Das ist Seerecht", sagt Zoe.

Zoe während des Rettungseinsatzes der "Iuventa" im Juni 2017. Würde sie heute wieder aufs Meer, könnte sie verhaftet werden.

(Bild: Iuventa10/Solidarity at Sea)

Sie und Miguel sind oft die ersten, die vor Ort ankommen. Videos zeigen, was dann folgt: Die beiden fahren langsam auf das Flüchtlingsboot zu. Miguel fragt laut schreiend, wer Englisch kann. Wie viele Frauen und Kinder an Bord sind. Erst, wenn das geklärt ist, nähert sich das Beiboot und verteilt Schwimmwesten.

Das Schwierigste ist nicht die Rettung an sich, sondern dass keine Panik ausbricht
Zoe

Die Bilder, wegen derer Zoe vielleicht für Jahre ins Gefängnis muss, entstehen schon am zweiten Tag der Mission. Es ist der frühe Morgen des 18. Juni 2017. Zoe sagt heute, eigentlich sei es ein normaler Tag gewesen. Was in ihrem Team damals niemand weiß: Schon im September 2016 hatten zwei externe Security-Mitarbeiter des Rettungsschiffs "Vos Hestia" die "Iuventa"-Crew beim italienischen Geheimdienst angeschwärzt: Den beiden Italienern sind die jungen Deutschen zu aktivistisch. Die Stimmung dreht sich damals langsam, immer wieder wundert sich die "Iuventa"-Crew über den rauer werdenden Tonfall der Rettungsleitstelle in Rom. Zu dieser Zeit ist die Brücke ihres Schiffs bereits verwanzt, wie später rauskommen wird, Telefongespräche werden abgehört. Es sind Methoden wie aus einem Agenten-Film.

Einer der verschwommenen Umrisse auf diesem Bild gehört Zoe. Doch was zeigt es sonst?

(Bild: dpa)

An diesem Tag begegnen sich die "Iuventa" und die "Vos Hestia" am frühen Morgen erneut. Auch dieses Mal ist wieder ein Mitarbeiter des Security-Dienstes dabei und macht Fotos. Medien werden später aufdecken, dass die Security-Firma Verbindungen zu Rechtspopulisten und den rechtsextremen "Identitären" hat. 

Inzwischen rudert einer der beiden Männer jedoch zurück. In italienischen Medien und der "Zeit" bedauerte kürzlich seine Anschuldigungen: 

Ich habe nie gesehen, dass die NGOs mit den Schleppern kooperieren, das war immer nur ein Verdacht.

War alles nur eine Falle?

Was in den entscheidenden Minuten damals tatsächlich passiert ist, lässt sich inzwischen anhand einer 3D-Rekonstruktion nachvollziehen, die an der britischen Goldsmiths Universität erstellt wurde. Sie ist im Internet frei zugänglich. Die Bilder und Videos dafür stammen von Journalisten, den beiden Security-Mitarbeitern und einer Helmkamera, mit denen Zoe viele der Einsätze dokumentierte.

Die Bilder der Analyse zeigen nicht alles, aber viel. So ist zu sehen, dass die spätere Behauptung, Zoe habe leere Flüchtlingsboote zur libyschen Küste gebracht, wohl kaum haltbar ist. Weder die Wellenrichtung noch andere Schiffe am Horizont scheinen dazu zu passen. "Ich hätte auch gar keine Zeit gehabt", sagt Zoe. "Die Boote musste aus dem Weg, damit wir die Geretteten an das größere Schiff übergeben und zum nächsten Notfall konnten."

(Bild: Forensic Architecture)

Doch warum wurden sie nach der Rettung nicht versenkt, wie es sonst üblich ist? Die Retter berufen sich auf Funksprüche, die bereits den nächsten Notfall melden. "Wenn ich mich entscheiden muss, ob ich lieber ein kaputten Fischkutter sprenge oder Menschen aus einem sinkenden Boot rette, entscheide ich mich für die Menschen", sagt Zoe. 

Und Absprachen mit Schleusern? "Es gibt Schlepper, Motordiebe und die sogenannte libysche Küstenwache. Alle sind aggressiv und oft bewaffnet. Ich würde schon aus Selbstschutz nie mit ihnen reden." Sie selbst habe erlebt, wie Flüchtlingsbooten von Männern aus Libyen noch während der Rettung der Motor geklaut worden sei. Wie die Küstenwache herbeirauschte und mit Gürteln auf Geflüchtete einschlug.

Auch Nicola Canestrini, der Anwalt, hält die Idee für abwegig: 

Ich kenne die Whatsapp-Verläufe der Gruppe. Da sind keine Nachrichten an Schlepper.
Nicola Canestrini, Anwalt der "Iuventa10"

Artikel 98, Absatz 1

Zoe spricht ruhig, obwohl sie der Vorwurf dahinter sie fast mehr empört als die drohende Strafe. "Das, was wir getan haben, war keine Abwägungssache. Menschen in Lebensgefahr muss man retten. Das ist Seerecht", sagt Zoe. Den entsprechenden Abschnitt im UN-Seerechtsübereinkommen zitiert sie auswendig.

