Bild: Jugend Rettet
Sie wollen ein Schiff kaufen und zwischen Italien und Libyen Flüchtlinge retten.

Bis vor wenigen Monaten hatten sie nur einen Plan: Leben retten auf dem Mittelmeer. Mittlerweile haben sie ein eigenes Büro in Berlin, eine Webseite und Mitarbeiter in 29 Städten Europas. Und bald haben sie auch ein eigenes Schiff.

Acht junge Menschen, sie sind zwischen 19 und 28, haben einen Verein gegründet, der "Jugend Rettet" heißt. Damit fangen sie gerade an, Verantwortung zu übernehmen: Sie werden im Sommer mit einem Schiff losfahren, von Italien werden sie Kurs auf Libyen nehmen, um dann auf offenem Meer Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren.

Wie "Jugend rettet" kämpft – die Fotostrecke:
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"Wir sind junge Europäer und empfinden ein unbedingtes Bedürfnis, Hilfe zu leisten", sagt Pauline Schmidt, 28, vom Verein. "Wir tun das, weil es von staatlicher Seite vernachlässigt wird."

Während andere ihre Energie in Studienabschlüsse stecken, in Jobs oder Karrieren, lassen Pauline und die Teammitglieder um den ersten Vorsitzenden Jakob Schoen das Studieren gerade sein. Seit Wochen sammeln sie über Crowdfunding Spenden für die Finanzierung ihres Plans, sich selbst finanzieren sie über Nebenjobs.

Retten ist Pflicht

Trifft eine Schiffsbesatzung auf offenem Meer auf Personen, die sich in Not befinden, dann ist die Besatzung gesetzlich dazu verpflichtet, Hilfe zu leisten. Grundlage dieser Gesetzgebung ist das Internationale Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, das 1982 in Kraft getreten ist.

In Not ist demnach jede Person, die sich in Lebensgefahr befindet – zum Beispiel, weil sich nicht mehr genügend Nahrung an Bord befindet, oder das Wetter so schlecht ist, dass sich ohne Hilfe kein Hafen mehr erreichen ließe.

Sie suchen nach Unterstützern, trafen sich bereits mit Leuten von Greenpeace und von Seawatch, die ihnen erklärten, worauf sie sich physisch und psychisch einstellen müssen, wenn Menschen in Seenot helfen wollen.

Sie besuchen Reedereien in ganz Deutschland, sehen sich Schiffe an, die sich für die Seenotrettung umbauen lassen würden.

Sie suchen nach Personal, gerade nach einem Kapitän, Ärzten und ausgebildetem Crewpersonal, ohne die dürften sie gesetzlich auch gar nicht los.

Sie machen das Projekt über Ländergrenzen hinaus bekannt, inzwischen haben sie Vertreter in mehreren europäischen Städten, auch das sind junge Menschen.

So soll das Schiff aussehen.(Bild: Jugend Rettet)

Eine Privatperson war so überzeugt von dem Projekt, dass sie versprach, dem Verein 150.000 Euro für das Schiff zu spenden, wenn mindestens 80.000 Euro für die Grundkosten – also Umbau und Überführung des Schiffes – durch die Crowdfunding-Aktion auf der Webseite zusammenkommen.

Die Aktion läuft online noch zwei Wochen – und die Summe von 80.000 Euro ist längst erreicht.

Damit kann es im Juli losgehen auf die zentrale Mittelmeerroute. An Bord werden 100 Plätze sein – aber sie wollen gar nicht alle Flüchtlinge direkt aufnehmen, denen sie auf der Route begegnen: "Wir wollen Gefahrensituationen stabilisieren, Flüchtlinge auf Rettungsinseln helfen oder sie sicher der Küstenwache übergeben."

Das Team leistet damit nur einen kleinen Teil der Lösung eines Problems, das die politischen Akteure Europas seit Monaten verzweifeln lässt.

Denn die Flüchtlingskrise wird sich nicht durch punktuelle Seenotrettungen lösen lassen. Vielmehr müssen vor allem die Ursachen der Flucht bekämpft werden: die Konflikte in Zentralasien, die Kriege im Nahen Osten, die Hungersnöte Ostafrika. Vielmehr müssen die Staaten Europas alle mithelfen, die Flüchtlinge aufzunehmen. Grenzen einfach zu schließen, hilft nicht.

Derzeit befinden sich weltweit 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Das geht aus dem Weltbevölkerungsbericht der Uno-Organisation Unfpa hervor. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge stammt laut dem Bericht aus Syrien, Afghanistan, dem Sudan und Somalia.

Wenn "Jugend rettet" Leben rettet, dann müsse niemand, der nicht will, mit auf das Schiff, sagt Pauline: Nur ein bis zwei Leute aus dem Team sollen die Crew unterstützen, pro Einsatz soll sie maximal drei Wochen aufs Meer, dann wird gewechselt. Mindestens ein halbes Jahr solle das so gehen.

"Manche organisieren lieber von hier aus, andere sind sich aber auch schon ganz sicher, dass sie die Crew begleiten wollen", sagt Pauline.

So erreichst du "Jugend Rettet"

  • Du willst dich weiterführend informieren? Hier.
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  • Du willst mitmachen? Hier.
  • Du willst den Verein auf Facebook besuchen? Hier.

Sie und ihre Kollegen hätten sehr viel gearbeitet in den vergangenen Monaten, von morgens bis nachts.

Das Team mag jung wirken, vielleicht sind sie Idealisten mit einer riesigen Idee. Aber: Sie haben das Geld. Bis Juli sind es noch ein paar Wochen.

Und dann? "Du wirst da tote Menschen sehen. Du wirst großes Leid sehen", sagt Pauline. "Du wirst Menschen sehen, denen du nicht mehr helfen kannst."

Die Entscheidung, ob sie persönlich auch mitfahre nach Italien, sei noch nicht gefallen. Zuerst muss sie sich selbst noch klar werden über zwei Fragen, sagt sie: "Werde ich die Leute dort wirklich beruhigen können? Oder muss ich, wenn ich all das sehe, selbst beruhigt werden?"

bento bleibt dabei

Was wird passieren, wenn die Crew im Juli in See sticht? Wie wird es den Mitgliedern des Teams gehen, wie werden sie vor Ort empfinden?

bento bleibt mit ihnen in Kontakt: Wir berichten, sobald es Neuigkeiten von "Jugend Rettet" gibt.

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