Bild: YouTube/Neo Magazin Royale
Sein neues Video ist aus mehreren Gründen genial.

Deutsch zu sein, war die vergangenen Jahre ziemlich angenehm. Exportweltmeister, Fußballweltmeister, schwarze Null, niedrige Arbeitslosenzahlen – all diese Jubelstatistiken. Wenn du auf Reisen warst, bekamst du für dein Deutschsein keine Nazi-Sprüche mehr gedrückt. Nein, du bekamst ein simples "cool" zu hören.

Dann kam erst Pegida und kurz darauf das, was viele "Flüchtlingswelle" nennen. Dann kam die Silvesternacht von Köln. Dann wurde sichtbar, was doch immer unter der deutschen Oberfläche schlummerte: der Hass auf andere.

Und nun haut Chefsatiriker Jan Böhmermann dieses Video in die Debatte:

Was soll das alles?

Es wirkt, als will Böhmermann sein Land zurückerobern. Zurückerobern von rechten Spinnern, braunen Wutbürgern und all den "Besorgten", die Fakten in Ängste verdrehen. Sein Video ist eine Kampfansage an den (Kultur)kampf, der seit Monaten tobt.

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Denn Deutschland steckt in einer gefährlichen Schieflage: Die einen behaupten, Patrioten zu sein, indem sie Deutschland abgrenzen, abschirmen und das Land in einer sich immer weiter globalisierenden Welt isolieren. Die anderen sehen sich als Weltbürger und glauben, Begriffe wie Heimat und Stolz umwehe von vornherein ein brauner Hauch. Beide Seiten kommen nicht mehr zusammen: nicht zu Debatten im Netz, nicht bei dem, was sie jeweils unter Demokratie und Meinungsfreiheit verstehen.

"BE DEUTSCH!" wird an dieser Kluft kaum etwas ändern – zu sehr bespielt Böhmermann vor allem seine eigene Fan-Bubble und feuert Gags ab, die vor allem die verstehen, die sie verstehen wollen. Aber trotzdem ist das Video genial. Es ruft uns unsere braune Vergangenheit in Erinnerung und klaut zugleich all den braunen Patrioten im Land ihren Patriotismus.

Wer betreibt den wahren Landesverrat?

Gleich zum Einstieg ist es herb: Der eingeblendete englische Kinderreim erinnert an die Verschwörung von Guy Fawkes, der im 16. Jahrhundert das britische Parlament in die Luft sprengen wollte. Auch hier, auch heute gibt es Stimmen, die gerne die "Volksverräter" aus Berlin am Galgen sehen wollen.

Aber das Datum im Reim ändert Böhmermann auf den 9. November, diesen Schicksalstag deutscher Geschichte. In der Pogromnacht von 1938 tobt ein wütender Mob durch das Land, zündet jüdische Häuser an, tötet Hunderte. In der Novembernacht von 1989 fällt die Mauer in Berlin, die Menschen rufen "Wir sind das Volk".

(Bild: YouTube/Neo Magazin Royale)

Jetzt rufen wieder welche "Wir sind das Volk“. Es sind in Teilen die gleichen, die Flüchtlingsheime anzünden und mit Pflastersteinen werfen. "I know of no reason, why our very own treason should ever be forgot“, textet Böhmermann dazu. Es gibt keinen Grund, unseren eigenen Verrat je zu vergessen. Denn nichts anderes ist ja das Rufen von "Wir sind das Volk" heute: ein Verrat an der freiheitlichen Idee dieses Satzes.

Das Böhmermann-Video will die Verwendung dieses Satzes (und unserer Flagge, unserer Heimat, unserer Alles) den "besorgen Bürgern" streitig machen. Immer wieder brüllt er das Schlagwort "deutsch" im Refrain – und verknüpft es mit all den Assoziationen, die zu Deutschland im 21. Jahrhundert passen. Liberalität, Toleranz, Menschlichkeit. Dazu gibt es in Bildern heitere Spießbürgerlichkeit; Birkenstock-Sandalen, vegane Würstchen, Fahrradhelme. Und die Deutschlandflagge schwenken Junge, Alte, Rabbiner und Muslime, Männer, Frauen, Frauenmänner gemeinsam.

Aber gibt es den besseren Deutschen?

Das drückt herb in die Klischee-Ecke – und damit das Video auch gleich in die Meta-Ebene. Ausgerechnet das Deutschland, das Europa einst in zwei Weltkriege stürzte und Menschen in Rassen unterteilte, verteidigt jetzt die Menschlichkeit gegen die Trumps, Wilders und Petrys dieser Welt. Die guten Deutschen im Video wirken dabei selbst wie Nazi-Zombies: Mit weißbesockten Sandalen marschieren sie durch den Matsch und reißen Zäune nieder. Denn werfen sie Kartoffeln auf Pegida-Demonstranten. Kaum weniger Gewalt als ein Steinwurf.

(Bild: YouTube/Neo Magazin Royale)

Die Lehre ist also auch: Keiner, der sich als "besserer Deutscher" wähnt, der Weltoffenheit ausgerechnet als ein deutsches Label verstehen will, soll sich zu früh freuen. Stolz darauf sein, nicht stolz zu sein, ist ja schon wieder eine Form von Stolz. Was Deutschsein bedeutet, wird damit im Video endgültig zum mindfuck.

Zum Ende des Videos gibt es eine kleine Szene, die all denen Mahnung sein sollte, die sich überlegen fühlen: Da stürmen also die bunten Deutschen gegen die in braun und grau Gekleideten an, schmeißen ihnen Kartoffeln an den Kopf und hetzen Schäferhunde auf. Einer der grauen Herren stürzt. Und einer derer, die in ihm nur den Nazi sahen, hilft ihm wieder auf. Diese Geste haben wir nötig.

(Bild: YouTube/Neo Magazin Royale)

Denn das ist die eigentliche Leistung von "BE DEUTSCH!", auch wenn sie sich in wenigen Clipsekunden versteckt hält: Wir brauchen dieses Miteinander und wir brauchen den Austausch, auch mit der AfD, auch mit denen, die bei Pegida mitlaufen. Deutschland muss zu Atem kommen nach mehr als einem Jahr zwischen den Fronten. Dieser Meinungskampf, in dem keiner mehr den Argumenten des anderen Gehör schenkt, er nervt.