Bild: YouTube/Neo Magazin Royale
Das mit dem Schmähgedicht zählt nicht.

Am Donnerstag kehrt das Neo Magazin Royale aus der selbst auferlegten Pause zurück. Jan Böhmermann sendet wieder, macht wieder seine Witze. Dann umjubeln ihn die einen und beschulterzucken ihn die anderen.

Und viele werden sagen: Bitte keine Schmähgedichte und Fakevideos mehr. Wenn ich mich umhöre, dann sind alle genervt von all dem, was durch und rund um Böhmermann passiert. Er selbst ja auch:

Deutschland verträgt also all die Böhmi-Hypes nicht mehr. Und immer wieder erklären, wer dieser dürre, blasse Junge ist und wo noch mal seine Sendung läuft, ist auch anstrengend.

Tatsächlich sollte es aber noch viel mehr Böhmi geben. Und er sollte endlich politisch werden!

Denn genau das ist Jan Böhmermann bisher kaum gewesen. Der Stinkefinger von Varoufakis? Ein Video-Stunt, aber noch keine Haltung. Erdogan am Barthaar zupfen? Witzig und gewagt – aber eine politische Anklage war es nicht. Jan Böhmermann ist ein scharfer Beobachter des politischen Diskurses, er begreift Stimmungen in der Gesellschaft und kann sie mit einfachen Mitteln widerspiegeln. Oder persiflieren. Was Böhmermann aber kaum macht: Diese Stimmungen bewerten.

Klar, muss er nicht. Böhmermann ist ein Blödelbarde, seine Hauptaufgabe im Neo Magazin ist Unterhaltung, nicht Aufklärung. Aber warum soll nicht beides gehen? Pennälerhumor ist toll, aber muss er immer vom Klassenclown kommen? Besser wäre doch der Klassenprimus: Denn beim Clown lacht man nur des Lachens wegen über die Gags. Beim Primus hingegen fühlt man sich beim Lachen auch immer wieder beim Denken ertappt.

Wer ist dieser Böhmi eigentlich? Seine Gags in der Fotostrecke:
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Anstatt Bibis Beautypalace zu verarschen oder immer wieder Longboard-Jokes zu reißen, sollte sich das Team vom Neo Magazin mehr Recherche trauen. Macht Journalismus, nur in lustig! Es gibt bereits die Rubirk "Eier aus Stahl", die sehr aufwendig und sehr lustig Missstände auseinandernimmt. Mehr davon. Jan Böhmermann muss nicht der deutsche John Oliver werden, aber er kann sich zumindest einiges abgucken.

Wir mögen Böhmi ja nicht, weil er gut ist – sondern weil wir wissen, wie grandios er manchmal sein kann. Seine Stand-Ups zünden nicht immer, seine Interviews neigen manchmal zum Fremdschämen. Jan Böhmermann hört halt oft lieber seine eigenen Fragen als die Antworten anderer. Aber dann kommt immer mal so ein Brett wie die "Eier aus Stahl" oder Videos wie die rammsteineske Annäherung an unser Deutsch-Sein. Ich mag das Neo Magazin gerade für seine Einspieler und seine länger geplanten Stücke zwischen Stand-Up und Studiogast.

So sieht das dann aus, wenn es tiefgründiger wird:

Nach all dem Erdogan-Tralala darf die Redaktion des Neo Magazins jetzt keine Schere im Kopf haben und sich selbst zensieren bevor der nächste Prozess droht. Mit einer Reduzierung auf Gaga-Themen hätten all die unlustigen Erdogans dieser Welt gewonnen. Die Debatte um das Gedicht war ein Geschenk für unsere Meinungsfreiheit, lange wurde die nicht mehr so leidenschaftlich abseits der Lügenpresse-Rufe diskutiert.

Dabei müssen wir unsere Freiheiten immer und immer wieder diskutieren. Gerade Künstler und Satiriker sind dafür Gradmesser unseres moralischen Gewissens. Und gerade wegen Typen wie Böhmermann sind wir keine Erdokratie. Also bitte, Böhmi: Mehr Satire, mehr Politik!


Gerechtigkeit

#MaybeHeDoesntHitYou zeigt, wie Menschen unter den Folgen psychischer Gewalt leiden

Ich frage mich immer, ob wirklich jede Frau in meinem Alter schon einmal eine Beziehung hatte, die nicht gut für sie war", schreibt die 28-jährige Kaddi aus Gelsenkirchen auf ihrem Blog. Tweets mit dem Hashtag #MaybeHeDoesntHitYou machen aktuell die Runde auf Twitter, Frauen berichten dort offen über Gewalt in Beziehungen, die zwar keine äußerlichen Spuren hinterlässt – dafür aber häufig das Selbstwertgefühl zerstört.