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"Mein Vater ist ein gewalttätiger Mensch."

Der Mann, der Deutschland retten will, empfängt mittags in seiner Stammkneipe. Ein Traditionslokal im Osten von Dresden, die Bänke mit rotem Leder bezogen, die hohen Wände dunkel getäfelt. Gerahmte Bilder hängen da, Grüße von Vereinen, zum Teil in Schwarz-Weiß. Jens Maier bestellt eine Spezi und ein Braumeisterschnitzel, das anderswo Cordon bleu heißt.

"Hier kennt man mich seit Jahren", sagt Maier, graues Haar, hohe Stirn, ein kleiner Mann in einer grünen Strickjacke. Bei Restaurants in der City wisse man nicht, wen man treffe. "Es ist ja so, dass manche Leute auch sehr aggressiv auf mich reagieren." Erst jüngst habe er wieder eine Morddrohung erhalten.

Jens Maier ist jetzt wer. Unter allen AfD-Politikern im Bundestag ist der 56-Jährige vielleicht der radikalste. 

Der Richter a.D. will Schluss machen mit dem deutschen "Schuldkult" um den Holocaust, warnt vor der "Herstellung von Mischvölkern". Er hat das in einer öffentlichen Rede gesagt, es gab Beifall. Der grüne Ex-Außenminister Joschka Fischer nannte ihn einen Nazi.

AfD-Politiker Jens Maier(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Im Januar gab es einen Eintrag auf Maiers Twitter-Account. Dort wurde Noah Becker, der Sohn der Tennislegende Boris Becker, "kleiner Halbneger" genannt. Bis heute sagt der AfD-Mann, er habe das nicht geschrieben, ein Mitarbeiter habe ohne Absprache getwittert. Trotzdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Politiker wegen des Verdachts auf Beleidigung. Die Partei mahnte ihn ab.

Jens Maier, ein Bremer, der kurz nach der Wende nach Dresden zog, ist kein Außenseiter in seiner Partei. Bei der Wahl verpasste der prominente Vertreter des Rechtsaußen-Flügels nur knapp ein Direktmandat. Im Bundestag gehört er dem Rechtsausschuss und dem Innenausschuss an.

Vor dem Schnitzel in der Kneipe spricht er leise, freundlich, er lacht viel. Der Becker-Tweet? Maier winkt ab. 

"Für die Familie Becker ist diese Geschichte mit einem erheblichen Imagegewinn verbunden." Boris Becker sei "plötzlich Menschenrechtler", könne "ablenken von der eigenen Schulden-Misere".

Der Tweet sei zwar ein Missgeschick. Aber: 

In dem Begriff Neger sehe ich nichts Beleidigendes.
Jens Maier

Das Wort "Negro" bedeute schlicht "schwarz". Es komme auf den Kontext an. Er sei kein Rassist.

Maier erzählt eine Anekdote aus der Schulzeit, über zwei Jungs, die einen schwarzen Vater hatten. In einer Western-AG habe man Cowboy und Indianer gespielt. Da habe ein Schulkamerad gesagt: "Prima, da haben wir ja auch zwei Sklaven." Sogar die beiden Brüder hätten das lustig gefunden.

Sätze, die AfD-Politiker wirklich gesagt haben:

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Meint Maier all das ernst? Kokettiert er? Oder offenbaren sich hier Grundzüge seines Charakters? Wer wissen will, was Maiers Welt- und Menschenbild ausmacht, erfährt viel, wenn er sich in dessen Familie umhört.

Maier lebt seit 2016 von seiner Frau getrennt, das frühere Paar hat einen Sohn und eine Tochter. 

Zum ersten Mal spricht jetzt der 20-jährige Sohn Maximilian offen über seinen Vater.

Maximilian Maier sagt, er habe jahrelang unter dem Vater gelitten. Unter seiner Härte – und seinen politischen Eskapaden.

Der Sohn wirft dem AfD-Mann sogar häusliche Gewalt vor. 

Mein Vater ist ein gewalttätiger Mensch, aufbrausend, cholerisch.
Maximilian Maier

Mehrfach, so der Student, habe er als Kind Ohrfeigen bekommen. Jens Maier teilt dazu mit: "Das ist so, wie es hier dargestellt wird, unwahr."

Der Sohn sagt, als er sechs, sieben Jahre alt war, habe sein Vater ihn mit einem Schuh vertrimmt. "Danach hatte ich am Rücken blaue Flecke und konnte mich nicht mehr richtig bewegen." Und nicht nur er habe in der Familie körperliche Gewalt durch den Vater erfahren. Weitere Opfer will der Sohn allerdings öffentlich nicht nennen. Jens Maier bestreitet auch diese Gewaltvorwürfe.

