Bild: Annika Eliane Krause

Es ist der erste Anschlag in Berlin, aber es ist nicht der erste, der uns traf. Wir entwickeln Routine im Umgang mit etwas, mit dem wir keine Routine haben sollten: dem Terror. Natürlich sind wir traurig und die Sinnlosigkeit, mit der zwölf Menschen sterben mussten, lässt sich niemals ertragen. Aber wir haben gelernt, mit dem Entsetzen umzugehen.

Als ich am Montagabend auf mein Handy schaute, las ich nicht zuerst die Eilmeldungen. Stattdessen erfuhr ich vom Anschlag an der Berliner Gedächtniskirche durch den Safety Check bei Facebook. Freunde hatten mich aufgefordert anzugeben, ob ich in Sicherheit bin.

(Bild: bento)

Es ist erst das zweite Mal, dass Facebook in Deutschland den Safety Check aktiviert hat. Zuerst beim Amoklauf in München, jetzt wegen des Anschlags am Breitscheidplatz. Für die meisten von uns war es der erste Safety Check ihres Lebens.

Aber wir waren vorbereitet.

Wir wussten, dass wir jederzeit mit unerträglichen Nachrichten auf unseren Displays rechnen mussten. Wir wussten, dass es brodelt. Wir wussten, dass es bisher nur Glück war, dass es in Deutschland keinen großen Anschlag gab.

Zunächst war ich geneigt, diese Routine unpassend und geschmacklos zu finden. Aber sie macht aushaltbar, was nicht auszuhalten ist.


So wie wir damit gerechnet haben, dass der Terror uns erreichen würde, kennen wir inzwischen die Abläufe nach dem Unbegreiflichen. Wir posten die ersten Tweets unter dem Hashtag #breitscheidplatz. Wir ändern unsere Titelbilder und Profilfotos. Dort steht jetzt "Ick bin Berliner" oder "Pray for Berlin".

Wir alle waren Charlie Hebdo. Wir alle waren Orlando. Zumindest einige waren auch Beirut und Bali. Jetzt sind wir alle Berlin. Wir teilen die ersten Cartoons. Den trauernden Weihnachtsmann und den weinenden Berliner Bären.

So reagierte das Netz auf den Anschlag in Berlin:
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Zunächst war ich geneigt, diese Routine unpassend und geschmacklos zu finden. So erwartbar, die immer gleichen Statements.

Aber die Routine macht aushaltbar, was nicht auszuhalten ist.

Mit Kerzen im Profil, Likes und Retweets begreifen wir: Keiner von uns ist allein mit seiner Trauer, seiner Angst und auch Hoffnung. Die Vorhersehbarkeit der öffentlichen Emotionen gibt uns Halt.

Aber verschwindet durch Routine nicht der Schrecken? Kehrt gar Normalität ein, die nicht sein darf? Haben wir uns damit abgefunden, die Generation Safety Check zu sein?

Vielleicht ist es genau andersherum und wir brauchen gerade diese Abgeklärtheit im Umgang mit dem Unbegreiflichen, damit wir den Terror auf Distanz halten können. Dass er nicht Teil von uns und unserem Alltag wird.

Berlin ist noch genauso bunt und weltoffen wie vergangene Woche.

Die "Bild" ruft mir von der Titelseite "Angst!" entgegen. Dabei ist es wahrscheinlicher, dass ich an der nächsten Straßenkreuzung verunglücke, als Opfer des Terrors zu werden. Das weiß jeder, der in Berlin schon einmal mit dem Taxi gefahren ist.

Für Panik ist Berlin schlicht das falsche Ziel. Die Berliner reagieren so, wie sie immer reagieren: vollkommen unaufgeregt. Berlin ist noch genauso bunt und weltoffen wie vergangene Woche. Ganz selbstverständlich sind hier viele Nationen Zuhause. Ja, sogar Bayern, Herr Seehofer.

Wenn die "Ich bin ein Berliner"-Posts helfen, dass wir alle etwas mehr Berlin sind, sind sie mehr als nur Routine. Dann helfen sie uns dabei, uns nicht vom Hass mitreißen zu lassen, der leider ebenso erwartbar in unsere Timelines gespült wird und stattdessen sachlich nach Wegen gegen den Terror zu suchen.


Wie haben die Berliner den Tag nach dem Anschlag erlebt? Ohne Panik und ohne Hass. Wir haben uns den ganzen Tag in der Stadt umgehört und umgesehen. Hier findest du unseren Bericht.
(Bild: Maas)

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