Bild: die tafel / Dagmar Schwelle
Kathrin Hartmann beschäftigt sich mit Ungleichheit – und hat die Antwort

Jana lebt in Hamburg, studiert – und hat kaum Geld zum Leben. Ein Spaziergang durch die Innenstadt, ein Gespräch mit Freunden, die Erinnerung an ihre Kindheit: All das macht ihr immer wieder klar, was sie nicht hat. In diesem Text  erzählt sie, was es bedeutet, ständig verzichten zu müssen. Ihre Geschichte zeigt: Armut hat viele Gesichter und lässt sich nicht in Cent berechnen. 

Doch wie viel Armut gibt es bei uns überhaupt? Und was hat Armut für Folgen?

Das haben wir die Journalistin Kathrin Hartmann gefragt, die sich seit Langem mit diesen Fragen beschäftigt und mehrere Bücher darüber geschrieben hat. 

(Bild: Stephanie Füssenich)

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, trotzdem sind hier viele arm. Was machen wir falsch?

Die verfestigte Armut in Deutschland ist kein Zufall, sondern politisch erwünscht. Mit der Agenda 2010 wurde ganz bewusst ein Niedriglohnsektor geschaffen, auf den man stolz war, weil er der deutschen Wirtschaft einen Wettbewerbsvorteil verschaffte. Dadurch verschärfte sich aber die soziale Spaltung. 

Kathrin Hartmann

  • Studierte in Frankfurt Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. 
  • Nach einem Volontariat bei der "Frankfurter Rundschau" war sie dort Redakteurin. 
  • Von 2006 bis 2009 schrieb sie für die "Neon", 2012 veröffentlichte sie das Buch "Wir müssen leider draußen bleiben" über neue Armut in Deutschland. 
  • Ihr jüngstes Buch "Die grüne Lüge" erschien kürzlich.

Wie kommst du zu dieser Einschätzung?

Die niedrigen Löhne in Deutschland halten die Produktionskosten und Preise gering, das verschafft Deutschland den Exportvorteil, den andere europäische Länder kritisieren. Aus diesem Grund hielt die alte und hält die neue Regierung an Hartz IV fest. Denn Hartz IV und die Verarmung, die dadurch entsteht, setzt die Menschen so sehr unter Druck, dass sie miserabel bezahlte Arbeit annehmen. 

Was hat das für Folgen?

Heute sind 16,5 Millionen Menschen bei uns arm oder von Armut bedroht. Auf der anderen Seite steigt der Reichtum bei einigen wenigen. Die 45 reichsten Deutschen besitzen laut einer Studie derzeit so viel wie die ärmere Hälfte der Gesellschaft. (Spiegel Online)

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Heute gibt es selbst Akademiker, die an der Uni arbeiten und dennoch prekär leben.
Kathrin Hartmann

In deinen Büchern schreibst du, der Erfolg der Tafeln sei eine direkte Folge der Agenda 2010. Was meinst du damit?

Als es vor 25 Jahren die ersten Tafeln gab, waren das noch ganz andere Einrichtungen. Damals waren sie eine Nothilfe für Menschen, die aus allen sozialen Netzen gefallen waren. Durch die Agenda und ihre Folgen ist die Zahl der Tafeln regelrecht explodiert – sie wurden quasi zu einem Ersatz für den Sozialstaat. Allerdings zu einem schlechten.

Was ist die Agenda 2010?

Unter dem Stichwort Agenda 2010 wurden seit 2003 mehrere Reformen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik beschlossen. Die bekannteste davon war Hartz IV. Kritiker nennen die Agenda-Politik unsozial und verweisen auf die gestiegene Zahl von schlecht bezahlten Jobs. Befürworter loben dagegen, dass seit der Einführung der Agenda die Arbeitslosigkeit gesunken und die Wirtschaft heute stärker sei.

Wieso?

Ich finde, die Tafeln vermitteln ein falsches Bild von Armut, weil sie diese als bedauernswertes Schicksal darstellen. Die Wahrheit ist aber, dass ein sehr großer Teil der armen Menschen, der dort Essen holt, nicht arbeits- oder obdachlos ist, sondern von seiner Arbeit oder Rente nicht mehr leben kann. Viele Menschen stehen heute unter Druck und haben Angst. Wir tun oft alles, um nicht den Job zu verlieren.  

Dieser Umstand zieht sich übrigens durch fast alle Schichten. Sogar als Akademiker, der an der Uni arbeitet, lebt man heute oft prekär. 

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Zu den Tafeln haben nur 1,5 Millionen Menschen Zugang, das sind nur rund zehn Prozent der Armen.
Kathrin Hartmann

Was für Folgen hat das für unsere Gesellschaft?

