Zehntausende unterstützen sie schon jetzt

Jens Spahn will für fünf Millionen Euro herausfinden lassen, welche "seelischen Folgen" Schwangerschaftsabbrüche für die betroffenen Frauen haben (SPIEGEL ONLINE). Der teure Plan des CDU-Gesundheitsministers sorgt seit Tagen für viel Kritik. Viele der Skeptiker vermuten, Spahn werde die Studie nutzen, um hinterher Abtreibungen als Ursache von psychischen Problemen darstellen zu können. 

Auch Nike van Dinther, eine der bekanntesten Modebloggerinnen Deutschlands, hält nichts von Spahns Vorhaben. Vor zwei Jahren berichtete sie öffentlich über ihren eigenen Schwangerschaftsabbruch. 

Jetzt will sie Mitstreiter und Mitstreiterinnen gewinnen, um die Studie zu verhindern. Der Hashtag dazu: #WasFürnSpahn

Für Nike van Dinther ist die geplante Studie "frauenfeindlich und überflüssig"

Fünf Millionen für Hilfe statt Hass.

Das sehen offensichtlich auch viele andere Menschen so. Nachdem die Petition auf der Plattform change.org veröffentlicht wurde (hier kann sie unterzeichnet werden), unterschrieben sie innerhalb eines Tages bereits mehr als 10.000 Menschen.

Einen weiteren Tag später hat die Petition mehr als 25.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner.

Der Text zur Petition begründet ausführlich, weshalb van Dinther und ihre Unterstützer die konservative Gesundheitspolitik Spahns ablehnt. 

Die Bloggerin verweist auf Jens Spahns Sprüche zur Pille danach (so betonte er, diese Pille sei "keine Smarties", als würden Frauen sie wie Süßigkeiten einwerfen (bento)) und bestehende Studien zu den Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen:

"Die Ergebnisse passen jedoch nicht in Spahns Konzept: Nein, es sind tatsächlich nicht die Abbrüche selbst, die psychische Erkrankungen wahrscheinlicher machen, sondern die Umstände. 

Das Risiko von Depressionen während und nach einer Schwangerschaft steigt bei einer ungewollten Schwangerschaft stark an. Frauen leiden demzufolge mitnichten unter dem Menschenrecht, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, sondern unter der immer noch herrschenden gesellschaftlichen Stigmatisierung, die durch hanebüchene Vorhaben wie jene des Jens Spahns weiterhin befeuert wird."

Ganz am Ende des Textes steht, was sich die Unterzeichnerinnen stattdessen vom Gesundheitsminister wünschen würden: 

Investieren sie das Geld dort, wo es wirklich gebraucht wird.

"Für die Ausbildung von FrauenärztInnen, für Hebammen, Pflegekräfte und Geburtshilfe, für Opfer von sexueller Gewalt und Missbrauch, für den niederschwelligen Zugang zu Informationen, Beratungsstellen und (ärztlicher) Hilfe für Frauen in Konfliktsituationen oder für den Kampf gegen Kinderarmut, für die Unterstützung von Alleinerziehenden, für die psychologische Betreuung von ungewollten Kindern und Müttern, die niemals welche werden wollten, für mehr Aufklärung oder die Pille für den Mann?!" 

Bislang hat Jens Spahn nicht auf die Petition reagiert.


Gerechtigkeit

Fünf Medizin-Probleme von Frauen, für die Jens Spahn wirklich mal fünf Millionen Euro locker machen sollte
Damit Forschung macht, was sie kann: Leben retten!

Für fünf Millionen Euro will Gesundheitsminister Jens Spahn die seelischen Langzeitfolgen von Abtreibungen untersuchen lassen. Klingt erstmal gut: Über 100.000 Frauen treiben in Deutschland jährlich ab, die meisten davon zwischen 18 und 34. Was macht das eigentlich mit denen? Sind sie traumatisiert oder nur traurig? Bereuen sie das?

Weil diese Fragen naheliegend sind, haben sich das schon jede Menge Forscherinnen und Forscher gefragt und die Antworten veröffentlicht.

