Bild: Sophia Kembowski/dpa

Mit 23 bekam Jenna Behrends ihr erstes Kind – während sie Jura studierte, sich zur Journalistin ausbilden ließ und nebenher jobbte. Sie erlebte, was Vereinbarkeit von Beruf und Familie wirklich bedeutete. Und fühlte sich als getrennt erziehende Mutter zum ersten Mal persönlich mit den Schwächen der Familienpolitik konfrontiert.

In ihrem Buch schreibt sie über sich und andere Familien: "Niemand schien mit dem eigenen Konzept wirklich zufrieden. Egal, für welches Verhältnis von Arbeits- und Familienzeit sie sich entschieden hatten." 

Heute ist Behrends 28 und CDU-Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Mitte in Berlin. Für ihr Buch "Rabenvater Staat" hat sie Familien in ganz Deutschland besucht und prangert an, was im Land schief läuft.

Wir haben mit ihr gesprochen – über eine fiktive Familie, die sich in Deutschland immer noch zwischen Gleichberechtigung und Kinderbetreuung entscheiden muss.

Was ist der größte Unsinn in der deutschen Familienpolitik?

Dass es sich immer noch am Familienbild der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre orientiert: Es gibt einen Ernährer, der das Geld verdient, eine Mutter, die zu Hause bleibt, zwei Kinder und einen Hund. Das Bild hat sich schon lange gewandelt, unser Steuer- und Sozialrecht nicht.

Wer ist Jenna Behrends?

Sie ist sie überzeugt, dass es etwas bringt sich einzumischen: Jenna Behrends, 28 und CDU-Mitglied, engagiert sich in der Berliner Kommunalpolitik. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter und studiert Jura an der FU Berlin. Behrends hat als Autorin für bento schon einige Texte verfasst. Hier findest du sie. 

Nehmen wir ein Paar, das sich von Geburt an die Erziehung gleichberechtigt teilen will – beide sind Ende 20, unverheiratet, ohne Großeltern in der Nähe. Sie bekommen ein Kind und nehmen sich vor, die Elternzeit genau gleich aufzuteilen. Anschließend wollen beide vier Tag die Woche arbeiten. Wo lässt sie der Staat im Stich?

Das ist das klassische Modell, das sich viele vornehmen, bevor das Kind da ist. Doch die Realität sieht nachher oft anders aus. Was man sich noch im Geburtsvorbereitungskurs vorgenommen hatte, löst sich bis zur Krabbelgruppe in Luft auf. Ich kenne viele Paare, die unzufrieden sind, weil sie keine gleichberechtigte Lösung gefunden haben. 

Denn es gibt viele Knackpunkte:

  • Manchmal scheitert es schon daran, dass das Kind zu einem, nennen wir es ungünstigen Zeitpunkt geboren wird – zum Beispiel im November. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz besteht nach dem ersten Geburtstag. Doch häufig werden Kita-Plätze erst im August wieder frei – wenn die älteren Kinder in die Schule wechseln. So müssen Eltern dann also für einen viel längeren Zeitraum eine Lösung für die Betreuung finden. Schon hier entscheiden sich viele Mütter, doch länger zu Hause zu bleiben.
  • Was viele gar nicht wissen: Anders als Mütter, die bereits während der Schwangerschaft einen besonderen Kündigungsschutz genießen, sind Väter nicht geschützt. Ihnen kann zwar während der Elternzeit nicht gekündigt werden, allerdings erst, wenn der Antrag gestellt wurde – und frühestens acht Wochen vor der Elternzeit. Bekommt der Arbeitgeber eher von den Plänen mit, kann der Mann Pech haben und gekündigt werden. Mindestens sieben Wochen vor dem geplanten Start muss der Antrag eingereicht werden. Bedeutet: Einem Vater bleibt eine Woche, um kündigungsgeschützt Elternzeit zu beantragen.
  • Dritte Hürde: Der jeweilige Arbeitgeber lässt sich nicht zwingend auf das Arbeitsmodell ein, das sich das Paar vorgenommen hat. Es ist eben keine Entscheidung, die man alleine trifft. Und ein entsprechendes Gesetz gibt es nicht.
  • Ich habe für meine Recherche Mütter getroffen, die vorhatten, sehr schnell wieder einzusteigen – auch mit einer hohen Stundenzahl, aber eben nicht Vollzeit. Am Tag ihrer Rückkehr lag trotzdem die Kündigung auf dem Tisch. Viele Unternehmen meinen eben immer noch, Mütter seien weniger leistungsfähig und zu teuer. Ein Irrtum.
  • Außerdem ist das Ausgangsmodell für Paare geeignet, die relativ gleich verdienen. Aber es ist ja immer noch so, dass Frauen in Deutschland im Schnitt 20 Prozent weniger verdienen. Wenn man sich das dann als Familie durchrechnet, ist die Versuchung doch groß, dass eher die Frau zu Hause bleibt. Auch wenn es ihr für die weitere Karriere und Rücklagen für die Rente schadet.
  • Sollte das Paar heiraten? Das lohnt sich aufgrund des Ehegattensplittings steuerlich vor allem, wenn es große Einkommensunterschiede gibt. Zusätzlich können sich Ehefrauen oder Männer über den Partner versichern und sparen Geld. So steigt der Anreiz noch einmal, dass der schlechter verdienende Partner zu Hause bleibt – also meist die Frau.
  • In vielen Regionen ist die Kita ein riesiger Kostenfaktor. Spart man sich den, in dem doch einer der Eltern nicht wieder arbeiten geht?

Der Einfluss des Staates auf die Gestaltung deines Familienlebens ist also riesig. Gleichberechtigte Paare fördert er derzeit jedenfalls nicht.

