Zivilcourage bedeute, nicht vorbeizugehen, wenn jemand hilflos und verletzt am Boden liege - und hilflos und verletzt sei für ihn die Sozialdemokratie in Deutschland. Deshalb werde er, Jan Böhmermann, um den Vorsitz kandidieren. So meldet sich also Deutschlands berühmtester Comedian aus der Sommerpause zurück. 

In einer siebenminütigen Antrittsrede verteilte Böhmermann einige Breitseiten gegen andere SPD-Größen ("Ich habe bisher [...] noch keinem Angriffskrieg zugestimmt, lieber Frank-Walter"). Eine Website lädt zum digitalen Bürgerdialog ein. Das i-Tüpfelchen: Die Social-Profile Böhmermanns tragen nun einen SPD-Look mit Fotos, die aussehen, als hätte sie ein Grundschullehrer aufgenommen.  

Und ganz Deutschland grinst und greift zum Popcorn. Mit Ausnahme der anderen Kandidatinnen und Kandidaten der SPD vielleicht. 

Ob all das ein Scherz ist, eingewickelt in mehrere Meta-Ebenen Ironie? Nein, er meine es ernst, behauptet Moderator Jan Böhmermann – im Wissen, dass jede seiner Aussagen zum Thema alles und nichts bedeuten kann. So richtig ernst kann er es dann doch nicht meinen, denn trotz seiner Beteuerungen sind die bürokratischen Hürden wohl zu hoch und sein Antrag wahrscheinlich zu spät. (SPIEGEL)

Aktualisierung: Samstag Vormittag hat Böhmermann auf Twitter behaupet, nun Mitglied im SPD-Ortsverein Köthen zu sein (Twitter), die der Pressesprecher der SPD Sachsen-Anhalt sieht bei seiner Mitgliedschaft allerdings noch Hürden (Twitter).

Aber warum ist es eigentlich lustig, dass er kandidiert? Und warum wünscht man sich ein kleines bisschen, dass es klappt?

Eine Antwort ist vielleicht: Man gönnt es der Partei, dass ihre Wahl nun zu einer Unterhaltungsshow werden könnte - denn für viele fühlt sie sich ohnehin wie eine Farce an. Auf der einen Seite Olaf Scholz, der es in den vergangenen Jahren vom G20-Versager zum Vizekanzler geschafft hat, auf der anderen weitestgehend Namen- oder Hoffnungslose

Für viele Menschen mit auch nur im entferntesten linken Sympathien ist es eine Qual, sich den Niedergang der SPD weiter anzusehen. Denn es ist ja nicht so, als mangele es in den vergangenen Monaten und Jahren an profilschärfenden Themen, vom Abtreibungsparagraphen 219a über den Rechtsruck und "Fridays for Future" bis zu Artikel 13.

Die Art, wie wir die SPD lustvoll bei der Selbstzerfleischung beobachten, deutet vielleicht auch auf ein allgemingültigeres Problem hin:

Böhmermanns Witz-Kandidatur zeigt, wie es um das Verhältnis zwischen Politik, Wählerinnen und Wählern steht: Die Clowns, die Freaks und die Lauten bekommen die Aufmerksamkeit, während große Teile des Publikums von den Rängen buhen, johlen und Popcorn schaufeln. Es ist wie beim Zirkus.

Der Berliner Kapitalismuskritiker und Philosoph Byung-Chul Han beschreibt das in seinem Buch "Psychopolitik" aus 2015 so: 

"Die Freiheit des Bürgers weicht der des Konsumenten. [...] Er ist weder gewillt noch fähig zum gemeinsamen politischen Handeln. Er reagiert nur passiv auf die Politik, indem er nörgelt, sich beschwert, genauso wie der Konsument gegenüber Waren und Dienstleisungen, die ihm nicht gefallen. Auch die Politiker und Parteien folgen dieser Logik des Konsums. Sie haben zu liefern."

Liefern tut Böhmermann zuverlässig. Er weiß, wie man Bomben legt. Und nur, wenn es knallt, interessieren sich viele überhaupt für Politik. Es geht nicht um Entscheidungen, um den Prozess oder den Inhalt. Sondern um den Skandal, die Spannung, das reißerische Zitat oder den markigen Spruch, der sich gut teilen, kritisieren oder liken lässt. 

Daran sind die Parteien mit selbst Schuld: Denn die, die wirklich etwas verändern wollen, werden von SPD & Co. zugunsten der immergleichen Investoren, alten Ideen und Traditionen ignoriert. 

Wenn jemand wirklich mit der Prominenz von Kevin Kühnert, Vorsitzender der Jusos, unter anderem nicht kandidiert, weil ihm die strukturelle Unterstützung fehlt, dann ist das ein wirklich schlechtes Zeichen für die Sozialdemokratie.

Was bleibt uns also? Passiv konsumieren wir das, was uns im Netz und Talkshows in kleinen Häppchen serviert wird. Kein Wunder, dass die markigen Aktionen der (sehr guten) Abgeordneten der PARTEI im Europaparlament so viel Aufmerksamkeit bekommen: Fünf Minuten zuzusehen, wie der Finger in die Wunde gelegt wird, ist alles was uns bleibt. Schnell ein Like da lassen, Veränderung nicht in Sicht. 

So funktioniert nun auch die "Kandiatur" Jan Böhmermanns. Sie bietet politikverdrossenen Deutschen die Möglichkeit, sich über den Zustand der SPD zu beschweren, ohne sich mit lästigen Inhalten oder ernsthaften Alternativen auseinandersetzen zu müssen. 

Denn Inhalte blieben in der Video-Kandidatur zuerst komplett aus, sie wurden im Online-"Bürgerdialog" aber zaghaft und mit doppeltem Boden nachgereicht. So richtig wollte Böhmermann sich neben der Forderung nach einer 100%-Erbschaftssteuer ab 1 Million Erbsumme, Abschaffung der GroKo und 7.000 Euro bedingungslosem Grundeinkommen für Ostdeutschland aber nicht aus der Nase ziehen lassen. 

Er komme ja sowieso mit eher dem "Personality-Ticket" ins Rennen, als mit Inhalten. 

Ob so die SPD gerettet werden kann, bleibt zu bezweifeln. Aber immerhin hatten wir was zu Lachen, als sie unterging.  


Gerechtigkeit

"Das Wort Rassismus ist überstrapaziert" – Jamil Jivani fragt sich, warum junge Männer so viel Ärger machen

Dschihadisten in Belgien, Rechtsnationalisten in den USA, Gangs in Chicago und Berlin: Überall da, wo es Ärger gibt, scheinen junge Männer überdurchschnittlich repräsentiert zu sein. 

Warum ist das so? Eine Antwort lautet: Weil ihre Herkunft, Armut und Hautfarbe den Platz in der Gesellschaft mitbestimmen.

Jamil Jivani, 30, hasst diese "Identitätspolitik". 

Jamil ist jung, schwarz und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, er ist Absolvent der Eliteuniversität Yale und politisch liberal. 

Für Menschen wie ihn wurde die Identitätspolitik erfunden. Trotzdem gehört er zu einer Gruppe junger Intellektueller, die ihr den Kampf angesagt haben.