Also, Herr Spahn. Nette Idee, diese Studie – aber unnötig

Die gute Nachricht: Die fünf Millionen kann die medizinische Forschung trotzdem sehr gut gebrauchen. Gerade im Bereich Frauenmedizin besteht nämlich Handlungsbedarf.

Daher kann es auch nur ein Versehen sein, dass für ein längst erforschtes Thema mal eben 5 Millionen Euro da sind, für den gesamten Bereich der Gendermedizin vom Gesundheitsministerium in den nächsten Jahren, laut einer Ausschreibung vom Dezember, aber nur 3,5 Millionen Euro vorgesehen sind. (BMG) Gendermedizin erforscht geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Behandlung von Krankheiten.

Das Geld sollen sich dann mindestens drei Forschungsprojekte teilen. 

Herr Spahn, was ist da los?

Hier sind stattdessen fünf gute Ideen, um mit Ihren fünf Millionen ein paar Frauenleben zu retten – und ein paar andere weniger schmerzhaft zu machen.

Würde in diesen Bereichen heute geforscht, könnten junge Frauen davon später profitieren.

1 Langzeitfolgen von Stress: Das Broken-Heart-Syndrom

Frauen haben wesentlich häufiger Herzerkrankungen durch Stress. Dazu zählt auch das sogenannte Broken Heart Syndrom. Die Symptome gleichen einem Herzinfarkt: Brustschmerzen und Luftnot. (Wikipedia). Die Ursachen sind sehr schlecht erforscht. (Ärzte Zeitung) Es scheint nach besonders belastenden Situationen aufzutreten – dem Tod eines Angehörigen, einem heftigen Streit. Aber warum?

2 Langzeitfolgen von falsch dosierten Medikamenten 

An Medikamentenstudien nehmen hauptsächlich Männer teil. Das könnte auch daran liegen, dass zum Beispiel schwangere Frauen zu ihrem eigenen Schutz ausgeschlossen werden. Es führt aber dazu, dass die Dosierungen auf der Packungsbeilage im Schnitt auf einen 75 Kilo schweren Dude ohne Östrogen abgestimmt sind. Ob Frauen eine andere Dosis brauchen, wird oft gar nicht erforscht(NCBI) Das muss kein Grund sein, grundsätzlich der Packungsbeilage zu misstrauen. Aber ein strukturelles Problem ist es trotzdem. 

3 Schwangere mit Bluthochdruck – also etwa jede zehnte

Klingt wie eine Lappalie und ist sehr häufig: Etwa 8-10 Prozent der Schwangeren haben einen zu hohen Blutdruck. Das schätzen Experten, denn Forschung oder eine Kartei gibt es in Deutschland nicht. Daher weiß auch niemand, wie viele dieser Frauen Jahre später eine ernstzunehmende Herzerkrankung wie Arteriosklerose entwickeln. Und auch nicht, wie viele und welche Medikamente gegeben werden müssen. (Ärzte Zeitung)

4 "Gender Bias" von Ärtzinnen und Apothekern

Neben den biologischen Unterschieden bei Medikamententherapie gibt es vermutlich auch unterschiedliches Verhalten von Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker gegenüber männlichen und weiblichen Patienten (New York Times). Offenbar bekommen Patienten beispielsweise eher teure, neue Medikamente verschrieben. Einen "gender bias" vermutet auch der Verband der Ersatzkassen in Deutschland und hat zum Tag der Frauengesundheit gefordert, das näher zu erforschen. (VDEK)

5 Menstruationsbeschwerden

Ja, auch im Bereich PMS und Menstruation gibt es Forschungsbedarf. Denn man kann ja schon mal nachforschen, wenn ein signifikanter Teil der Bevölkerung sich die Frage stellen muss, ob es einen Zusammenhang zwischen Zyklus und Depression gibt (Guardian) oder ob Stimmungsschwankungen doch nicht zu den PMS-Symptomen zählen, wie es eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2012 (SPON) gezeigt haben will.

Also Kudos, Herr Spahn: Es ist eine super Idee, Geld für die Erforschung von Frauengesundheit zur Verfügung zu stellen. Das nächste Mal sollten bei der Themenauswahl vielleicht Expertinnen mitreden, dann erfüllt die medizinische Forschung auch ihren Zweck: Leben retten.