Sohn Maximilian(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Fast noch schmerzhafter als die Schläge sei der psychische Druck gewesen. "Er hat rumgeschrien, hat mir Angst gemacht. Ich wäre ein Loser, ich wäre zu fett." Der Vater sagt: "Sein Gewicht war eine Zeitlang ein Problem. Dazu habe ich mich deutlich geäußert." Psychischen Druck auf den Sohn habe nicht er ausgeübt, sondern seine Frau. Mit ihr habe er "Streitereien" gehabt.

Jens Maier sagt, er habe seine Kinder "vor allem christlich erzogen". Man sei regelmäßig in die Kirche gegangen. "Und Zusammenhalt war wichtig in der Familie, das habe ich meinen beiden Kindern beigebracht."

In den Angriffen sieht Jens Maier die Eskalation eines Rosenkriegs. "Meine Frau kann nicht damit fertig werden, dass ich jetzt mit einer anderen Frau zusammenlebe." Es gehe ihr offenbar um Rache. Der Sohn sei finanziell von ihr abhängig. "Aus ihm spricht seine Mutter." Maiers Noch-Ehefrau will sich nicht öffentlich über ihren Mann äußern.

Ein Teil der Familie hat mit dem Vater gebrochen. Maximilian Maier erzählt, er habe schon häufig Pegida-Gegendemos in Dresden besucht, vor der Bundestagswahl alle zwei Wochen. 

"Mein Vater stand auf der anderen Seite und trat als Redner auf." Plötzlich habe es dann geheißen: "Wir begrüßen unseren Freund Jens Maier."

Fassungslos sei er da gewesen, sagt der Sohn. "Dieses Schieben nach rechts, dieses Hoffähigmachen von Diffamierung, von Ausländerhass. Und er ist an vorderster Front dabei." Um seinen Vater zu provozieren, habe er später bei einem der seltenen privaten Treffen ein "Fuck-AfD-Shirt" getragen. "In einem Deutschland, das mein Vater sich vorstellt, möchte ich nicht leben."

Der Sohn erzählt, der Vater habe schon vor geraumer Zeit im Familien- und Freundeskreis provokante Positionen geäußert. Sein Weltbild habe sich in den vergangenen Jahren nicht verändert, er mache es inzwischen eben nur öffentlich: 

"Das ging schon immer so in AfD-Richtung. Die Italiener seien faul. Mit den Ausländern käme das Unglück. Gegen die EU war er auch."

Im Jahr 2009 habe der Vater mit ihm einen "Indoktrinierungsurlaub" in Berlin-Neukölln gemacht. "Er wollte mir zeigen, dass es bald in ganz Deutschland so aussieht, wenn man nichts gegen die Islamisierung tut."

Seit jeher habe sein Vater ihm Döner verboten. 

Das sei "Gammelfleisch vom Islamisten". Jens Maier bestätigt das. Aus Presseberichten sei ihm bekannt, wie in Dönerbuden mit Hygienevorschriften umgegangen werde. "Ich selbst würde nie so etwas essen."

Gammelfleisch vom Islamisten

Sohn Maximilian erzählt, sein Vater sei im Familien- und Freundeskreis kaum mehr ernst genommen worden. "Er wurde wohl immer unzufriedener. Er war nicht der Familienpatriarch, zu dem alle aufschauten." Nach dem Eintritt in die AfD habe der Vater berichtet, wie er bei einer Parteiveranstaltung großen Applaus bekam. "Das hat ihm große Selbstbestätigung gegeben."

Der privat eher trocken wirkende Jurist kommt in AfD-Kreisen an. "Jens Maier ist ein bodenständiger Typ, sehr volksnah, kompetent", lobt Matthias Scholz, Chef der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" in Sachsen und seit Kurzem Maiers Mitarbeiter. Der Chef pflege eine "klare Sprache". Er könne Säle zum Toben bringen.

Stefan Dreher war jahrelang Maiers Kollege am Landgericht, trat auch in die AfD ein. Dreher sagt: "Ich habe Jens Maier am Gericht als ruhigen, sachlichen Kollegen erlebt. Er galt als tüchtiger Arbeiter." Die "rassistischen Reden", so Dreher, hätten ihn völlig überrascht. "So kannte ich Jens Maier nicht." Jüngst war das Anlass für Dreher, die Partei zu verlassen.

Die Familie belastet der rechte Krawallton des Vaters – aller Distanz zum Trotz. 

Vor einiger Zeit klebten Antifa-Aktivisten Flugblätter in der Straße der Maiers, darauf der Appell: "Nazis aus der Deckung holen und ihnen in der Nachbarschaft das Leben zur Hölle machen."

Maximilian Maier sagt: "Ich werde ein Leben lang mit mir herumtragen, was mein Vater uns angetan hat. Das soll er wissen."

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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