Wir haben mit einem der Unterzeichner des offenen Briefes gesprochen.
Was ist passiert?

Sven Jaros ist enttäuscht von seinem ehemaligen Lehrer: Einst unterrichtete ihn Jürgen Mannke in Geschichte und Deutsch, am Domgymnasium im sachsen-anhaltischen Merseburg. Jaros ist mittlerweile 29 Jahre alt und selbst Geschichtswissenschaftler – auch wegen Mannke. Jetzt hat der plötzlich einen rassistischen Artikel geschrieben, in dem er mit dumpfen Vorurteilen gegen Flüchtlinge hetzt.

Er sagt: "Dr. Mannke hat mich sehr in meinem kritischen Denken und in meiner eigenen Entwicklung bestärkt. Aufgrund seiner Äußerungen bin ich persönlich enttäuscht."

Gemeinsam mit anderen ehemaligen Schülern wendet sich Jaros deshalb in einem offenen Brief an ihn, kritisieren ihren Ex-Lehrer hart.

Erklären kann sich Sven Jaros den Text seines ehemaligen Lehrers nicht. In der Schule habe der nie Vorurteile gegenüber Migranten geäußert.

"In Geschichts- und Deutschunterricht haben wir mit Dr. Mannke eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren behandelt, die ein reflektiertes, offfenes Weltbild vertreten haben. Umso mehr hat uns der Brief überrascht, auch was die Begrifflichkeiten angeht. Im Unterricht wies er uns auf die Macht des Wortes hin. Gemessen daran, ist die Wortwahl an manchen Stellen erschreckend."


Was hat Mannke geschrieben?

Heute ist Mannke Schulleiter am Goethegymnasium in Weißenfels und Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt. Den Text schrieb er zusammen mit seiner Stellvertreterin, Iris Seltmann-Kuke. Die beiden sind also die obersten Funktionäre der Gymnasiallehrer in Sachsen-Anhalt. Sein Text erschien in ihrer Verbandszeitschrift.

Gleich zu Beginn schreiben die beiden "Eine Immigranteninvasion überschwappt Deutschland". Dann folgen Sätze wie dieser:

"Wie können wir unsere jungen Mädchen im Alter ab 12 Jahren so aufklären, dass sie sich nicht auf ein oberflächliches sexuelles Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern einlassen?"
Ohne jeden Beleg oder weitere Erklärung äußern die beiden dumpfe Vorurteile über Flüchtlinge, die "nicht immer mit den ehrlichsten Absichten" kämen.
Was seine ehemaligen Schüler über Mannke sagen

Mannke nutze "klassische kulturrassistische Ressentiments", schreiben die ehemaligen Schüler.

Die Unterzeichner empören sich darüber, dass Mannke dazu beitrage "das Bild eines intoleranten und rassistischen Sachsen-Anhalts zu vermitteln." Weiter heißt es: "Wir alle empfanden die gleiche Bestürzung über Ihre Argumentationen und Begrifflichkeiten, die wir sonst nur von den wöchentlichen Aufmärschen der *Gidas in Dresden, Leipzig oder Erfurt kennen."

Die Unterzeichner des Briefes fordern jetzt von ihrem ehemaligen Lehrer, endlich auf Basis von Fakten statt von dumpfen Vorurteilen zu diskutieren. Der Brief sei als Gesprächsangebot zu verstehen. "Uns würde es sehr viel bedeuten, von ihm eine Antwort zu bekommen", sagt Jaros.

Mannke hat sich entschuldigt

Sowohl Jürgen Mannke als auch Iris Seltmann-Kuke haben sich inzwischen entschuldigt. Mannke erklärte, er habe "niemals die Absicht gehabt habe, Menschen anderer Religionen, Nationen und Kulturen zu diffamieren, Angst zu schüren, nationalistische Klischees zu bedienen oder zu pauschalisieren." Die beiden distanzierten sich auch von der Instrumentalisierung ihres Artikels durch Ausländerfeinde.

Auch der Philologenverband hatte sich zuvor von dem Artikel distanziert.

Was sind die Konsequenzen?

Fast keine.

Kultus-Staatssekretär Jan Hofmann bestellte die beiden Autoren zu einem Gespräch ein. Anschließend verkündete er man wolle „von weiteren Schritten absehen“. Allerdings sollen Mannke und Seltmann-Kuke Weiterbildungskurse zu interkultureller Bildung belegen, berichtet die Mitteldeutsche Zeitung.

Hier ist der ganze offene Brief

Als ehemalige Schülerinnen und Schüler von Dr. Jürgen Mannke am Domgymnasium Merseburg sind wir enttäuscht und traurig....

Posted by Sebastian Striegel on Tuesday, November 10, 2015