Anruf bei einer jungen Mutter im Jemen

Stell dir vor, alle Kinder, die in Hamburg in den vergangenen drei Jahren geboren wurden, werden ihren fünften Geburtstag nicht erleben. Weil einfach nicht genug Essen und Trinken für sie da ist, verhungern sie.

Genau das ist die Situation im Jemen. Seit mehr als vier Jahren herrscht dort Krieg, die Menschen leiden unter Luftangriffen und einer Handelsblockade, die verhindert, dass Medizin und Lebensmittel ins Land kommen. Eine Schätzung einer Hilfsorganisation geht davon aus, dass insgesamt 85.000 Kinder an Hunger und Krankheiten gestorben sind. Das hat die Organisation "Save the Children" errechnet. (bento)

Wie gelingt Alltag in so einem Krieg? Und wie fühlt es sich an, hier als Hilfsarbeiterin tätig zu sein? Das haben wir Sukaina Sharafuddin gefragt.

Die 29-jährige Jemenitin arbeitet für "Save the Children" in Sanaa.

(Bild: Privat)

Sanaa ist die Hauptstadt des Jemen und liegt nur sechs Flugstunden von Hamburg entfernt. Den Termin zum Telefonieren haben wir auf einen Zeitpunkt gelegt, in dem Sukaina gerade Strom hat. Als wir sprechen, knarzt die Leitung.

Sukaina, wie muss ich mir ein Leben im Krieg vorstellen?

Durch den Krieg ist unser Alltag hier zur Hölle geworden. Alles wird zur Herausforderung, jede Kleinigkeit zum Problem. Stell dir vor, du willst so etwas Alltägliches machen wie eine Flasche Wasser kaufen: Bei uns gibt es kaum noch sauberes Wasser und wenn, dann zu absurden Preisen. Um Wasser zu schöpfen, braucht es Strom, der ist oft weg. Also braucht es Generatoren, die müssen mit Benzin befüllt werden. Aber auch das ist knapp und sehr teuer.

Und das für eine Flasche Wasser. 

Ja. Und die gleichen Probleme und Engpässe haben wir mit Lebensmitteln, mit Medizin, mit dem Zugang zu Schulen und Krankenhäusern. Das hat dann Folgen: Krankheiten wie Cholera breiten sich aus, Kinder sterben an den Folgen oder an Unterernährung. Das macht mir Angst. In meiner Familie habe ich jetzt dafür gesorgt, dass wir keinen Salat und kein Gemüse essen, das nicht gut abgekocht ist – einfach, damit wir uns nicht anstecken.

Mit den Alltagssorgen kann ich noch klarkommen, man gewöhnt sich an den Zustand. Aber dann kommt die Angst, dass jederzeit dein Haus zerbombt werden könnte. Ich wohne in Sanaa, hier gibt es nachts regelmäßig Luftangriffe. Unser Flughafen funktioniert nicht mehr. Wenn du Flugzeuge hörst, weißt du, dass gleich gebombt wird. Es gab in den vergangenen vier Jahren mehr als 19.000 Luftangriffe im Jemen.

Die Erschütterungen sind weit zu spüren, Fenster splittern, Schrapnelle und Splitter fliegen oft hunderte Meter weit. Ich kenne sehr viele Menschen, die durch solche Teile verstümmelt wurden. Ich kenne einen Jungen, Hamza, sechs Jahre alt, der hat durch ein Schrapnell beide Augen verloren. Mein eigener Sohn ist jetzt drei Jahre alt, ich fürchte mich so, dass ihm etwas passiert.

Der Krieg im Jemen begann im März 2015. Das heißt, dein Sohn wurde in den Krieg hineingeboren?

Ja, ich erfuhr eine Woche vor Kriegsbeginn, dass ich schwanger bin. Ich war so glücklich und habe mich auf die Schwangerschaft gefreut. Eine Woche später schlugen über Nacht Hunderte Bomben in Sanaa ein. 

Die ganze Schwangerschaft verbrachte ich zitternd unter meinem Bett.

In der Nacht seiner Geburt gab es auch wieder Luftschläge. Wir mussten zu drei Krankenhäusern fahren, weil bei den ersten beiden der Strom ausfiel. Im dritten bekam ich dann Beruhigungsmittel, weil ich wegen der Detonationen so angespannt war.

Wie nimmt dein Sohn heute den Konflikt wahr?

Er spürt, was um ihm herum passiert. Ich versuche also, für ihn stark zu sein, immer glücklich zu sein. Auf der Arbeit merke ich auch im Kontakt mit anderen Kindern, wie stark sie sind. Sie verstehen zwar nicht genau, was Krieg ist – aber sie wissen, dass hier Unrecht geschieht. Dass sie eigentlich draußen spielen dürfen und sorglos sein sollten. In Traumazentren treffe ich auch immer wieder Kinder, die von Alpträumen geplagt sind.

Wie sieht dein Tag als Hilfsarbeiterin aus?