Wenn man von seiner Arbeit nicht mehr leben kann, läuft etwas grundlegend schief. Und das betrifft Millionen Menschen in Deutschland. Immer mehr Menschen sind von Hilfe abhängig, gleichzeitig zieht sich der Sozialstaat zurück. Das führt dazu, dass Hilfe für Bedürftige zu Charity wird, die Einzelnen freiwillig gewährt wird, auf die man aber keinen rechtlichen Anspruch hat. Zu den Tafeln haben beispielsweise nur 1,5 Millionen Menschen Zugang, das sind nur rund zehn Prozent der Armen.

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Es wird ein Mangel inszeniert, denn es de facto in einem reichen Land wie Deutschland gar nicht gibt.
Kathrin Hartmann

Du meinst, der Staat stiehlt sich zunehmend aus der Verantwortung – und lässt die Bürger machen?

Ja. Die freiwillige Hilfe wird dann romantisch verklärt, aber am Ende ist sie nichts anderes als das Almosenprinzip des 19. Jahrhunderts. Es wird ein Mangel inszeniert, den es de facto in einem reichen Land wie Deutschland gar nicht gibt – denn es gibt den Überfluss auf der einen und Armut auf der anderen Seite. So werden Arme in einen Verteilungskampf um die Reste geschickt und gegeneinander ausgespielt. Wozu das führt, haben wir ja kürzlich in Essen gesehen. (bento)

Ist freiwillige Hilfe nicht besser, als gar nichts zu haben?

Es wäre beschämend, wenn das unser einziger Anspruch wäre. Wir sind ein reiches Land. Selbstverständlich ist es gut, wenn Menschen anderen helfen wollen. Aber ich habe bei Recherchen vor Ort beobachten können, dass dabei oft erneut Ungleichheit entsteht. 

Denn auf der einen Seite gibt es die, die bitten müssen und auf der anderen Seite stehen diejenigen, die verteilen. Das ist ein Machtkonstrukt. Es ist eben nicht jeder willkommen, und wer sich nicht fügt, kann gesperrt werden oder rausfliegen. Die Währung bei den Tafeln ist nicht Geld, sondern Dankbarkeit. Darum geht es sehr viel. Man darf keine Ansprüche stellen und wird als armer Mensch noch ein zweites Mal hilflos gemacht. 

Die Menschen ziehen Kopftücher auf und verheimlichen es vor der eigenen Familie, wenn sie da hingehen.
Kathrin Hartmann
Was macht das mit den Menschen, die diese Hilfe benötigen?

Organisationen wie die Tafeln sind sehr stolz auf ihre Arbeit und präsentiert sie gerne. Aber viele Betroffene schämen sich. Den Besuchern ist völlig klar: Wir sind jetzt Bürger zweiter Klasse. Niemand will da stehen. Die Menschen ziehen Kopftücher auf und verheimlichen es vor der eigenen Familie, wenn sie da hingehen. 

Unternehmen wie Lidl werben mittlerweile mit ihrer Unterstützung für sozial Schwache. Woher kommt das?

Diese Hilfe ist alles andere als uneigennützig. Im Gegenteil: Dank der Tafeln können die Supermärkte jeden Tag ihre Regale vollmachen, obwohl klar ist, dass vieles davon nicht gekauft wird. Das Prinzip lautet Überangebot, jeden Tag. Einfach, weil sich das lohnt. Der Rest wird als Wohlstandsmüll an die Ärmsten verteilt und am Ende feiert man sich für seine Hilfe. Die Tafeln helfen dabei, ohne etwas an der Situation der Betroffenen zu ändern. 

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Wir sollten aufhören, Armut als Schicksal zu verstehen.
Kathrin Hartmann

Was heißt das?

Die Tafel hat viele Partner. Das Familienministerium trägt die Schirmherrschaft, die Unternehmensberatung McKinsey hat einen Leitfaden erstellt, die Bertelsmann-Stiftung lobt die Tafeln ebenso wie die Arbeitgeber-Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft". Die letzten beiden haben davor übrigens maßgeblich die Agenda 2010 unterstützt, also mit dafür gesorgt, dass es überhaupt erst diese Probleme gibt. 

Was müsste passieren, um Armut in Deutschland wirklich zu bekämpfen?

Wir sollten aufhören, Armut als Schicksal zu verstehen und solidarischer sein. Wenn wir wollen, dass Einrichtungen wie die die Tafeln überflüssig werden, müssen wir politisch kämpfen. Es gibt viele Themen, die damit zusammenhängen: gerechte Löhne, eine faire Erbschafts- und Reichensteuer, klare Regeln für Konzerne. Von diesen Dingen profitieren wir nämlich alle. 


Fühlen

Was bedeutet es, kaum Geld zum Leben zu haben? Jana weiß es
Nach Abzug aller Kosten hat sie noch 130 Euro pro Monat.

Die Läden in Hamburgs Fußgängerzone sind voll. Überall Kauflustige, überall Angebote. Aus den Schaufenstern brüllt es: "Sale!" 

Jana fühlt sich in diesem Teil der Stadt fremd. Hier spürt sie ganz besonders: Sie hat kaum Geld. Und das Zentrum dieser Stadt ist für Menschen gemacht, die konsumieren können und wollen. Nicht für sie.