Das Buch zur Ungerechtigkeit

Jenna Behrends: Rabenvater Staat ist im Januar 2019 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen. Das gebundene Buch hat 208 Seiten und kostet 18 Euro. Hier bei Amazon bestellen

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Du erwähnst immer wieder den Anspruch auf einen Kita-Platz. Es ist also nicht alles schlecht?

Es hat sich schon einiges bewegt. Aber das Gesetz betreut leider noch keine Kinder, es nimmt sie nicht in den Arm und tröstet sie oder wechselt Windeln. Die Regierung hat zwar einen Rechtsanspruch eingeführt, aber nicht dafür gesorgt, dass genügend Menschen motiviert sind, eine Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin zu machen. Es gibt Kitas, da passt ein Erzieher auf 20 Kinder auf – damit wird man ihnen nicht gerecht.

Was ist eine Familie für dich?

Für mein Buch bin ich davon ausgegangen, dass es Familie überall da gibt, wo ein Kind ist. Dabei ist mir egal, ob die Eltern einen Trauschein haben, oder nicht. Ob zwei Männer oder zwei Frauen das Kind erziehen.

Sind Freunde, die in einer WG ohne Kinder zusammenleben und dort alt werden, keine Familie?

Gute Frage. Damit sollten wir uns beschäftigen – gerade in einer Gesellschaft, die immer älter wird. Und wo sich Freunde später vielleicht gegenseitig pflegen.

Texte zum Thema Eltern und Familie:

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Werden Singles oder Paare ohne Kinder vom Staat schlechter behandelt?

Auf den ersten Blick kann ich nachvollziehen, dass sich Menschen ohne Kinder schlechter gestellt fühlen: Auf dem Gehaltszettel geht ein höherer Betrag für die Pflegeversicherung weg als beim Kollegen mit Kind – dabei finanziert der Kinderlose mit seinen Steuern auch Kita-Plätze und Schulen. Doch das ist zu kurz gefasst.

Als Elternteil, der in Vollzeit arbeitet, zahlt man ebenso die Rentenbeiträge im vollen Umfang. Die Ausgaben sind aber deutlich höher als bei jemandem ohne Kinder: Bis ein Kind volljährig ist, fallen Kosten von durchschnittlich 125.000 Euro an – Windeln, Klassenfahrten, Kleidung. Zusätzlich brauchen Familien eine größere, meist teurere Wohnung. So bleibt auch weniger Geld für die private Altersvorsorge. Die eigenen Kinder wiederum leisten einen Beitrag zur Gesellschaft.

Natürlich ist es als Lebensentscheidung völlig in Ordnung, keine Kinder zu kriegen. Aber im Grunde müssten Kinderlose noch mehr Sozialleistungen zahlen, damit die Last gerecht verteilt ist.

Für dein Buch hast du auch ein Münchner Paar besucht – zwei Frauen, die mithilfe einer Samenspende ein Kind bekommen haben. Vor welchen Herausforderungen stehen sie?

Die beiden Frauen ziehen das Kind gemeinsam groß, sie schließen den leiblichen Vater dabei aber nicht aus. Allerdings sieht das Gesetz keine Möglichkeit vor, dass die nicht-leibliche Mutter die Chance bekommt, das Kind zu adoptieren – um die gleichen Rechte wie die leiblichen Eltern zu haben. 

So kommt es zu absurden Situationen: In der Kita darf sie nicht unterschreiben, was ihr Kind essen darf, obwohl sie ihm jeden Tag zu Hause das Essen zubereitet. Am Flughafen wird sie gefragt, ob sie die Mutter sei und wirklich ihr Kind mitnehmen dürfe. Und sollte die leibliche Mutter sterben, hat die zweite Mutter gar keine Rechte am Kind. 

Du hast ganz viele Herausforderungen und Probleme beschrieben, aber wie lösen wir sie?

Wir sollten Familie nicht immer als einen ideologischen Wert betrachten, sondern als nüchterne Finanzinvestition. Steuern, Versicherungen, Rente, Arbeitszeitmodelle – alles sollte aus dem Blickwinkel von Familien gedacht werden. 

Außerdem gibt es so viele Maßnahmen, die gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Eine Familienkasse könnte helfen, Struktur in das Wirrwarr zu bringen, damit Familien überhaupt wissen, welche Möglichkeiten sie haben.

Was ist dein privates Ziel? Familienministerin?

Dann eher Finanzministerin, da kann ich mehr für Familien tun.

Die Familienpolitik an sich gibt es nämlich gar nicht. Nicht das Familienministerium entscheidet, wie Familien leben – das passiert andernorts. Eben im Finanz- und Arbeitsministerium, oder im Innenministerium – wenn es um die Infrastruktur geht. 

Es bräuchte eigentlich eine Finanzministerin mit Kindern, die die Bedürfnisse von Familien kennt. 


Retro

Meine Kinderbücher haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin

Als ich fünf Jahre alt wurde und noch nicht zur Schule ging, lernte ich, wie man Großbuchstaben liest. Ich las Überschriften und Drucke auf Plastiktüten, Schilder und Plakate. Dann schenkten mir meine Eltern ein Buch von Felix, dem Hasen, der am Flughafen verlorengegangen war und Briefe aus der ganzen Welt an seine Freundin Sophie schrieb. 

Das Buch sah so aus, wie Kinderbücher nun mal aussehen. Die Briefe aber, die man aus Umschlägen, die ins Buch hineingeklebt waren, herausnehmen konnten, waren in Großbuchstaben geschrieben. Ich las sie alle. Immer und immer wieder.