Mein Tag beginnt erst mal damit, die Luftschläge der Nacht zu überprüfen: Gab es Einschläge in der Nähe, auf dem Weg zur Arbeit? Wo ist was passiert? Dann entscheide ich, wohin ich meinen Sohn tagsüber zur Obhut bringe – immer genau in das entgegengesetzte Viertel der jüngsten Luftschläge. Danach mache ich mich auf den Weg zur Arbeit, ich habe einen normalen Acht-Stunden-Tag im Büro.

Unsere Aufgabe ist es, Kliniken zu unterstützen. Wir verteilen Arzneimittel und medizische Geräte, organisieren Generatoren, um Strom für Operationen zu erzeugen und kümmern uns um Notfallstransporte. 

Fast die Hälfte aller Krankenhäuser im Jemen ist zerstört oder geschlossen – bei den Übrigen wird die Versorgung knapp.

Gelingt das?

Es ist ziemlich chaotisch. Straßen im Jemen sind immer wieder blockiert, Benzin ist – wie schon erwähnt – knapp und teuer. Auch die Preise für Medizin sind gestiegen. Hafenblockaden verhindern, dass dringend benötigte Hilfsmittel ins Land kommen. Oft brauchen wir Tage, um irgendwo vor Ort zu sein. Die Familien fragen dann: 'Wo wart ihr so lange? Wir haben unsere Kinder nun selbst behandelt.' Das ist leider sehr gefährlich, oft entzünden sich die Wunden.

Hast du bei so einer Arbeit überhaupt Lichtblicke?

Immer wieder. Gerade erst vor einigen Monaten schlug eine Bombe bei einer Mädchenschule in Sanaa ein. Rebellen hatten in einem Gebäude nebenan Waffen gelagert, die Saudis hatten daraufhin das Gebiet bombardiert. Viele Kinder starben, aber wir waren schnell vor Ort und konnten vier Mädchen das Leben retten.

Was können wir aus der Ferne tun, um zu helfen?

Genau das, was du gerade machst: Interessiert euch für uns! Wir wollen, dass Leute sich für uns einsetzen, ihre Politiker fragen, wie hier ein Krieg einfach so immer weiterlaufen kann. Wir sind im Jemen keine Hinterwäldler, sondern ticken genauso wie ihr. 

Wir schauen 'Game of Thrones', unsere Kinder lieben Batman – aber unser Alltag wurde durch die ständigen Angriffe zur Hölle.

Mir selbst geht es noch gut. Ich habe einen Job, ich habe ein festes Gehalt. Ich kann meinen Sohn ernähren. Aber 80 Prozent der Jemeniten sind auf fremde Hilfe angewiesen. Also fast jeder, den ich kenne – meine Nachbarn, meine Eltern, meine Onkel – haben keine Jobs mehr, sie schaffen es nicht, auch nur eine Mahlzeit am Tag für die Familie aufzutreiben. Und da muss die Welt helfen und Druck auf die Länder aufbauen, die hier Krieg führen.

Der jemenitische Bürgerkrieg

Der Jemen war einst zweigeteilt wie Deutschland. 1990 übernahm der Norden den sozialistischen Süden – ein Bürgerkrieg brach aus. Von der Spaltung hat sich das Land nie ganz erholt, im Arabischen Frühling 2011 kam es erneut zum Chaos.

Die neue Regierung wurde von schiitischen Huthi-Rebellen aus dem Norden des Landes vertrieben, im Osten machte sich die sunnitische Terrororganisation Al-Qaida breit. Seit März 2015 bombardiert das Nachbarland Saudi-Arabien den Jemen und will die Anhänger der alten Regierung unterstützen. Laut Menschenrechtlern treffen die Bomben vor allem Zivilisten. Die Uno beschreibt den Krieg im Jemen als derzeit größte humanitäre Katastrophe der Welt.

Mehr zum Jemen auf bento.

Du willst was für den Jemen tun?

Das "Bündnis Entwicklung Hilft" und die "Aktion Deutschland Hilft", in denen sich viele Entwicklungsorganisationen zusammengeschlossen haben, rufen mit einem gemeinsamen Konto zu Spenden auf. Neben "Save the Children", die uns das Gespräch mit Sukaina vermittelt haben, arbeiten auch andere internationale Organisationen im Jemen, darunter das UN-Kinderhilfswerk "Unicef".


Queer

Ob queer oder nicht: Die schönste Erkenntnis zum Pride-Monat findet sich in Taylor Swifts LGBT-Video

In dem Musikvideo zu Taylor Swifts neuem Song "You Need To Calm Down" sieht man die Sängerin Seite an Seite mit ihrer einstigen Erzfeindin Katy Perry und umgeben von etlichen queeren Promis: von den "Queer Eye"-Fab-Five bis zu Talkshow-Host Ellen DeGeneres und Dragqueen RuPaul. 

Sie alle tanzen durch eine kunterbunte Sommerwelt, mit Glitzer, rosa Drinks und extra viel Make-up. Dazu singt Swift Lyrics wie "shade never made anybody less gay" – "Beleidigungen haben noch nie jemanden weniger schwul/lesbisch gemacht".