Nach Craig David und kurz vor Katy Perry und The National stellte sich Labour-Chef Jeremy Corbyn am Samstag auf die Hauptbühne des Glastonbury-Festivals und hielt eine Rede. Ein kurzer Impuls, nicht mal zehn Minuten lang, so wie es auf dem Line-up gestanden hatte. Corbyn war kein Überraschungsgast, sondern von Anfang an eingeplant.

Der britische Politiker sprach von Gerechtigkeit, beschwor eine "andere Welt" und sandte eine Message an US-Präsident Donald Trump: "Baue Brücken, keine Mauern!" Vor ihm im Publikum jubelten Zehntausende Menschen, sie schwenkten Fahnen und Plakate. "JC Hope" stand darauf, und "In Jeremy we trust". Einige trugen Corybn-Fanshirts. 

Hätte sich der 68-Jährige noch eine abgewetzte Lederjacke übergeworfen und eine E-Gitarre umgehängt, er wäre locker als etwas in die Jahre gekommener Rockstar durchgegangen.

Sollte ein Politiker wirklich bei einem Musikfestival auftreten und die Feiernden mit politischen Parolen langweilen? Geht das nicht zu weit?
(Bild: Imago/Jason Bryant)
Im Gegenteil: Wir brauchen mehr Auftritte wie den von Jeremy Corbyn beim Glastonbury.

Politik braucht Emotionen, das schreibt auch die Philosophin Martha Nussbaum in ihrem Buch "Political Emotions: Why Love Matters for Justice". Neben Vernunft und Verstand seien Gefühle wichtig, um politische Prinzipien zu untermauern.

Rechtspopulisten in ganz Europa wissen das, von der AfD bis zu Marine Le Pen setzen alle auf Gefühle – mit Erfolg. Jetzt müssen auch demokratische, liberale Parteien wieder lernen, Emotionen zu wecken, und zwar positive. Toleranz, Empathie, Hoffnung auf eine bessere Zukunft – auch damit kann man Leute begeistern und der Angst etwas entgegensetzen.

Wer in Jeans und offenem Hemd auf einer Festivalbühne steht und seinen Lieblingsdichter zitiert, emotionalisiert nun mal mehr als ein Mensch im Anzug vor Partei-Bannern. Wer Sätze sagt wie "Jeder, den wir treffen, ist einzigartig. Seht sie als eine Quelle des Wissens, der Freundschaft und der Inspiration", erreicht uns eher als jemand, der mit "Sie kennen mich" wirbt. (SPIEGEL ONLINE)

(Bild: Imago/I Images)

Corbyns Auftritt war keine politische Detailarbeit, er wird die Probleme seines Landes damit nicht lösen, es nicht gerechter oder toleranter machen. Emotionale Reden reichen nicht. Aber sie helfen. Wenn Jeremy Corbyn während des Wahlkampfs auf dem Podium stand, sangen seine Fans "Oh, Jeremy Corbyn" zur Melodie von "Seven Nations Army". Er hat der britischen Jugend wieder Hoffnung gegeben – und sie zum Wählen bewegt.

Klar, Menschen, die ein Festival wie das Glastonbury besuchen, wollen in erster Linie Musik hören, feiern, abschalten. In den Köpfen ist neben Bier und Knutschen eigentlich wenig Platz für Politik. Und schließlich kann man ja mal ein paar Tage lang verschont bleiben von Wahlkampf-Parolen und Meinungsbildung, oder? 

Ich glaube: Wir brauchen keine Trennung von Politik und Privatleben.

Denn wie erreicht man die Menschen, die sich nicht aufmachen zu einem Parteitag oder einer Wahlkampf-Veranstaltung? Genau, indem man dorthin geht, wo sie sowieso sind. Manchmal müssen wir uns eben stören lassen.

Ja, man kann den Typ, der da vorne steht, schlecht finden. Auch Jeremy Corbyn ist bei Weitem nicht perfekt, nicht alle jungen Briten sind restlos von ihm und seiner Politik überzeugt. Aber auch das kann man bei einem solchen Auftritt zeigen, man kann Plakate hochhalten, auf denen Kritisches steht. Man muss nicht jubeln.

Das Ziel wäre, dass alle Parteien zu solchen Auftritten bereit sind, dass sie zu den Menschen kommen und nicht darauf vertrauen, dass die Menschen zu ihnen kommen. Klar, eine große Rockbühne passt nicht zu jedem Politiker – aber jeder Politiker sollte ein bisschen mehr so werden, dass es zu ihm passt.


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