Über solche Grundsätze wird es in den kommenden Monaten noch oft gehen. Die "Iuventa"-Crew will sich nicht verstecken, sondern im Gerichtssaal anwesend sein, obwohl sie das nach italienischem Recht nicht müsste. Aber sie wird Unterstützung von außen brauchen, wenn sie vor Gericht eine Chance haben will. Schon jetzt rechnet sie mit Kosten von bis zu einer halben Million Euro. Allein das Bildmaterial, das als Beweis für oder gegen die Gruppe dienen soll, wird Hunderte DVDs und zwei Zimmer seiner Kanzlei füllen, schätzt Nicola Canestrini. Einer seiner Mitarbeiter ist derzeit in Vollzeit mit der Prozessvorbereitung beschäftigt. "Und wir haben bislang nur sehr limitierte Akteneinsicht."

(Bild: bento)

Noch wichtiger sind für Canestrini aber die Augenzeugen. Sie sind der zentrale Punkt seiner Verteidigung. Mit ihnen will er die Stimmung in Italien und im Gerichtssaal zugunsten von "Jugend rettet" drehen: "Alles hängt an den Zeugen. Wir müssen Menschen finden, die damals gerettet wurden. Sie können erzählen, wie die Zustände auf dem Meer wirklich waren." Wenn diese Menschen zudem nach ihrer Ankunft in Italien Asyl erhielten, kann die Justiz sie kaum als illegale Einwanderer darstellen, so das Kalkül. 

Heute brauchen die Seenotretter Hilfe

Die Geflüchteten könnten jetzt ihre Retter retten. 

Doch wo sind diese Menschen? Für die "Iuventa"-Crew ist das bislang ein Problem. Denn fast keiner von ihnen blieb lange auf der "Iuventa". Der ehemalige Fischkutter ist dafür viel zu klein. Deshalb wurden die Geretteten meist an größere Rettungsschiffe oder die Marine übergeben. Doch selbst wenn von den Hunderten Menschen ein paar wiedergefunden werden: Welcher Geflüchtete würde schon seine Sicherheit riskieren, um vor einem sizilianischen Gericht gegen die Anschuldigungen eines ganzen Landes auszusagen?

Die Rettungsschiffe fahren nicht mehr, doch das Sterben geht weiter

Für Zoe und die neun anderen Beschuldigten steht viel auf dem Spiel. Es geht um 20 Jahre Haft und hohe Geldstrafen. Auch gegen andere NGOs wie "Save the Children" und "Ärzte ohne Grenze" laufen inzwischen Ermittlungsverfahren. Retten tut derzeit fast niemand. Seitdem die "Iuventa" festgesetzt wurde, sind schätzungsweise fast 3000 Menschen auf dem Mittelmeer ertrunken.

In dieser Woche reiste Zoe erstmals seit Langem wieder in Richtung Süden: Ausgerechnet die neutrale Schweiz, fernab von allen Weltmeeren gelegen, gibt den Seenotrettern derzeit Hoffnung. Eine Menschenrechts-Stiftung hat der Crew einen Preis verliehen. Die 50.000 Franken, die es dafür gab, flossen direkt in die Prozessvorbereitung. Die Schweizer Jury zeichnete die zehn Beschuldigten für ihr Engagement auf dem Mittelmeer aus.

Die jungen Crew-Mitglieder wirkten damit dem humanitären Versagen der europäischen Politik entgegen. Sie gaben auch anderen Menschen in Europa den Mut, nicht in der Ohnmacht zu verharren.
Begründung für die Auszeichnung durch die Paul-Grüninger-Stiftung

Zoe hofft, dass dieses Signal bis zum Beginn ihres Prozesses möglichst viele Menschen erreicht.

Anmerkung: Im Text war von einer Höchststrafe von 15 Jahren für Mord die Rede. Es handelt sich natürlich um die Mindeststrafe. Wir haben die Stelle geändert.


Fühlen

Schluss mit Blumen oder hässlichen Geschenken: Muttertag muss Partytag werden!

Herzförmige Schokolade ist im Angebot und Blumenläden drehen so richtig auf: Bäm, es ist Muttertag! 

Das bedeutet für Mütter in Deutschland vor allem: selbstgemachte Geschenke, Gutscheine oder Frühstück im Bett – aber sonst einen Tag wie jeder andere auch.

Der Vatertag hingegen bringt für die Männer meist Tagesausflüge mit Bollerwägen voller Bier, manchmal sogar die völlige Eskalation.

Warum ist der Muttertag so viel lahmer als der Vatertag? Und wie können wir das ändern? 

Meine Vorschläge für einen spaßigeren Muttertag findest du oben im Video.

Quellen zum Video: