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Außenseiter, Spitzenreiter: Jeremy Corbyn ist der wohl umstrittenste Labour-Chef seit Langem. Noch vor wenigen Monaten wollten ihn die Abgeordneten der eigenen Partei einfach nur loswerden. Doch der Sozialdemokrat hat aufgeholt, inzwischen ist er Premierministerin Theresa May von den konservativen Tories dicht auf den Fersen. (SPIEGEL ONLINE)

Vor allem junge Leute mögen den Linken: 

Doch was macht den Herausforderer so beliebt? Und wer ist Jeremy Corbyn eigentlich?

Wir haben 11 Fakten über den Chef der britischen Labour-Partei gesammelt, die du vielleicht noch nicht kanntest.

1. Die eigenen Abgeordneten wollten ihn loswerden.

Jeremy Corbyn sitzt seit 1983 für seinen Wahlkreis Islington North im britischen Parlament. Dort galt er von Anfang an als Rebell – als einer, der anders denkt, anderer Meinung ist, Positionen vertritt, die auch innerhalb seiner Partei umstritten sind. Er war schon immer links, sehr weit links. Mehr als 500 Mal stimmte er gegen die Labour-Linie – und wurde deshalb sogar fast aus der Partei geworfen. (Guardian, Financial Times)

Nach dem Rücktritt von Ed Miliband wurde er 2015 dann zum Chef der Labour-Partei gewählt – obwohl er den Job eigentlich gar nicht so richtig wollte (BBC). Doch die Diskussionen hörten nicht auf: Im Juni 2016 verlor Corbyn ein Misstrauensvotum seiner Fraktion. Der Vorwurf: Führungsschwäche und ein zu halbherziges Eintreten für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Corbyn trat trotzdem nicht zurück. (BBCTagesschau)

Auch im aktuellen Wahlkampf standen nicht alle Labour-Mitglieder hinter ihm. Noch vor wenigen Wochen sagte einer zur "Financial Times":

„Er ist ein unwählbarer, inkompetenter Extremist.“
2. Er wohnt in einem Reihenhaus und arbeitet gerne im Garten.

Corbyn lebt, was seine Politik verspricht: Er wohnt in einem schmalen Reihenhaus in seinem Wahlkreis Islington North in London, einem ehemaligen Armenviertel. Außerdem hat er einen Schrebergarten, in dem er sein eigenes Gemüse anbaut – und kocht gerne Marmelade aus eigenem Obst. (Mirror, BBCSPIEGEL ONLINE)

Corbyns Haus ist das mit Holzzaun(Bild: Kevin Hagen)
3. Er ist Vegetarier und trinkt nur wenig Alkohol.

Schon als junger Erwachsener beschloss Corbyn, kein Fleisch mehr zu essen. Der Grund: Mit 20 arbeitete er eine Zeit lang auf einer Schweinefarm – und die Tiere taten ihm leid. Außerdem trinkt er nur selten Alkohol. (Indy100, BBC)

4. Er ist kein Fan der Queen.

Jeremy Corbyn ist Republikaner, von der britischen Monarchie hält er nicht viel. Eigentlich will er sie sogar abschaffen. In der TV-Debatte kurz vor der Wahl sagte er aber, das stehe nicht auf seiner Agenda als Premierminister. (The TelegraphIndependent

5. Er will raus aus der NATO, mehr Pazifismus und weniger Sparpolitik.

Corbyn bezeichnet sich selbst als "typischen 80er-Jahre-Sozialisten". Das heißt: Er will, dass Großbritannien die NATO verlässt und ist gegen Kriegseinsätze wie im Irak oder in Afghanistan. Außerdem will er die britische Atom-U-Boot-Flotte verkleinern oder auflösen.

Die Sparpolitik der letzten zwanzig Jahre lehnt er klar ab. Stattdessen will der die Grundversorgung verstaatlichen und Studiengebühren abschaffen. (Guardian)

6. Sein Studium hat er abgebrochen.

Nach der Schule absolvierte Corbyn einen Freiwilligendienst in Jamaika und lebte zwei Jahre dort. Zurück in Großbritannien engagierte er sich in Gewerkschaften – und begann sogar ein Studium in Trade Union Studies (auf Deutsch: Gewerkschaftsstudien) an der North London Polytechnic (heute London Metropolitan University). Das brach er aber ab – angeblich weil er sich mit seinen Lehrern über den Lehrplan gestritten hatte. (BBC)

7. Unter ihm traten Hunderttausende der Labour-Partei bei.

Obwohl er in den Medien und im Parteien-Establishment lange Zeit umstritten war, hat Corbyn auch zahlreiche Anhänger: Schon als er 2015 für das Amt des Parteichefs zur Wahl stand, traten zehntausende Gewerkschafter und linke Aktivisten in die eigentlich verhasste Partei ein, um ihn zu unterstützen. Nachdem er 2016 durch ein Misstrauensvotum gestürzt werden sollte, folgten noch einmal mehr als 100.000 Neumitglieder. (Guardian)

Insgesamt hat sich die Mitgliederzahl der Partei verdoppelt, seit Corbyn ihr Chef ist – zu einer halben Million. Unter den Neumitgliedern sind auch viele junge Menschen. Inzwischen ist Labour die größte Partei Europas. (Financial Times)

8. Er besitzt kein Auto und fährt lieber Fahrrad – oder Zug.

Laut BBC sagte Jeremy Corbyn einmal: "Ich gebe nicht viel Geld aus, ich führe ein sehr normales Leben, ich fahre Fahrrad und ich habe kein Auto." Auch wenn er auf dem Weg zu Wahlkampfveranstaltungen ist, nimmt er in der Regel das Fahrrad.

Oder den Zug: Im vergangenen Sommer machte Corbyn Schlagzeilen, weil er sich bei einer Zugfahrt von London nach Newcastle auf den Boden setzte – angeblich weil keine Sitzplätze mehr frei waren. Unter dem Hashtag #traingate diskutierte ganz Großbritannien tagelang darüber. (Guardian)

9. Auch im Parlament gibt er wenig Geld aus.

2009 wurde Großbritannien von einer Spesen-Affäre erschüttert: Der "Daily Telegraph" deckte auf, dass zahlreiche Parlamentsabgeordnete Geld bekommen hatten, das ihnen eigentlich nicht zustand; mehrere mussten ihre Ämter niederlegen (SPIEGEL ONLINE). 

Infolge des Skandals wurde ein neues System eingeführt: Jetzt überwacht und veröffentlicht die Independent Parliamentary Standards Authority (IPSA) die Spesen der Abgeordneten. Als die erste Liste im Dezember 2010 veröffentlicht wurde, stand Jeremy Corbyn auf dem letzten Platz: Er hatte nur 8.70 Pfund geltend gemacht. Allerdings gab es damals auch Abgeordnete, die gar keine Spesen bekommen hatten. (BBC)

Corbyn fährt auch mit dem Fahrrad zu Wahlkampfveranstaltungen.(Bild: Reuters/Peter Nicholls)
10. Beim Brexit-Referendum war er unentschlossen.

Nachdem am 23. Juni 2016 eine Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hatte, wurde Jeremy Corbyn vorgeworfen, nicht überzeugend genug für den Verbleib in der EU geworben zu haben. Zwar stand Corbyn – wie die Labour-Partei insgesamt – auf der Remain-Seite, ein EU-Enthusiast ist er aber nicht: 

  • 1975 hatten die Briten schon einmal ein Referendum abgehalten, und zwar über den Verbleib in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der Vorgängerorganisation der EU. Corbyn stimmte für den Austritt.
  • 1993 sprach er sich gegen den Vertrag von Maastricht aus.
  • 2008 stimmte er gegen den Vertrag von Lissabon

Immer wieder kritisierte er die EU, sprach von "Mängeln", von einem "demokratischen Defizit". 

Im September 2015 schrieb er in der "Financial Times": "Labour ist dafür, dass wir in der EU bleiben sollten. Aber wir wollen auch Reformen sehen." Er will ein Europa, das mehr auf sozialer Gerechtigkeit und nicht ausschließlich auf freier Marktwirtschaft basiert. (BBC, Telegraph)

Einen Versuch, die Brexit-Entscheidung umzukehren, würde es unter einem Premierminister Corbyn wohl nicht geben.

11. Seine Aussagen zu Hamas und IRA brachten ihm den Vorwurf ein, Terroristen zu unterstützen.

Jeremy Corbyn wird immer wieder vorgeworfen, zu enge Beziehungen zu Extremisten und terroristischen Gruppen zu unterhalten. Die Palästinenser-Organisation Hamas zum Beispiel bezeichnete er einst als "Freunde". 2009 sagte er, sie sollte von der Liste der in Großbritannien verbotenen Terrorgruppen entfernt werden. (SPIEGEL ONLINEThe Telegraph)

Außerdem war er immer wieder in Kontakt mit Vertretern der IRA, der Irish Republican Army, die in Großbritannien jahrzehntelang Anschläge verübte. Er unterstützt die Idee, dass Nordirland das Vereinigte Königreich verlässt und Teil der Republik Irland wird. (The Telegraph)

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Gerechtigkeit

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